Es dauerte ein paar Tage, bis ihnen bewusst wurde, wie außerordentlich dieser Erfolg war. "Erst als uns UN-Generalsekretär Ban Ki Moon erzählte, wie sehr diese Wahl weltweit beachtet worden war, wurde mir klar, wie groß das ist", sagt Lothar Lockl, und Martin Radjaby nickt neben ihm. Die beiden sind die Architekten der Hofburgüberraschung, sie konzipierten die Kampagne von Alexander Van der Bellen und gewannen eine Wahlschlacht, die zu gewinnen nicht nur einmal aussichtslos schien.

Lothar Lockl und Martin Radjaby sind ein ungleiches Paar. Lockl, 48, groß gewachsen, gut aussehend, kommt aus dem natürlichen Nachwuchsreservoir der Grünen: Ende der neunziger Jahre wurde der Umweltaktivist von Global 2000 zur Partei geholt, um deren Kampagnen zu professionalisieren. "Der schöne Lollo", nannten viele den Politikwissenschaftler. Er war ein Ruhepol, eckte nicht an und hat bis heute, sieben Jahre nachdem er die Partei verließ und eine eigene Beratungsfirma gründete, fast nur Freunde bei den Grünen.

Martin Radjaby, 40, ist das Gegenteil. Er stieß 2011 vom Radiosender Ö3 zu den Grünen und stellte dort das Marketing auf den Kopf. Er war der Mastermind hinter verhöhnten Wahlslogans à la "Bio macht schön". Plötzlich ging es um schmissige Sprüche auf Plakaten und um ein modisches Corporate Design. Viele Funktionäre der Partei verachten ihn deshalb bis heute, obwohl der quirlige Macher seit einem Jahr den Österreich-Ableger der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt leitet.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Wahlkampfleiter Lockl war der Wunsch Van der Bellens. Die beiden waren schon bei den Grünen ein eingeschworenes Duo. Und Martin Radjaby hatte versprochen: Sollte Van der Bellen als Bundespräsident kandidieren, käme er mit an Bord. Dass das Duo Lockl und Radjaby harmonieren würden, konnten viele nicht glauben. Mittlerweile treten die zwei wie Zwillinge auf, aus der lockeren Bekanntschaft vor der Wahl wurde Freundschaft. Wenn sie sich treffen, begrüßen sie sich mit fist bump, Umarmung, Bussi links, Bussi rechts.

Fast ein Jahr lang waren die beiden Wiener die Schatten Van der Bellens. Sie wussten, dass die FPÖ in allem überlegen war: größere Partei, höheres Budget und eine wahlkampfgestählte Mannschaft. Sie waren Außenseiter, viele gaben ihnen keine Chance. "Proeuropäisch" müsse der Wahlkampf sein, lautete die Vorgabe des Kandidaten. Eine Bedingung, die in der aufgeheizten Stimmung an ein Himmelfahrtskommando erinnerte. Flüchtlinge strömten durch das Land, eine hilflose und zerstrittene EU wurde für ihr Versagen gescholten. "Rein nach den Daten hätte man das nicht machen dürfen, doch Van der Bellen wollte es so", sagt Radjaby. Auch Lockl war mäßig begeistert: "Ich hatte Zweifel, dass das funktionieren kann."

Schon im Sommer 2015 war Radjaby mit Van der Bellen und einem Fotografen ins Kaunertal gereist. Der frühere Grünen-Chef hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht zur Kandidatur entschieden, doch Radjaby wollte gerüstet sein. "Ich sagte ihm, er solle mir zeigen, wo er herkommt, und im schlimmsten Fall haben wir ein nettes Wochenende." Bei dem Ausflug entstanden die ersten Fotos in der Natur, die später zur Grundlage der Heimaterzählung wurden.

"Wir werden ein neues Projekt finden."

Die Van der Bellen-Kampagne, in der Schlussphase wohl einer der besten österreichischen Wahlkämpfe der letzten Jahrzehnte, war offen, jeder konnte mitmachen. Radjaby orchestrierte intern den Betrieb und erdachte die Slogans ("Mutig in die neuen Zeiten"). Lockl war das Gesicht der Wahlbewegung. Er stellte die Personenkomitees auf und fing Initiativen ein. Er duellierte sich sogar im Fernsehen mit Herbert Kickl, dem Wahlkampfleiter von Norbert Hofer. Wer ihn zu der Zeit traf, sah einen angespannten Mann, der keine Siegesgewissheit versprühte und seinen Kollegen Radjaby ab und an bremste, wenn der frühere Radiomann die Popularisierung überdrehen wollte.

