Die Zahlen sind bekannt: 21 Bände umfasst die französische Ausgabe von Prousts bekannter Korrespondenz, 4.500 Briefe, die aber nur den zwanzigsten Teil seines effektiven Briefwerks ausmachen. Proust dürfte in den 51 Jahren seines Lebens an die 90.000 Epistel geschrieben haben, glaubt Philip Kolb, der es wissen muss, denn er hat ein beneidenswertes Gelehrtenleben allein damit verbracht, Prousts Briefe aufzuspüren, herauszugeben und zu kommentieren. Da Proust erst mit 17 Jahren zum heftigen Briefschreiber wurde, ergäbe das etwa sieben Briefe pro Tag. Wozu man dann an täglicher Schreibarbeit noch die eng beschriebenen 95 Hefte und vier Notizbücher rechnen müsste, in denen Proust seinen siebenbändigen Roman Auf der Suche nach der verlorenen Zeit entwarf und niederschrieb, von den Tausenden Seiten der früheren Werke zu schweigen.

Die Zahlen sind bekannt, aber kann man sich das alles wirklich vorstellen? Kann man sich in befriedigender Lebensnähe insbesondere die Jahre zwischen 1905, dem Todesjahr von Prousts Mutter, und 1922, seinem eigenen, vorstellen? Die Jahre, in denen Proust, von wenigen euphorischen Wochen und Tagen abgesehen, sein Schlafzimmer nur sporadisch verließ und sich, von Krankheiten und Todesahnungen bedrängt, ewig schreibend auf seinen Roman zubewegte? Andere Leute leben, und hin und wieder schreiben sie einen Brief oder einen Text. Proust tat das Gegenteil: Er beschrieb Heft- und Briefseiten, und hin und wieder, immer seltener, verließ er sein Zimmer und ging aus. "Seit fünfzehn Jahren lebe ich liegend", schrieb er 1919 in einem Brief, da war er 48 und hatte noch drei Jahre zu leben. "Will heißen: ganz und gar liegend, ich stehe keine Minute in meinem Zimmer auf. Diese unaufhörlichen Asthmaanfällen geschuldete Bettlägerigkeit wurde etwa alle vierzehn Tage durch einen Abend unterbrochen, an dem ich, wenn die Anfälle sich beruhigten, aufstand und ausging." Er lebte liegend, und er schrieb liegend, einen Schreibtisch hat er zeitlebens nie benutzt. "Ich schreibe im Liegen, auf einen Ellenbogen gestützt und das Papier im Leeren. Nach zehn Zeilen bin ich gerädert." Und da er meist erst gegen Abend aufwachte und morgens um sieben zu Bett ging, schrieb er naturgemäß nachts, wenn die Freunde, an die seine Briefe gerichtet waren, schliefen.

Die unzähligen Schreiben, die in der Nacht entstanden, waren nicht ein Hilfsmittel seines Lebens, sie waren sein Leben. Sie beginnen zwar meist mit etwas Organisatorischem, einer Erkundigung, einer Vermittlung, einer Bitte, weiten sich dann aber, durchsetzt von Klagen, dass er zu krank sei, um überhaupt schreiben zu können, und ohnehin bald sterben werde, zu hinreißend formulierten Ergüssen über Gott und die Welt aus – in den besten Jahren, 1917 etwa, liest sich die Folge der Briefe wie ein autobiografischer innerer Monolog. Ein dialogischer, geselliger Monolog freilich. Denn die Briefe waren sein wahres Gesprächsleben mit seinen Freunden, die er selten sah und denen er oft schrieb. Er las, lobte und kritisierte sie in den Briefen, er liebte, ersehnte und umschmeichelte sie. Briefe waren das vollkommene Medium für einen wie Proust, der nur eines noch mehr brauchte als Austausch und Anerkennung: Einsamkeit. Briefe brachten ihm seine Freunde nahe. Und hielten sie ihm gleichzeitig vom Leib. Dieses Schreiben als Leben rückt die Briefe durchaus in den weiten Bedeutungshof des Satzes aus der Wiedergefundenen Zeit, auf den Prousts Roman wie auf keinen zweiten zuläuft: "Das wahre Leben, das endlich entdeckte und ans Licht gebrachte Leben, das folglich einzige voll und ganz gelebte Leben ist die Literatur."

