"Ich bin" – so charakterisierte Martin Luther seine Person und seinen Auftrag – "dazu geboren, das ich mit den rotten und teuffeln mus kriegen und zu felde ligen, darumb meiner buecher viel stuermisch und kriegerisch sind. Ich mus die kloetze und stemme ausrotten, dornen und hecken weg hawen, die pfuetzen ausfullen und bin der grobe waldrechter, der die ban brechen und zurichten muss." Luther wusste also um seine Ecken und Kanten. Die protestantische Nachwelt hat sie abgeschliffen zugunsten eines heroischen, nicht selten auch süßlichen Reformators.

Im Moment des 500. Reformationsgedächtnisses ist jedoch nüchterner Realismus geboten, der positiv verherrlichende Verzeichnungen ebenso vermeidet wie negativ verdammende. Ein realistisches Bild von Luther und der Reformation zu entwerfen bedeutet als Erstes, den Wittenberger und seine Gegenspieler aus ihrer Zeit heraus zu begreifen. Sie lebten in einer Epoche des Umbruchs, des beschleunigten Wandels, der tiefen Verunsicherung der Menschen und der Suche nach verlässlicher Wahrheit – eine soziopsychologische Situation also, die uns fast vertraut erscheint. Indes, die Bauprinzipien von Staat und Gesellschaft waren grundverschieden zu den heutigen, ebenso die Denkweisen und Emotionen der Menschen – ihre Ängste ebenso wie ihre Hoffnungen. Die Reformationsepoche und die Gegenwart trennt der fundamentale Wandel des Aufklärungszeitalters!

Damals war ein magisches Weltbild bestimmend, und zwar auch für die Gelehrten und die Politiker an den Höfen und den Regierungskanzleien. Hexen, Dämonen und Teufel gehörten zur alltäglichen Realität und dementsprechend die Furcht vor ihrem Schadenszauber.

Zeitgeschichte war Heilsgeschichte, das heißt, sie wurde als Ausdruck des eschatologischen Ringens zwischen Gott und Teufel begriffen; als ein Ringen um Ordnung oder Unordnung im Diesseits wie im Jenseits, das jede Menschenseele direkt erfasste. Kirche und politische Ordnung waren strukturell verschränkt; Religion war allzuständig, in öffentlichen wie in privaten Räumen. Staatliche Institutionen im modernen Sinne gab es erst in Ansätzen, Souveränität und Gewaltmonopol waren erst noch gegen den zähen Widerstand älterer, vorstaatlicher Kräfte durchzusetzen – gegen den Adel, Ritterschaft und Klerus, aber auch gegen beharrende Tendenzen in Städten und Dörfern.

Die Größe des Reformators bestand nicht darin, den Rahmen seiner Welt zu sprengen. Er hat sich ihrer geistigen Grundlagen neu versichert. Und das konnte für ihn nur religiös-theologisch geschehen. Luther ist uns sowohl in seinem Denkansatz als auch in seinen Lösungen zutiefst fremd. Doch gerade diese Fremdheit ermöglicht es, ohne erneute Vereinnahmung den historischen Rang und die Bedeutung des Reformators für Gegenwart und Zukunft zu bestimmen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Luther wie seine Zeitgenossen trennen Lichtjahre von Lessings aufgeklärt-toleranter Ringparabel. Eine religiöse Wahrheit konnte der Reformator weder Juden oder Muslimen noch anders denkenden Christen zuerkennen.

Als Rabbiner ihn in Wittenberg besuchten, um über das Alte Testament zu diskutieren, endete das in der katastrophalen Wendung hin zu den schlimmen antijüdischen Schriften der späten Jahre. Der Reformator war unfähig zu einem offenen Dialog, von Toleranz ganz zu schweigen. Er bestand auf seinem absoluten Wahrheitsanspruch. Wer diese für ihn eindeutig klare Wahrheit nicht teilte, der musste bösartig verstockt sein – Papst, Juden, Muslime ebenso wie Abweichler im eigenen Lager. Mehr noch, sie waren Agenten des Teufels und Antichrists, der die Menschen verderben will, indem er das eben restituierte wahre Evangelium wieder in Unwahrheit verkehrt. Diese eschatologische Angst war der Nährboden für die wütenden Angriffe des alten Luther auf die Juden, die er aus den evangelischen Städten und Territorien vertrieben sehen wollte. Zugrunde lagen kein rassistischer Antisemitismus, sondern Vernichtungsfantasien aus magischem Reinheitswahn gegen alle, die seine evangelische (dogmatische) Reinheit "beschmutzen" und damit die Menschen – dessen war er sich sicher – wieder vom Heil abbringen würden.