"Freihandel? Ein schöner Traum. Ausgeträumt!" Der Mann, der das sagt, kennt sich aus mit der Handelspolitik. Er ist Diplomat, will ungenannt bleiben, wenn er offen redet. Wenn er klagt. Über die neue Unberechenbarkeit der Amerikaner. Die knallharte Industriepolitik der Chinesen. Die vielen anderen Mittel, mit denen Politiker weltweit den Wettbewerb immer stärker behindern. Der Mann hat Jahre damit verbracht, in fernen Ländern Handelshemmnisse aufzuspüren: Zölle, versteckte Subventionen oder spezielle Regeln zur Abwehr der europäischen Industrie. Sein Job war es, diese dann in zähen Runden wegzuverhandeln. Langsam, aber stetig, sagt er, seien er und seine Mitstreiter recht erfolgreich gewesen. Doch seit ein paar Monaten fühlt er sich immer einsamer auf seinem Posten, da kippe was. Da sei auf einmal in den Industrieländern der Protektionismus en vogue und in den Regierungen vieler Schwellenländer eine neue Aggressivität.

Die EU habe für diese neue Welt noch nicht die richtige Formel gefunden, findet er. Sie müsse aufwachen, robuster werden und weniger idealistisch. Die "Schutzmechanismen" für ihre Wirtschaft seien veraltet.

Schutz? Bisher nannten Ökonomen das "Protektionismus". Sie warnten ihre Studenten eindringlich davor und erinnerten immer wieder an die Faustregel: Offene Märkte schaffen Wohlstand. Eine lange Reihe bekannter Unternehmer und Topmanager wie Deutsche-Bank-Chef John Cryan, Jack Ma, der Chef der chinesischen Amazon-Kopie Alibaba, und Axel Weber, Aufsichtsratschef der UBS, schickten erst in der vergangenen Woche einen offenen Brief an die G20-Regierungen und baten darin, den "Verlockungen" zu widerstehen, sich nicht in "protektionistische Maßnahmen wie Handelsbarrieren oder Beschränkungen ausländischer Investitionen zu flüchten". Besonders eindringlich appellierten sie an die Bundesregierung, denn die hat gerade die G20-Präsidentschaft übernommen.

Das Hoffen auf Berlin speist sich aus der Vergangenheit: Vor allem die deutschen Regierungen setzten bisher fest darauf, dass sich der Welthandel im Grundsatz so entwickelt wie der innerhalb der EU. Nach dem Muster: Regierungen unterwerfen sich gemeinsamen Regeln, die Unternehmen werden unabhängiger von Subventionen und politischer Willkür. Es gibt keine nationalen Champions, oder die genießen wenigstens keinen besonderen Schutz. Zölle verschwinden. Genau wie die Exporthilfen. Die Welt, so die Hoffnung, setzt langfristig auf fairen oder wenigstens halbwegs fairen Wettbewerb.

Nur, wie lange kann sich eine Regierung so ein Ideal leisten? Oder konkreter: Wie lange darf sie zusehen, wenn deutsche Unternehmen unter staatlich geschützten Konkurrenten aus dem Ausland leiden?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Da droht der kommende amerikanische Präsident Donald Trump noch vor Amtsantritt fast wöchentlich damit, Strafzölle zu verhängen. Mal gegen China, mal gegen Mexiko. Noch hat er die EU nicht im Visier, aber ob das so bleibt? Dabei redet Trump nur besonders lautstark von etwas, das andere längst tun: Allein in der G20, also dem Club der wichtigsten Volkswirtschaften der Welt, ist nach Berechnungen des Centre for Economic Policy Research die Zahl der Maßnahmen zum Schutz der eigenen Wirtschaft seit 2009 von 155 auf 463 gestiegen.

Gerade erschwert es die chinesische Regierung ausländischen Investoren, Gewinne ins Ausland zu transferieren. Zugleich erlaubt sie ihren Unternehmen, sich mit staatlicher Hilfe im Ausland einzukaufen: Nach Berechnungen der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young kauften die Chinesen im Jahr 2005 gerade mal 34 europäische Unternehmen, im ersten Halbjahr 2016 bereits 164. Und dann stützt ihre Regierung auch noch mit billigen Krediten ihre Stahlbranche, die dadurch überschüssige Ware zu Schleuderpreisen auf den Weltmarkt werfen kann. Seit Monaten klagt die europäische Stahlindustrie über diese Praktiken. All das habe, so sagen Experten in Brüssel und Berlin, wenig mit Marktwirtschaft zu tun und viel mit strategischer Handelspolitik.