Je intimer er wird, umso mehr versteckt er sich hinter Masken

Das alles muss man sich vor Augen halten, wenn man sich auf die Exkursion durch die 572 fabelhaft kommentierten und übersetzten Proust-Briefe macht, die Jürgen Ritte bei Suhrkamp auf den 1.500 Seiten zweier schön gestalteter Bände herausgegeben hat. Von allem Anfang an bezeugen diese Briefe die Vermischung von Leben und Schreiben. Gleich die ersten von Proust überhaupt überlieferten Zeilen, ein orthografisch noch ganz wackliger Entschuldigungsbrief des Siebenjährigen an den Großvater, enden mit einer 125 Jahre unentdeckt gebliebenen klitzekleinen Stilimitation: der frechen und teuflisch guten Nachahmung des mütterlichen Namenskürzels. Und Nachahmungen, Pastiches, bleiben das bevorzugte Stilmittel in den hinreißenden, frühgenialen Briefen des Schülers. Je vitaler und intimer er schreibt, desto mehr versteckt sich der junge Proust hinter literarischen Maskenspielen, bisweilen in halsbrecherischer stilimitatorischer Hochleistungsakrobatik. Schon im vierten Brief schießt der 15-Jährige ein so aberwitziges Feuerwerk spottender Stilparodien von Corneille über Racine bis zu Gautier auf seine arme Großmama ab, dass er sich eine harsche Standpauke einhandelt. Die Großmutter ahnte wohl ihres Enkels anarchische und ungebärdige Seite, die in der Tat bald darauf mit aller Macht durchbrach.

"Ist er ein Päderast, ist er ein Irrer, ist er ein Schaumschläger?"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Die Entdeckung seiner schwulen Sexualität führt den 17-Jährigen nicht nur zu ungeschickten brieflichen Kuschel- und Masturbationsvorschlägen, sie befeuert auch seine stilistischen Maskeraden so sehr, dass ein erstes Mal gar die Recherche aufblitzt. In zwei vertraulichen Briefen an den Schulfreund Robert Dreyfus aus dem September 1888 inszeniert Proust, in Vorwegnahme des moi multiple, des multiplen Ichs seines Romans, erst seine Zweifel als Gespräch verschiedener Herren in seinem Innern und macht sich, im zweiten Brief, zum Helden eines kleinen Proust-Romans, in dem er andere über diesen etwas unsympathischen Proust herziehen lässt: "Ist er ein Päderast, ist er ein Irrer, ist er ein Schaumschläger, ist er ein Dummkopf? Am Ende ist er vielleicht alle 4 auf einmal. Jedenfalls hat er den Schlüssel zu einer ganzen Reihe kleiner Romane." – Schade, dass der deutsche Herausgeber gerade hier die aufs Romanwerk verweisenden Kommentare der französischen Edition, auf die er sich fast zur Gänze stützt, gekürzt hat.

Das Spiel mit dem Schreiben und dem Leben setzt sich fort in der wunderbaren Brieffolge mit der jüdischen Salongastgeberin Geneviève Straus. Ihrem hochberühmten Witz setzt Proust seinen nicht minder funkelnden entgegen, in Briefen, in denen das Perlen der Salonkonversation nachklingt, in der Proust legendär gut war. Zugleich sind diese Schreiben aber auch allesamt Vorstudien des esprit de Guermantes, des sprühenden Geistes, den Proust der Herzogin von Guermantes, seiner geliebten und gehassten Romanfigur, verliehen hat – die Adligen seiner Zeit fand Proust so geistlos, dass er ihnen im Roman den Esprit der Madame Straus, einer Jüdin bürgerlichen Standes, einhauchen musste.

Noch wo es fast verschwindet, leuchtet Prousts literarisches Maskenspiel in den unzähligen Nuggets zitierter klassischer Gedichtzeilen doch immer wieder auf. Verse stehen Proust in jeder Lebenslage für den treffenden Ausdruck zur Verfügung. In Gedichtzeilen codierte Intimitäten durchziehen die liebenden und grollenden Briefe an die Mutter, sie erwärmen die bewegenden Trauerbriefe an die Freunde, und sie punktieren die sagenhaft offenen Streitbriefe, mit denen Proust wo nötig seine Freunde eindeckt – Streit und Wahrheitsliebe bis an die Grenze der Peinlichkeit nämlich kennzeichnen ihn ohnehin mehr als die Schmeichelei, die ihm immer wieder vorgeworfen wird.

