In der belgischen Stadt Leuven hat das Wort Geschichte einen dunklen Klang. Zweimal legten deutsche Truppen die prachtvolle Bibliothek in Schutt und Asche; zweimal gingen großartige Zeugnisse des europäischen Humanismus in Flammen auf. Jetzt steht Leuven ganz im Zeichen von Thomas Morus, dessen Schrift Utopia hier vor 500 Jahren erschienen ist. Doch in den zahlreichen Ausstellungen bleibt die Stadt misstrauisch: Utopie gilt hier als Gratwanderung zwischen Traum und Albtraum. Im Museum Leuven hängen neben zuckersüßen Sozialutopien gleich die Höllenbilder von Hieronymus Bosch. Sie zeigen Folter, Tod und Vernichtung. Hieronymus Bosch wusste: Keine Tierart ist so grausam wie der Mensch.

Von Utopien mag heute niemand mehr reden, sie haben ihre Unschuld verloren, und nichts ist antiutopischer als die chaotische Gegenwart. Was von den alten Traumenergien übrig blieb, scheint in die Technik abgewandert zu sein, in die Digitalmanufakturen des Silicon Valley und die Biotech-Labore in aller Welt. Mit Bienenfleiß arbeiten sie an der Überwindung des fehlerhaften Altmenschen. Sie nennen es Utopie.

Schuld an dem Wort ist der Humanist Thomas Morus, mit seinem fiktiven Bericht über eine perfekte kommunistische Demokratie hat er die Gattung der Utopie überhaupt erst begründet. Irgendwo im Nirgendwo, so erzählt sein Buch, existiert eine bessere Welt und macht das Unmögliche möglich. Deshalb war Morus nicht nur ein Heiliger der katholischen Kirche, er war auch ein Heiliger der Revolution. Jahrhundertelang ließ die schmale, nur gut hundert Seiten lange Schrift die Herzen derer höherschlagen, die das Unglück der Welt nicht als Ausdruck göttlicher Weisheit hinnahmen. Selbst Lenin verbeugte sich vor ihr und versprach: Sollte der Kommunismus eines Tages siegen, so würde er alle öffentlichen Toiletten aus Gold anfertigen lassen. In Utopia ist das Edelmetall ein Sinnbild der europäischen Dekadenz – die hohen Herren speisen mit goldenen Löffeln, während das Volk in der Gosse verreckt.

Verehrer wie Verächter glauben bis heute, Morus’ Utopia sei eine Gebrauchsanweisung zur Weltverbesserung. Das ist falsch. Tatsächlich ist das Buch erst einmal bloß ein fantastisches Stück Literatur und besteht aus zwei Teilen: aus einer brachialen Abrechnung mit der englischen Gesellschaft des 16. Jahrhunderts und einem abenteuerlichen Reisebericht.

