Das ist lustig mit den Frühstückscafés – der seit voriger Woche amtierende Berliner Kultursenator Klaus Lederer von der Linken, 42, sucht sich das Café aus, das gleich nach der Wende eröffnete und ein Treffpunkt der Mitarbeiter von Castorfs alter Volksbühne und der Intelligenzija des alten Ost-Berlins ist (das Blaue Band in der Rosenthaler Straße). Erst mal muss vor dem Café ein selbst gedrehtes Zigarettchen geraucht werden. Ist das jetzt blöd, wenn man sagt, dass man ihm ansieht, dass er aus dem Osten stammt? Tut man halt (kurze Haare, schwarzes Reißverschluss-Jäckchen, die berühmten zwei Silberohrringe). Der Senator wirkt ein wenig wie ein Mitglied der ostdeutschen A-cappella-Gruppe Die Prinzen, und tatsächlich, in den frühen neunziger Jahren sang Lederer in der Gesangsgruppe Rostkehlchen am Prenzlauer Berg.

Rühreier mit Champignons. Wir legen, zum Einstieg, eine anstrengende Frage auf den Tisch. Noch vor seinem Amtsantritt hatte der designierte Senator sich Ärger eingehandelt, weil er in einem Radiointerview darüber nachgedacht hatte, die Personalie Chris Dercon – der soll im September bekanntlich die Volksbühne übernehmen – "überprüfen" zu wollen. Nutzt er dieses Interview, um sich beim neuen Volksbühnen-Chef zu entschuldigen? Gequältes Gesicht beim Senator: "Fürs Nachdenken braucht man sich nie zu entschuldigen." Ach so, stimmt. Er halte es für eine demokratische Selbstverständlichkeit, nach der Wahl keine andere Position als vor der Wahl zu vertreten: "Es ist die Frage, ob es für Herrn Dercon in Berlin nicht andere Orte mit Perspektive gibt." Kriegt Dercon seine Spielstätte am Tempelhofer Feld? Das kann er derzeit noch nicht sagen.

Jetzt hat er sehr schnell, flüssig und auf Berlinerisch, ganz viel gesagt, das voll okay und weiter nicht der Rede wert ist: So spricht der Kulturpolitiker. Aus der Hüfte geantwortet: Ist Kultursenator einfach lustiger als Sozialsenator? "Lustig ist kein Kriterium." Berlin sei eben nicht als Industrie- oder als Bankenstadt bekannt, sondern für seine Kultur. Ihm gehe es, unter anderem, darum, die vielen unbesetzten und freien Kulturräume, die nach der Wende entstanden seien, zu erhalten. Lederer nennt das Schokoladenmuseum und den Eimer als verdrängungsbedrohte Kunsträume.

Wahnsinn. Wie kriegt man aus diesem sich so jugendlich und sympathisch gerierenden Mann einen Satz heraus, der nicht komplett nach Linken-Kultursenator klingt? Frage: Wie kriegen wir seine Ost-Seele zum Schwingen? Teilt er den Blick der Linken-Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht, der die kaputten Trump-USA fremder sind als das kaputte Putin-Russland?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Er habe beide Länder, die USA und Russland, bereist. Und jetzt kommt er doch ins Erzählen aus seiner ganz normalen, gebrochenen Ost-Biografie: gleich sehr interessant. Lederer, in Schwerin geboren, in Frankfurt (Oder) aufgewachsen, war 14, als die Mauer fiel. Sein Blick auf den Kapitalismus sei natürlich vom Osten geprägt. Mieten runter, Kampf gegen Armut, mehr Geld für soziale Infrastruktur: Links sein, das bedeute für ihn, sich immer zu fragen – ach, du schöne Linken-Poesie –, ob es nicht auch anders geht. Eine Menge, so der bekennende Schwule Klaus Lederer, sei für ihn kaputtgegangen, als erst in St. Petersburg, dann in ganz Russland die grauenhaften Gesetze gegen Homosexuelle erlassen wurden.

Noch eine Selbstgedrehte vor der Tür. Ist das realistisch, dass Rot-Rot-Grün 2017 im Bund an die Regierung kommt? "Die Koalition muss sich aus Berlin heraus bewähren. Wir müssen liefern." Ein Zufall, dass er die zwei Silberringe im linken Ohr trägt? Nee. Das wird ihm jetzt wirklich zu bescheuert.

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