Doch manchmal hört auch Proust, der noch wenige Stunden vor seinem Tod seiner Haushälterin letzte bittere Scherze in den Roman hineindiktierte, mit dem Spielen auf. Er wird ernst, wenn er einen Freund in der Dreyfus-Affäre an sein jüdisches Erbteil erinnert. Er wird ernst und leidenschaftlich, wenn er im Ersten Weltkrieg gegen den Chauvinismus und den Hass auf die deutsche Kultur anschreibt. Und er wechselt in einen kühlen Essayton in den wenigen Schreiben, in denen er Einblick in seinen Roman, den er meist "eine Art Roman" nennt, gibt. Welch ein Fund die Briefe, die Proust zu einem Geistesverwandten des von ihm nie gelesenen Freud machen. "Wo Es war, soll Ich werden", schrieb Freud – und Proust: Er "fische" in seinem Roman "in den Tiefen unseres Unbewussten", um "dieses dämmrige Unbewusste ins volle Licht des Verstandes zu überführen" (hier wäre übrigens "überzuführen" korrekter).

Im Großen und Ganzen sind es zwei Dinge, die Proust an seinem Roman hervorhebt: Zum einen ist ihm das Systematische wichtig, die "strenge Konstruktion", der "im ganzen Werk vorherrschende metaphysische Gesichtspunkt". Er sei "auf dem Weg zur objektivsten und zugleich gläubigsten aller Folgerungen". Die Kindheitserinnerungen seien bloßes Beispiel für "eine ganze Theorie der Erinnerung und der Erkenntnis". Damit bezog sich Proust auf eine berühmte Formulierung aus der Wiedergefundenen Zeit: "Die Wahrheit beginnt erst in dem Augenblick, wenn der Schriftsteller, wie das Leben es tut, in zwei Empfindungen etwas Gemeinsames aufzeigt und so ihre gemeinsame Essenz freilegt, wenn er, um sie den Zufälligkeiten der Zeit zu entziehen, die eine mit der anderen vereint: in einer Metapher."

Zum andern hält Proust beharrlich und wider alle zahlreichen Einreden an "der außerordentlichen Unsittlichkeit des Werkes" fest. Die damit gemeinte Darstellung der Homosexualität scheint ihm, der sich doch duelliert hat, um nicht mit der Homosexualität in Verbindung gebracht zu werden, fast das Wichtigste gewesen zu sein.

Umso mehr fällt es auf, dass Proust in den Briefen über seinen Roman und über seine Homosexualität bemerkenswert wenig sagt. Die Briefe an seinen Verleger sind schrecklich ledern und betreffen vor allem Äußerlichkeiten. Viele männerfreundschaftliche Briefe an Lucien Daudet und alle an Bertrand de Fénelon haben die Erben noch nicht freigegeben. Und den einzigartigen Brief, in dem Proust über seine oralen Lüste spricht, bringt Ritte grundlos just um diese gekürzt. Aber hat Proust uns nicht ohnehin gelehrt, dass die aus dem moi profond, dem Tiefen-Ich, stammende Lebenswahrheit eines Autors in seinem Werk und nicht im konventionellen sozialen Ich seines Lebens und seiner Briefe zu finden ist? Nichts also liegt näher, als die Lektüre der Briefe mit derjenigen der Suche nach der verlorenen Zeit fortzusetzen, die in der eben vollendeten Gesamtübersetzung durch Bernd-Jürgen Fischer bei Reclam in neuen Farben und begleitet von einem kühnen Kommentar erstrahlt. Dass Proust in seinen Briefen immer so spricht, als sei das erzählende Ich seines Romans mit seinem eigenen Ich eben doch identisch, darf man in diese Lektüre mitnehmen.

Marcel Proust: Briefe. Herausgegeben, ausgewählt und kommentiert von Jürgen Ritte auf Grundlage der Briefedition von Françoise Leriche; a. d. Frz. v. J. Ritte, A. Russer u. B. Schwibs; Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2016; 2 Bde., 1479 S., 78,– €