Die Ausgangsszene geht so: Thomas Morus wird von König Heinrich VIII. als Unterhändler nach Rotterdam geschickt und trifft dort seinen Freund Peter Gilles, seines Zeichens Stadtschreiber von Antwerpen. In einer Verhandlungspause plaudert man über dieses und jenes, schließlich macht Gilles seinen englischen Freund mit Raphael Hythlodeus bekannt, einem weit gereisten Seemann, der den italienischen Entdecker Amerigo Vespucci auf seinen Reisen in die Neue Welt begleitet hat. Bald kommt die Rede auf die Lage der bäuerlichen Klasse. Den Armen in England geht es dreckig, ihr Elend schreit zum Himmel. Seitdem Schafswolle zum Exportschlager wurde, spielen die Märkte verrückt; mit Wolle lässt sich viel mehr Geld verdienen als mit verschrumpeltem Gemüse. Damit aber genügend Weideland zur Verfügung steht, treten Großinvestoren auf den Plan; die "Monopole" privatisieren gemeinfreies Land und reißen sich die Äcker unter den Nagel. Sie kündigen Pachtverträge oder zwingen die Bauern, ihr Land zu Schleuderpreisen zu verkaufen. Mit ihren Habseligkeiten fliehen die Bauern in die engen Städte, wo sie verhungern. Und wirklich: Schafe fressen Menschen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Morus nimmt kein Blatt vor den Mund. Die Worte, die er Raphael sprechen lässt, sind messerscharf und politisch gefährlich. Die durch Land-Grabbing vertriebenen Bauern vagabundieren, sie betteln, stehlen, plündern und morden, sie saufen sich um den Verstand oder gehen am Glücksspiel zugrunde. Die Strafen sind grausam, denn die englische Klassenjustiz antwortet mit Law and Order, mit Schwert und Galgen. Der königlich-klerikale Komplex hingegen lebt in Saus und Braus. Am Hof wimmelt es von gepuderten Müßiggängern und prunksüchtigen Nichtsnutzen; die Verschwender säen nicht, sie ernten nicht und schlagen sich dennoch die Bäuche voll. Die machthungrigen Fürsten sind bei Morus Machiavellisten avant la lettre und beschäftigen sich "lieber mit militärischen Dingen als mit den heilsamen Künsten des Friedens". Auch das klerikale Establishment kommt schlecht weg. Die Pfaffen verraten das Christentum und kriechen vor dem König zu Kreuze. Schon damals gab es das: Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren.

Nun knöpft sich Thomas Morus die Händler und Kaufleute vor, also die noch junge bürgerliche Klasse. Auch das ist eine Kriegserklärung. Schneidend präzise und doch mit der rhetorischen Eleganz des humanistischen Intellektuellen schildert er den Frühkapitalismus als Komplott aus Geld und Politik. Die Besitzenden stecken mit den Mächtigen unter einer Decke, und während die einen "an Hunger sterben", legalisiert der Gesetzgeber die "ruchlose Habgier weniger Menschen". Morus klingt hier wie ein marxistischer Katholik, ausdrücklich spricht er von einer "Verschwörung der Reichen, die im Namen und unter dem Rechtstitel des Staates für ihren eigenen Vorteil sorgen". Der Staat schütze die "üblen Machenschaften" der Reichen, die nichts anderes im Sinn hätten, als zu überlegen, wie sich "die Mühe und Arbeit der Armen so billig als möglich erkaufen und missbrauchen lässt".

Für Thomas Morus, den treuen Diener seiner Kirche, ist die Lage unerträglich. "Was soll man dazu sagen, dass die Reichen von dem täglichen Lohn der Armen alle Tage noch etwas abzwacken, nicht nur durch privaten Betrug, sondern sogar aufgrund öffentlicher Gesetze?" Kein Christenmensch dürfe länger mitansehen, wie Hunger und Not die Menschen zu Verbrechern machten: "So setzt man fürchterliche Strafen für Diebe fest, während man viel lieber dafür sorgen sollte, dass sie ihr Auskommen haben, damit nicht einer in den harten Zwang gerät, erst stehlen und dann sterben zu müssen."

Utopia ist ein Freiluftgefängnis

Wenige Seiten später, im zweiten Buch von Utopia, bekommt der erwähnte Seefahrer Raphael Hythlodeus seinen großen Auftritt. Aufgeregt berichtet er von einer unbekannten Insel namens Utopia, die, auf der Südhalbkugel gelegen, im Vergleich zur englischen Hölle das Paradies auf Erden sei. Auf Nova Insula Utopia herrscht radikale Gleichheit, allen gehört alles, und die Regierung ist demokratisch gewählt. Alle Bürger in den 54 Städten Utopias besitzen ein lebenslanges Wohnrecht, und alle zehn Jahre dürfen sie ihre Wohnungen untereinander tauschen. Um es zeitgenössisch zu sagen: Auf der Insel gibt es keine Billiglöhner, keine Langzeitarbeitslosen oder Flaschensammler. Niemand lebt in prekären Verhältnissen oder muss um seinen Arbeitsplatz fürchten. Das Geld ist selbstverständlich abgeschafft, und das Recht dient der Gerechtigkeit und nicht der besitzenden Klasse.

