Alan Pauls' Roman Geschichte des Geldes ist ein Buch für Lupenleser. Man sollte unbedingt das innere Vergrößerungsglas aktivieren und die Augen in Zeitlupe über die mäandernden, gefühlt seitenlangen Sätze gleiten lassen, um die Ausgesuchtheit der Adjektive, die Passgenauigkeit der Metaphern gebührend schätzen zu können. Sehr gut formuliert! Aber ist es auch gut erzählt?

Der Titel führt schon mal in die Irre, genauso wie das Cover des Buches mit Perle und viel goldglänzendem Bling-Bling. Alle Pfeile weisen Richtung realistischer Gesellschaftsroman, und dann versinkt man in Schlangensätzen und merkt erst nach verwirrenden dreißig Seiten: Ach so, das bleibt so. Das ist die Erzählweise! Aber warum spricht denn der Klappentext so reißerisch von "Argentinien in den 70ern, Blütezeit der radikalen Linken"? Um fortzufahren: "Ein Stahlunternehmer stirbt bei einem Helikopterabsturz, sein randvoll mit Geld gefüllter Aktenkoffer verschwindet ohne jede Spur. Unfall oder Überfall?" Als sei Alan Pauls ein plotschmiedender Krimischreiber? Als sei es nicht völlig schnuppe, wer im Helikopter abstürzt und warum? Selbst die Tatsache, dass Argentinien während der Handlungszeit eine Diktatur ist, ist nicht von Belang, auch wenn Geschichte des Geldes nach der Geschichte der Tränen und der Geschichte der Haare den dritten Teil einer sogenannten Argentinien-Trilogie bildet.

In Wirklichkeit spielt das Buch im hochliterarischen "Reich der Schrift", wie Peter Handke sagen würde, und die Nachbarn des 1959 in Buenos Aires geborenen Alan Pauls heißen Marcel Proust und Vladimir Nabokov, aber auch Julien Green oder Gaito Gasdanow.

Ausschweifung und Konkretion. Detailverliebte Erinnerungsschleifen und Vergegenwärtigungen, bei denen die Figuren klar vor Augen erscheinen und gleichzeitig wundersam rätselhaft bleiben. Geschichte des Geldes ist ein Familienkammerspiel, aus Sicht eines wahrnehmungssensiblen Erben erzählt, also mit den Augen des ewigen Sohnes erlebt. Vater, Mutter, Kind und – als viertes Gespensterfamilienmitglied – das selbstverständlich zur Verfügung stehende, das unablässig ersehnte, beschworene, verprasste, abgewertete und schließlich vollständig zerronnene Geld. Der Vater: ein eleganter Pokerspieler und Geschäftemacher. Die Mutter: eine zu Depressionen neigende Erbin, die nach gescheiterter zweiter Ehe als verarmte Übersetzerin endet. Der Sohn: ein unbehaustes Kind, das es später nie schaffen wird, auf eigenen Füßen zu stehen, und ewig vom Geld seiner wechselnden Freundinnen gelebt hätte, wenn ihm nach dem Tod des Vaters nicht aus dubiosen Quellen ein Vermögen zugeflossen wäre. Mit viel Wohlwollen ließe sich sagen: Das omnipräsente, aber nie ganz greifbare, das willkürlich anbrandende und im nächsten Moment versickernde Geld ist so diktatorisch wie die Militärherrschaft, die schließlich auch willkürlich Menschen Macht zuspricht, sie in Folterkellern bricht oder in Baugruben verschwinden lässt. Doch das wäre eine manieristische Wendung zu viel. Die Geschichte hat es auch gar nicht nötig, ins gesellschaftlich Relevante aufgedonnert zu werden. Ihr Zauber besteht darin, dass Alan Pauls das Kommen und Gehen des Geldes, seine Wandlungen und wechselnden Erscheinungsformen in einem fließenden Sprachstrom nachzeichnet und umspült: "Wie rasch übrigens verschwindet das alles, verschlungen vom Hunger der Gegenwart. Von dem Geld, dem kleinen Kapital, das sein Vater, tollkühn oder nicht, das spielt keine Rolle mehr, vor der Geldentwertung bewahrt, indem er es dem russischen Roulette der Finanzspekulation überantwortet, und das er selbst auf seinen Rat hin sofort in Dollars konvertiert, ist ein Jahr später nichts mehr übrig, nicht ein Groschen, aufgefressen von der Renovierung, der Inflation, den Honoraren des Architekten, der am Tag der letzten Zahlungen, enttäuscht, weil er nicht die erwartete Vergütung bekommt, Türen schlagend das Weite sucht, dabei das Kirchenfenster neben der Eingangstür in Scherben legt – der Beitrag zur Wohnung, auf den er am meisten stolz war."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Alan Pauls schmiegt sich der Undurchsichtigkeit an. Auf Dauer wird allerdings genau das zum Problem. Man verliert nicht nur den Überblick, sondern auch die Geduld, weil der Autor partout jedem Einfall meint nachgeben zu müssen und entzückt jeder Arabeske hinterherschmeckt. Aber ist der Einschub "das spielt keine Rolle mehr" im obigen Zitat tatsächlich nötig? Bekommt der Architekt nun seine Honorare oder nicht? Wer den Leser zwingt, langsam zu lesen, darf sich nicht wundern, wenn der es, zunehmend verärgert, tatsächlich genau nimmt. Vielleicht passt das Gold auf dem Cover doch: Auch der Text klimpert.

Alan Pauls: Geschichte des Geldes. Aus dem Spanischen von Christian Hansen; Klett-Cotta, Stuttgart 2016; 271 S., 19,95 €, E-Book 15,99 €