Im untersten Fach seines Bücherregals bewahrt Martin Pavlik zehn Notizhefte auf. Darin: Stichpunkte zu knapp 400 Zugfahrten, Fotos von Pavlik mit Mütze neben einer Reisegruppe, ein Bild seiner cremefarbenen Lieblingslok. Martin Pavlik, 32, Zugführer bei der Nachtzugsparte der Deutschen Bahn, führt Buch, als wäre er selbst Reisender, und so sieht er sich auch.

Eintrag vom 24. August 2016: RF: Schweigeminute am Brenner.

Im vergangenen Sommer fuhr Pavlik den "Römer", von München nach Italien, als in Amatrice die Erde bebte. Er bekam Anrufe von holländischen Kollegen, italienischen Kollegen, deutschen Kollegen, wie geht es dir. Als die Zahl der Toten wuchs und wuchs, stoppte Pavlik am Brenner den Zug und ließ seine Schaffner absteigen, für eine Schweigeminute. Es passiert nicht oft, dass Pavlik einen pünktlichen Zug anhält, aber diesmal musste es sein.

Kurz nach dem Erdbeben in Italien hat Pavlik ein zehntes Reisetagebuch begonnen. Die zweite Hälfte wird leer bleiben. In den vergangenen Tagen fuhren die letzten Nachtzüge der Deutschen Bahn. Der Konzern sagt, Schlafwagen rechneten sich nicht. Kritiker sagen, die Bahn scheue Investitionen, um sie profitabel zu machen. Die österreichische Eisenbahn wird ein paar Nachtzugstrecken übernehmen, aber nur wenige, und nicht die 300 Mitarbeiter. Sie wechseln nun auf andere Stellen oder verlassen das Unternehmen. Pavlik wird bei BahnTouristikExpress Sonderfahrten für Firmen begleiten oder Pilgerzüge nach Lourdes. Mit ihm und dem Nachtzug ist es dann vorbei. Was geht da genau verloren? Verbindungen? Gute Arbeitsplätze? Oder doch mehr?

Es ist Mitte November, eine dunkelgraue Nacht, als Martin Pavlik seine letzte Fahrt nach Amsterdam macht, Start in München, Halt in Göppingen, Köln, Duisburg und Arnheim, Reisedauer 10 Stunden 44 Minuten. Pavlik ist heute Herr über zwei Schlaf-, sechs Liege- und vier Sitzwagen. Als Zugführer entscheidet er, wann der Zug abfährt, er ist verantwortlich für die Sicherheit an Bord, und nur er darf die Polizei rufen oder Passagiere rauswerfen.

Der Amsterdamer ist zu zwei Dritteln gebucht. Im Schlafwagen nächtigen Geschäftsmänner, im Liegewagen dösen Reisegruppen. Im Sitzwagen treffen Partytouristen, Nachtpendler und Obdachlose aufeinander. Dort ist es voll, das Licht ist sanft, man fühlt sich wie in einem Wohnzimmer aus den Sechzigern. Hier sind keine Sitze, sondern Sessel, drei pro Reihe, plüschig und orangebraun. Die Spätpendler nach Schwaben erkennt Pavlik an den Laptops, die Partytouristen am Bier. Doch es gibt auch Leute, die schlafen – zwei Sorten: die schüchternen, in sich zusammengesunkenen Schläfer und die ausgreifenden, die ihre Beine von sich strecken und den Kopf in den Gang hängen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

In einer Vierergruppe sitzen Aaron und Hannah aus Wales, die ihre zehnjährige Beziehung mit einer Interrail-Reise feiern: Holland, Deutschland, Skandinavien, Polen und Ungarn in einem Monat. Auch auf anderen Touren haben sie schon oft den Nachtzug genommen, um sich das Hotel zu sparen, immer im Sitzwagen. "A great place to meet people", sagt Aaron. Heute haben sie Björren getroffen, einen langen Holländer um die 30 mit dem Gesicht eines 15-Jährigen. Björren ist laut und betrunken, auf eine sehr charmante Art. Bei jedem Halt rennt er auf den Bahnsteig und qualmt eine Einminutenzigarette.

Es ist zu warm im Wagen, Pavlik dreht die Heizung herunter und dimmt das Licht für die, die schlafen wollen.

Pavlik hat eine Knubbelnase, kleine Augen und einen Bauch; eine gemütliche Autorität. Pavliks Eltern flohen aus der sozialistischen Diktatur in der Tschechoslowakei, er wuchs in Oberbayern auf. In den Semesterferien, Pavlik studierte die Geschichte Osteuropas, reiste er mit dem Nachtzug nach Polen und in die Ukraine. Als er nach dem Studium keine Aussicht auf eine akademische Karriere hatte, fand er beim Nachtzug einen festen Job. Und traf dort einige Geisteswissenschaftler. Es gibt eine alte Verbindung zwischen Uni und Nachtzug: Früher arbeiteten viele Studentenschaffner saisonweise in Ski- oder Badezügen. Sie konnten Fremdsprachen und kamen kostenlos nach Italien. Pavlik wollte das nur ein Jahr machen, aber er kam nicht mehr davon los.

© ZEIT-Grafik

Diesen, Pavliks letzten Zug nach Amsterdam bedienen noch Schlafwagenschaffner Jörg Zitzmann, der von McDonald's zum Germanistikstudium fand und dann zum Nachtzug; Björn Rembarz, gelernter Bäcker mit Mehlstauballergie, der auf jede seiner Fahrten Kuscheltiere mitnimmt und ihnen eine eigene Facebook-Seite eingerichtet hat; und Lothar Gleu, Ex-Buddhist, Existenzialist, Sportlehrer. Sie alle hat, an Wendepunkten ihres Lebens, der Nachtzug zusammengebracht. Sie alle sind ihm treu geblieben, und wenn man Pavlik glaubt, dann sind sie süchtig.

Süchtig danach, an einem kalten Tag in München loszufahren, durch den Nebel am Brenner, und die erste Sonne eines Mittelmeerhimmels zu sehen. Süchtig nach der Ruhe zwischen drei und fünf Uhr nachts, nach dem letzten und vor dem ersten Zustieg, wenn sie die Gänge ganz für sich haben. Wenn die Reisenden in ihren Abteilen liegen, langsam in den Schlaf gleitend, die Betten schwanken wie auf Planken, die Oberleitungen pfeifen, ein Gefühl wie im Bauch eines Maschinenraums.