Was Raphael entdeckt hat, ist keine elitäre platonische Gütergemeinschaft, kein Klosterkommunismus – es ist richtiger Kommunismus. Die von König Utopos gegründete Insel hat auch nichts mehr mit der mittelalterlichen Vorstellung einer gottgewollten Ordnung zu tun, sie ist reines Menschenwerk. Auf dem Eiland herrscht Arbeitszwang, und damit keiner auf Kosten des anderen lebt, muss jeder Städter für zwei Jahre aufs Land und die Kunst des Ackerbaus lernen. Niemand soll sich zu Tode schuften; drei Stunden Arbeit vormittags, drei Stunden nachmittags reichen, alles andere wäre "Undankbarkeit" gegenüber der menschlichen Natur. Die Einheitskleidung wird vom Staat gestellt und das Mittagsmahl in Gemeinschaftsräumen verabreicht; Schulen und Krankenhäuser befinden sich in tadellosem Zustand und sind der ganze Stolz der Insel. Besonders religiös, so erzählt Raphael, seien die Utopier nicht. Falls sich überhaupt jemand fürs Christentum interessiere, dann nur deshalb, weil "Christus die kommunistische Lebensführung seiner Jünger gutgeheißen" habe. Der utopische Kommunismus erlöst den Menschen nicht erst im Himmel, sondern auf Erden.

Auf wiederholten Ehebruch steht die Todesstrafe

Seemann Raphael ist ein Kundschafter der Zukunft und schildert das Andersland in glühendsten Farben. Die Justiz auf Utopia hängt ertappte Kriminelle nicht gleich auf, sondern zwingt sie, als Sklaven dem Gemeinwesen zu dienen; nur bei Ehebruch gibt es kein Pardon, nach dem zweiten Mal ist man tot. Militär gibt es übrigens auch. Bereitwillig eilen die utopischen Heere im Rahmen humanitärer Interventionen unterdrückten Völkern zu Hilfe oder marschieren mit Schwertern und Pflugscharen in Nachbarstaaten ein, um dort ihre Überschussbevölkerung anzusiedeln. Die Begründung? Sobald der Nachbar seine Äcker "wüst und unfruchtbar" liegen lasse, habe er das Anrecht auf seinen Grund und Boden verwirkt. Wer Widerstand leistet, wird versklavt.

Während Raphael aus dem Schwärmen nicht herauskommt, wird Thomas Morus – oder eben die Person, die in Utopia unter seinem Namen auftritt – immer stiller. Er hört aufmerksam zu und äußert den Wunsch, dass manch Utopisches auch in England verwirklicht werden möge. Und doch – es macht sich eine seltsame Beklemmung breit. Das Paradies ist auf schwer erträgliche Weise vollkommen, und selbst große Feste haben etwas organisiert Freudloses. Die Utopie wird unheimlich, es ist, als liege schon der Kohlgeruch des Sowjetkommunismus über dem Archipel. Was auch immer geschieht: Der Sinn des Lebens beschränkt sich auf dessen störungsfreien Vollzug. Vor der Hochzeit müssen sich Frau und Mann einander nackt zeigen, "man kauft ja auch keinen Gaul, ehe nicht der Sattel abgeschnallt ist und alle Decken weggenommen sind". Und sollte jemand unheilbar krank oder aus Altersschwäche "unproduktiv" werden, so fordern ihn Beamte dazu auf, doch einmal darüber nachzudenken, ob er nicht vor Ablauf seiner natürlichen Zeit aus dem Leben scheiden möge. Der Staat sei ihm gern dabei behilflich. Heute nennt man das Euthanasie.

