Viktor ist zwanzig Jahre alt und Kellner in Veles, einer Kleinstadt in Mazedonien. Das sind keine guten Voraussetzungen, um Geschichte zu schreiben. Aber Viktor hat genau das getan, denn er hat zum Wahlsieg Donald Trumps beigetragen. Trump wäre womöglich nicht in das Amt des mächtigsten Mannes der Welt gewählt worden, wenn es nicht die Falschnachrichten gegeben hätte, die sogenannten Fake-News, millionenfach geteilt im Netz, aber: falsch.

Durch Fake-News wurde beispielsweise Trumps Konkurrentin Hillary Clinton beschädigt. Sie sei in Wahrheit ein Mann, war da zu lesen, ihre Mitarbeiter betrieben einen Kinderpornoring, sie habe einen Hirnschaden, sie leide an einer unheilbaren Krankheit, sie wolle WikiLeaks-Gründer Julian Assange ermorden lassen. Die Schrecklichkeiten wurden im Netz verbreitet, beglaubigt von "Experten" und "internen Quellen", millionenfach geteilt und gelikt. Dass sie frei erfunden waren, bemerkten viele Leser nicht.

Die Fake-News haben aus der US-Wahl das gemacht, was ausgerechnet Donald Trump immer beklagte: ein rigged system, ein manipuliertes System. Inzwischen fürchten Sicherheitsexperten, auch die Bundestagswahl in Deutschland im kommenden Jahr könnte durch Falschnachrichten beeinflusst werden. Erste Politiker fordern ein Verbot.

Viktor hat eine der Seiten betrieben, die solche Nachrichten verbreitet haben: thedailybox.com. Er hat die Falschnachrichten über Trump nicht selbst geschrieben, er ist beim Browsen auf amerikanischen Internetseiten darauf gestoßen, hat sie kopiert und dann weiterverbreitet. "Man muss sich mit Facebook auskennen. Das ist das Wichtigste. Ich habe mich auf den amerikanischen Markt konzentriert, wie alle anderen auch."

Alle anderen, das sind zig weitere meist jüngere Menschen in der Kleinstadt Veles in Mazedonien, die es gemacht haben wie Viktor. Sie haben Seiten mit Fake-News betrieben, weil man damit schnell viel Geld verdienen konnte, und sie haben die amerikanische Wahl als besonders lohnenswertes Geschäft entdeckt. Donald Trump brachte die Aufmerksamkeit, die sie brauchten.

Für Viktor war die Verbreitung von Falschnachrichten so etwas wie sein Nebenjob. Das Geld verdiente er mit den Klicks. Von Facebook gibt es pro Klick einen Cent und von Google zusätzlich Geld für Werbung, die auf den angeklickten Websites platziert werden kann. Manche Fake-News wurden mehr als eine halbe Million Mal geteilt und kommentiert. Und in Veles fabrizierten Viktor und andere Heimarbeiter sie am laufenden Band.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Nicht dass Viktor besonders daran interessiert gewesen wäre, wer in Amerika Präsident wird. Die USA sind viel zu weit weg von Mazedonien, als dass ihn das kümmerte. Er wollte bloß das Geld. Mehr war da nicht. Seine Seite ist, wie die meisten ähnlichen Seiten aus Veles, inzwischen geschlossen. Doch im Wahlkampf war sie gut besucht. "500 bis 700 Euro im Monat habe ich in den besten Zeiten verdient", erzählt Viktor.

Schmal und schüchtern ist dieser junge Mann – und wenn er von seinem Monatsverdienst erzählt, dann scheint ihm das ein wenig peinlich zu sein. 500 bis 700 Euro, das ist ja sehr viel Geld in Mazedonien. Der Durchschnittslohn hier beträgt 150 Euro.

Zeitweise waren 140 Internetseiten mit Falschnachrichten in dem Ort registriert

Ein Großverdiener war Viktor in diesem Geschäft trotzdem nicht. In den Cafés von Veles erzählt man sich, dass der Spitzenverdiener in knapp 50 Tagen 180.000 Euro kassiert habe. Treffen kann man den Mann nicht. Auch seinen Namen will niemand nennen. Es hat sich herumgesprochen, dass diese Sache mit den Fake-News zwar einträglich sein kann, aber doch Unwägbarkeiten birgt. Wer weiß, welche unbekannten Gefahren man heraufbeschwört, wenn man darüber spricht? Da ist es besser, allzu viel Öffentlichkeit zu vermeiden.