Radjaby denkt in Projekten, redet viel Werbesprech und möchte Entscheidungen sofort umgesetzt sehen. Parteien sind ihm zu eng. "Endlosdiskussionen der Diskussion wegen, damit kann ich wenig anfangen", sagt er. "Ich glaube auch nicht, dass Politik Wahrheitssuche ist, das wäre sonst eine Religionsgemeinschaft." Es braucht nicht viel Fantasie, um zu erahnen, wie solche Sprüche bei grünen Funktionärstreffen ankommen. "Ich bin froh, dass es keine dritte Stichwahl gibt. Er würde uns noch einen Lipizzaner auf die Bühne stellen!", schrieb ein Wiener Grüner am Wahlsonntag auf Facebook.

Das Politische existiert für Radjaby nicht ohne Marketing. Schon als 15-jähriger Schüler zog er ein Hilfsprojekt für Rumänien auf, und für Ö3 entwickelte er die Spendenaktion Wundertüte oder die Kampagne Team Österreich, eine Aktion zur Katastrophenhilfe. Stets wirft er sich mit Totaleinsatz in die Schlacht. Seit Beginn des Wahlkampfes hat der Vater von zwei Töchtern keinen Tag freigenommen und keinen Tropfen Alkohol getrunken. Er ist ein Arbeitstier, hat zu wenig geschlafen und schüttet noch abends Koffein in sich hinein.

Wenn Radjaby wie ein Wasserfall redet, sitzt Lockl, konzentriert nach vorn gebeugt, daneben. In der eigenen Firma, die unter anderem an der Zurück-zum-Ursprung-Linie des Discounters Hofer mitarbeitete, war er schon länger nicht mehr. Der Ehemann der ORF-Moderatorin Claudia Reiterer interessiert sich für sein Gegenüber, ob bester Freund oder wildfremde Menschen. Wenn die Grünen davon sprechen, man müsse den Leuten wieder zuhören, dann haben sie oft Lockl vor Augen, der es – stets dezent overdressed – schafft, überall und mit jedem ins Gespräch zu kommen.

Politisch sozialisiert wurde er als Schüler bei der Besetzung der Hainburger Au. Bei Global 2000 war er einer der Köpfe hinter dem Gentechnikvolksbegehren oder den Kampagnen gegen die Atomkraftwerke Temelin und Mochovce. Schwindelfrei ist er nicht. Wenn Aktivisten eine Baustelle besetzten oder von Fassaden baumelten, blieb er am Boden, verhandelte mit der Polizei und betreute die Medien.

Dass die Heimatverbundenheit und die rurale Seligkeit des Wahlkampfs als Anbiederung verspottet wurden, wischen Lockl und Radjaby weg. Das sei Van der Bellen pur, das habe man früher nur nie gesehen, behaupten sie und wirken fast so, als hätten sie den Spin ihres Wahlkampfes auch persönlich verinnerlicht. Die Nörgelei käme doch nur aus einer gewissen Richtung, sagt Lockl: "Wir sollten uns von dieser Experten-Blase einfach nicht allzu stark beeinflussen lassen." Das seien Leute, die nichts mit normalen Menschen zu tun haben, meint auch Radjaby, "die wissen gar nicht, was jemanden außerhalb der Wiener Innenstadt überhaupt noch interessiert".

Natürlich habe man auch nicht alles richtig gemacht, gesteht Lockl. "Ich werfe mir bis heute vor, dass wir im Team die Eskalation bei dem unmoderierten Duell auf ATV nicht vorhergesehen haben", sagt Martin Radjaby, "das hätten wir ahnen und ablehnen müssen."

Dass sie nun selbst prominent sind, scheint vor allem Lothar Lockl zu stören, ihm gefällt die zweite Reihe. "Er ist keine Rampensau", sagt der Wiener SPÖ-Klubobmann Christian Oxonitsch, der mit ihm seit vielen Jahren befreundet ist. Als ein junger Mann an den Tisch tritt und Lockl gratulieren möchte, drückt er kurz dessen Hand, verweist sofort auf Radjaby und erwähnt sein Team.

Lockl spricht ungern über sich selbst, außer wenn es um seine Schach-Leidenschaft geht. Gerade 20 Jahre alt, wollte er Profi werden, tourte durch Europa, spielte unentwegt und hatte Angst, ein wenig verrückt zu werden. "Du hast nichts anderes im Schädel. Ich bin nachts aufgewacht und hatte einen Zug im Kopf", erzählt er. Aus der Karriere wurde nichts, heute spielt er zur Entspannung spät in der Nacht gegen den Computer.

Wie es für die beiden weitergeht? Bis zur Angelobung Van der Bellens Ende Jänner bleiben sie in seinem Übergangsteam. Ob einer in die Hofburg mitgeht? Das sei noch offen, sagt Lockl. Martin Radjaby setzt sich aufrecht hin und sagt: "Ich will auf jeden Fall mit dir weiterarbeiten Lothar." Der sieht ihn an und sagt: "Ich auch mit dir, Martin, wir werden ein neues Projekt finden."