Mit einem Wort: Utopia ist ein Freiluftgefängnis, eine große Ratio-Farm. In Morus' Menschenpark ist die Politik unpolitisch, es existieren keine politischen Alternativen, und über die Zukunft muss man nicht streiten, weil sie ja bereits verwirklicht ist. Es geht in der imaginären Inselrepublik nicht darum, Konflikte zu lösen, sondern sie erst gar nicht entstehen zu lassen. Mit einer Mischung aus Sozialtechnologie und Beglückungszwang behandelt die Inselrepublik ihre Bürger als Verwaltungseinheiten und unterwirft ihr Leben dem Kriterium kollektiver Nützlichkeit. Das Reich der Freiheit und das Reich der Notwendigkeit sind zwei Seiten derselben Rationalität: "Keine Ausschweifungen, keine Faulenzereien." Will man da hin?

Wusste Thomas Morus nicht, dass die Würde des Menschen in seiner Unbestimmbarkeit liegt? Verwechselte er das Gerechte mit dem Guten? Man sollte annehmen, dass diese Fragen geklärt seien, schließlich hatten die Interpreten 500 Jahre Zeit, jede Zeile gegen den Strich zu bürsten.

Doch so ist es nicht. Noch immer wird über Utopia gestritten, christliche Interpreten sind anhaltend fassungslos darüber, dass ihr heiliger Thomas vom heidnischen Fieber befallen wurde und einer antikapitalistischen Selbsterlösungsdemokratie das Wort redete. Schon bei Erscheinen hielt die katholische Orthodoxie das Werk für einen Jux, was der Philosoph Ernst Bloch mit der Bemerkung konterte, die Kirche wolle Utopia desinfizieren und vom "Ludergeruch des Kommunismus" befreien. Nach dem Ersten Weltkrieg entdeckten deutsche Deuter in Utopia die "Niedertracht" des angelsächsischen Imperialismus – erst zwitschere er von "Gerechtigkeit", dann zwinge er die Welt unters Joch seines Nutzendenkens. Auch in der eher langweiligen Utopiekritik eines Karl Popper kommt Morus schlecht weg, und für den Politologen Eric Voegelin sind die Grausamkeiten von Faschismus und Kommunismus Endpunkte einer Entwicklung, "deren Beginn gekennzeichnet ist von der spielerischen Grausamkeit des humanistischen Intellektuellen. Die christliche Erfüllung durch die Erlösung im Jenseits ist zur Teleologie einer innerweltlichen Vollendung von Glück geworden."

Und heute?

Die Abschaffung der Erbsünde

Der Philosoph Martin Seel hat recht, wenn er schreibt, dass "von Utopien nur sprechen sollte, wer bereit ist, sie ernst zu nehmen". Was man bei Thomas Morus ernst nehmen muss, ist die radikalste Idee, die er seinem Inselgarten eingepflanzt hat: nämlich die Abschaffung der Erbsünde. Weder Herrschsucht noch Selbstliebe soll es auf Utopia geben, keine Gier nach Macht und Größe. Nie wieder soll sich die "höllische Schlange" des Hochmuts "in das Herz des Menschen schleichen". Deshalb lässt Thomas Morus die alte Feudalgesellschaft kurzerhand untergehen und wünscht die heraufziehende kapitalistische Gesellschaft zum Teufel. Überall dort, "wo es noch Privateigentum gibt, wird es kaum jemals möglich sein, gerechte oder erfolgreiche Politik zu treiben". Mit anderen Worten: Ohne die geringste Vorstellung von ihm zu haben, gräbt Morus dem bürgerlichen Liberalismus das Wasser ab und macht in der Gründungsphase der Neuzeit auf spektakuläre Weise Front gegen die Gesellschaft der egoistischen Menschen. Seine Staatsfiktion greift ein Rechtssystem an, das den schrankenlosen "natürlichen" Willen des Einzelnen legalisiert und jenes Elend herbeiführt, das man in den schmutzigen Gassen Londons besichtigen kann.

