In den Jahrzehnten nach 1815 ging ein Gespenst um in Europa – das Gespenst der Revolution. Die Regierenden waren gepeinigt von der Vorstellung, dass die Kräfte, welche die Französische Revolution von 1789 entfesselt hatte, vielleicht nur vorübergehend eingedämmt worden seien und jederzeit, wie ein Vulkan, wieder ausbrechen könnten. Aus dieser Furcht heraus suchten sie die auf dem Wiener Kongress 1814/15 ausgehandelte Ordnung mit allen Mitteln zu verteidigen. Dies ist das Thema des neuen Buches von Adam Zamoyski, das 2014 in England erschienen ist und jetzt in einer vorzüglichen deutschen Übersetzung vorliegt.

Der in London lebende britische Historiker polnischer Herkunft ist hierzulande kein Unbekannter. Seine Darstellung von Napoleons Russlandfeldzug 1812 – ein Meisterstück historischer Erzählkunst – stand monatelang auf den Bestsellerlisten. Auch sein Buch über das Epochenjahr 1815Napoleons Sturz und der Wiener Kongress wurde von der Kritik zu Recht gefeiert.

Sein neues Werk Phantome des Terrors schließt unmittelbar daran an. Es setzt ein mit der Verbannung Napoleon Bonapartes auf die Insel St. Helena im Südatlantik. "Wenn ich fort bin", ließ sich der Ex-Kaiser der Franzosen vernehmen, "wird die Revolution – oder vielmehr die Ideen, die sie inspirierten – ihr Werk mit erneuter Kraft fortsetzen." Ebendiese Aussicht ließ die gekrönten Häupter Europas in Panik geraten und ließ sie zu einem ausgeklügelten System der Repression Zuflucht nehmen, das alle freiheitlichen Regungen, alle liberalen Bestrebungen bereits im Keim ersticken sollte.

Als Schlüsselfigur in diesem reaktionären Szenario fungiert Clemens Fürst von Metternich. Der Autor Zamoyski setzt einen entschiedenen Kontrapunkt zur jüngst erschienenen Biografie Wolfram Siemanns, die uns Metternich als modernen Staatsmann und visionären Strategen nahezubringen suchte. Bei Zamoyski erscheint der österreichische Staatskanzler hingegen als ein von irrationalen Ängsten zerfressener Kleingeist, dem schon die geringste Störung der öffentlichen Ordnung aus tiefstem Herzen verhasst war. So unterhielt er ein Heer von Agenten, die alle Lebensbereiche der Bürger ausspionierten. "Mir entgeht nichts", pflegte er zu sagen, und er rühmte sich, "der große Polizeiminister Europas" zu sein.

Sein System der Überwachung und Unterdrückung übertrug Metternich auf die italienischen Besitzungen Österreichs und – nach dem Attentat des Studenten Karl Sand auf den Schriftsteller August Kotzebue im März 1819 – auch auf die Staaten des Deutschen Bundes. Die berüchtigten Karlsbader Beschlüsse vom August 1819, durch die Presse und Universitäten einer strengen Kontrolle unterworfen wurden, trugen ganz die Handschrift Metternichs und seines engsten Beraters Friedrich von Gentz.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Allerdings macht der britische Historiker deutlich, dass das Österreich Metternichs beileibe nicht die einzige Macht war, die überall die Hydra der Revolution lauern sah. Die Herrscher Preußens und Russlands – der beiden anderen Mächte der "Heiligen Allianz" – standen ihm, was den Verfolgungswahn betraf, in nichts nach. Polizeiapparate wurden massiv ausgebaut, Zeitungen und Bücher zensiert, sogenannte "Demagogen" verfolgt. Das Spitzelwesen blühte in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Und obwohl die Berichte der Informanten in der Regel von haltlosen Verdächtigungen strotzten, fanden sie in den Kabinetten geneigte Ohren.

Selbst in England, dem Mutterland der Demokratie, grassierte die Angst vor revolutionärer Ansteckung, wurden die Verfechter einer Parlamentsreform und einer moderaten Ausweitung des Wahlrechts als "Jakobiner" verunglimpft und unnachsichtig verfolgt.

So entstand ein Klima des allgegenwärtigen Verdachts. Wo immer nach 1815 Unruhen ausbrachen, sich Freiheitsbewegungen regten – ob in Italien, Spanien, Griechenland oder Polen –, galten sie als Beweis für eine internationale Verschwörung, die von einer Revolutionszentrale in Paris, einem comité directeur, gesteuert wurde. In gewisser Weise, so hebt der Autor hervor, wurden die Regierenden zum Opfer der Bedrohungsängste, die sie selbst geschürt hatten. Sie jagten einem Phantom nach, das nur in ihrer Einbildung existierte.

Ironischerweise – das ist die Pointe dieses Buches – trugen sie damit dazu bei, gerade das zu befördern, was sie verhindern wollten. 1830 setzte die Julirevolution in Frankreich der restaurierten Bourbonen-Dynastie ein Ende. In mehreren Staaten des Deutschen Bundes kam es zu Aufständen. Der Versuch, durch eine abermalige Verschärfung der Repressivmaßnahmen noch einmal Friedhofsruhe herzustellen, scheiterte. 1848 krähte der gallische Hahn ein weiteres Mal. Auch in Österreich und Preußen siegte die Revolution. Metternich musste Hals über Kopf nach London flüchten.

In diesem Buch erweist sich Adam Zamoyski erneut als ein glänzender Geschichtserzähler. Seine Porträts der führenden Akteure sind allesamt Kabinettstücke biografischer Verdichtung. Mit feinem Humor und einem Sinn fürs anekdotische Detail breitet er genüsslich aus, zu welchen Absurditäten die Überwachungsparanoia der Herrschenden führte. Das Ganze liest sich, trotz der ernsten Thematik, unterhaltsam, zum Teil ausgesprochen amüsant.

Der Autor vermeidet vorschnelle Aktualisierungen, doch hält sein Buch eine eindringliche Lehre für unsere Gegenwart bereit: Auch in Zeiten des internationalen Terrorismus sollten die Regierenden nicht der Versuchung erliegen, die Gefahrenlage zu dramatisieren, um unter Hinweis auf eine allgegenwärtige Bedrohung immer schärfere Gesetze durchzupauken und Freiheitsrechte zu beschneiden. Denn sonst könnte es wiederum passieren, dass sie das Gegenteil dessen bewirken, was sie eigentlich beabsichtigt haben.

Adam Zamoyski: Phantome des Terrors. Aus dem Englischen von Andreas Nohl; Verlag C. H. Beck, München 2016; 618 S., 29,95 €, als E-Book 24,99 €