Die Rechnung, die Laura Meschede aufmacht, ist einfach: Es ist genug für alle da. Niemand muss im Elend leben. Die Leute müssten sich auch nicht so abrackern, wie sie es tun. Könnten mehr Zeit für Wissenserwerb haben, beispielsweise. Oder für andere schöne Sachen. Schließlich herrsche schon jetzt Überproduktion, und die mache den Planeten kaputt.

Das alles bringt die 22-Jährige gut gelaunt und mit einer entwaffnenden Logik vor, nimmt nicht zu abstrakten Theorieschnipseln Zuflucht und ist auf Gegenfragen vorbereitet: "Ich habe ein Notizbuch bei mir, in das ich Argumente und Gegenargumente eintrage."

Die Politikstudentin versteht sich ausdrücklich als Kommunistin, wenngleich sie keiner der übrig gebliebenen Traditionskompanien mit Hammer und Sichel angehört. Stattdessen zettelt sie Debatten im Freundeskreis an, macht in einer Gewerkschaft mit, hat in ihrer Heimatstadt München den "Slutwalk" gegen sexuelle Gewalt mit organisiert. Nein, Meschede lebt wahrlich in der Gegenwart, doch an ihrer kommunistischen Utopie hält sie fest: "Sie ist das Ziel. Auch wenn meine Tagesform schwankt. Manchmal bin ich eher deprimiert und zweifle, dass es zu erreichen ist. Wenn ich 50 Jahre alt bin, wie sieht dann die Welt aus? Wie viele Millionen Klimaflüchtlinge wird es geben? Mich schockiert diese Selbstverständlichkeit der heutigen Welt, und ihre Unlogik."

Was wünscht sie sich am meisten? "Das Ende der Ausbeutung. Angstfreiheit. Keine Spaltung mehr." Sie fügt hinzu: "Es kann doch nicht sein, dass keine Alternativen zur Realität von heute mehr diskutiert werden?"

Da hat sie recht. Es gibt nämlich einen merkwürdigen Widerspruch.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Einerseits: Zurzeit weiß niemand, was die kommenden Jahre bringen werden. Rechtsradikale in der Regierung? Ein wild gewordenes Amerika? Krieg gegen Russland? Zerfall der Europäischen Union? Weltwirtschaftskrise? Massenflucht aus dem Süden in den Norden? Terroristisches Dauerfeuer? Bürgerkriegsszenen in Ostdeutschland? Klimakatastrophen ungeahnten Ausmaßes? All das ist möglich. Alles ist offen.

Andererseits: Nichts scheint offen. Der Sozialpsychologe Harald Welzer spricht von einer "unendlich gedehnten Gegenwart" und dem "Verlust des utopischen Denkens". Kaum einer glaube noch, dass eine ganz anders organisierte, friedliche, gerechte und die Natur schützende Gesellschaftsordnung, also eine grundsätzlich bessere Welt als die heutige möglich sei.

Praxis ohne Theorie, Theorie ohne Praxis: Ist das der Utopieverlust?

Doch ohne derlei Ideen gebe es keine Rettung, meint Welzer, der an mehreren Universitäten lehrt und sich in seiner Stiftung Futurzwei mit "Transformationsdesign" beschäftigt: "Es muss sich radikal etwas ändern. Nur – wenn sich etwas verändern soll, müssen die Leute sich auch bewegen, im körperlichen Sinne, zum Beispiel auf die Straße gehen. Das aber erreichen Sie nicht mit Argumenten. Dafür brauchen Sie Zukunftsbilder, mit denen Gefühle angesprochen werden."

Utopien sind solche Zukunftsbilder. Wörtlich genommen ist die Utopie ein Ort im räumlichen und zeitlichen Nirgendwo. Eine Fantasie. Sind Utopien also nutzlose Träumereien, unrealistisch, unpolitisch?

Der Pariser Philosoph Pierre Zaoui kontert: "Heute ist der sogenannte politische Realismus in Wahrheit unrealistisch. Im schlechten Sinne utopisch also. Etwa die Behauptung, alle hätten etwas davon, wenn die Reichen immer reicher werden. Oder eine europäische Flüchtlingspolitik, die sich einbildet, massive Einwanderung vermeiden zu können. Nein, jetzt ist der Moment gekommen, wieder ernsthaft über grundlegende Alternativen nachzudenken. Über Utopien einer anderen Welt."

Man kann diesen Gedanken auch so ausdrücken: Die Unmöglichkeit wechselt die Seiten.

Es gibt Momente, die machen das schlagartig klar. Etwa wenn im Stau nichts mehr vorangeht. Da hocken sie nun, die Leute, zusammengekrümmt in ihren tonnenschweren, mit fossilem Brennstoff angetriebenen Stahlgehäusen, sie ruinieren nach Kräften die Umwelt und kommen trotzdem nicht voran. Was einst unmöglich schien, die autofreie Stadt, wird zum grundvernünftigen Ziel von Kommunalpolitik.

Utopien können aber auch groß sein und an die Tür der Weltpolitik klopfen. Der internationalen Klimadiplomatie beispielsweise liegt das anspruchsvolle Ideal zugrunde, dass die Menschheit einig handeln muss, um das Erdklima zu regulieren. Und unter dem Rubrum "Fluchtursachen bekämpfen" fordern selbst konservative Politiker wie Wolfgang Schäuble eine gerechtere Verteilung der weltweiten Reichtümer, eine, wie er sagt: "Revolution".

Wir haben deshalb nach utopischen Ideen gesucht, in Berlin, Paris, Athen. Unter Kommunarden und Aktivisten, unkonventionellen Denkern und politischen Künstlern. So viel können wir feststellen: Die Utopie lebt. Und wir fanden noch mehr. Erstens: Ein Gespräch über Utopien landet sehr schnell beim Thema Europa. Zweitens: Utopien entwerfen neue Machtverhältnisse. Sie sprechen immer von Staat und Eigentum.