Kurzum, für Morus war es undenkbar, dass eine Gesellschaft gut und gerecht genannt werden kann, die nicht auf sittlichen Idealen beruht, sondern auf Macht und Ökonomie – und auf einem Eigentumsbegriff, der dem Egoismus des Einzelnen keine Grenzen setzt. Wie verkommen müsse eine Gesellschaft sein, die "alles nach dem Wert des Geldes bemisst", fragte er. Deshalb werden auf Utopia Recht und Gesetz radikal auf Gemeinwohlorientierung umgestellt. Die Menschen arbeiten nicht für die anonymen Anforderungen des Marktes; sie arbeiten für jene Bedürfnisse, die die Gesellschaft vorher festgelegt hat. "Welch größeren Reichtum kann es geben, als wenn man frohen Herzens leben kann, ohne um sein tägliches Brot zu bangen?"

Thomas Morus ist ehrlich genug, um den Zweifel an seinem Gedankenexperiment gleich mitzuliefern, auch an der Idee von der Abschaffung des Geldes. Wenn er diesen Zweifel nicht offen ausspricht, dann versteckt er ihn in der ästhetischen Konstruktion seines Werks. Im Text häufen sich die Widersprüche, es gibt klare Ironiesignale, und man weiß oft nicht, welche Haltung der Autor selbst vertritt. Das heißt: Auf der einen Seite demonstriert Morus dem Leser, dass eine andere Gesellschaft denkbar ist, eine Gesellschaft ohne Ausbeutung, brutale Konkurrenz und die perverse Akkumulation von Reichtum. Auf der anderen Seite macht er keinen Hehl daraus, dass sein Niemandsland eine triste Zwangsveranstaltung ist. Es herrscht Gleichheit ohne Freiheit, und zwischen Staat und Familie existiert keine eigene soziale Sphäre, es gibt – modern gesprochen – keine "Gesellschaft". Zwar hat sich die Schlange der Herrschsucht verkrochen, doch dafür liegt jetzt alle Macht im Staate. Wer aufmuckt, wird in Ketten gelegt – in goldene, versteht sich.

Die utopischen Träume sind alle noch gültig und harren ihrer Verwirklichung

Am Ende misstraut Morus seiner eigenen Utopie. Er ahnt, um es mit dem Philosophen Rainer Forst zu sagen, dass die Verkehrung der verkehrten Welt selbst etwas Verkehrtes hat und in seiner Utopie die Dystopie schon lauert. Doch wie man es besser macht, das überlässt er der Fantasie der Nachgeborenen, also uns. Sein wahrhaft goldenes Büchlein von der besten Staatsverfassung und von der neuen Insel Utopia ist keine Rezeptur; es trainiert den Möglichkeitssinn des Lesers, und nun ist es an diesem, sich eine Ordnung auszudenken, die nicht nur gerecht, sondern auch frei ist.

Morus spürte, wie die Statik seiner Epoche ins Wanken geriet, das Weltbeben der Reformation lag in der Luft. Auch heute scheint wieder eine Ordnung aus den Fugen zu gehen; der Liberalismus verliert an Boden, das historische Bündnis aus Kapitalismus und Demokratie könnte zerfallen und autoritären Retro-Utopien Platz machen.

Mit Thomas Morus könnte man sagen: Wie es ist, so kann es nicht bleiben. Die sozialutopischen Träume sind alle noch gültig und harren ihrer Verwirklichung – der Traum von einem Leben in Würde, in Gerechtigkeit und Freiheit. Es ist empörend, dass es der Menschheit nicht gelingt, in Freiheit zu leben. Es ist eine Sünde, dass die 62 reichsten Menschen so viel besitzen wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung. Doch um das zu ändern, müssten alle Nationen kooperieren. Es wäre möglich – doch schon das Mögliche klingt heute utopisch.

Vor 500 Jahren schien, trotz der allgegenwärtigen apokalyptischen Schrecken, die Zukunft offen zu sein. Heute dagegen verfinstert sich der Horizont der Zukunft, die Zeit ist knapp geworden. Die Sünden der Vergangenheit – die Pole schmelzen, die Menschen fliehen nach Norden – kommen der Gegenwart gleichsam aus der Zukunft entgegen. Das Beste, was eine Utopie leisten könnte, besteht nunmehr darin, das Schlimmste zu verhindern.

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