Wir lebten in der "post-truth"-Ära, behaupten Wissenschaftler. Damit feiern sie ihre eigene Ohnmacht und geben ihre Rationalität auf. Gedanken zum Wort des Jahres

In einer Zeit, in der selbst ein zukünftiger amerikanischer Präsident als Dauer-Produzent von Fake-News auffällt und sich diffuse Gerüchte blitzschnell in gefühlte Gewissheiten verwandeln, wird deutlich, dass es irgendwo da draußen eine ernste Wahrheitskrise gibt. Man könnte diese Bedrohung von Debatte und Diskurs mit Heinrich Mann das Ententeich-Problem nennen. Denn es war Heinrich Mann, der 1938 darüber nachdachte, ob er sich mit dem Kommunisten Walter Ulbricht gegen die gemeinsam verabscheuten Nazis verbünden wolle. Mann meinte, dies sei unmöglich. "Sehen Sie", so lautete sein Bonmot, "ich kann mich nicht mit einem Mann an einen Tisch setzen, der plötzlich behauptet, der Tisch, an dem wir sitzen, sei kein Tisch, sondern ein Ententeich, und der mich zwingen will, dem zuzustimmen."

In den Tagen des zu Ende gehenden Jahres 2016 ist das Ententeich-Problem für jeden, der auch nur eine halbe Stunde ziellos zwischen Donald Trumps Twitter-Account, den Seiten der sogenannten Klimaskeptiker und frei erfunden Facebook-Postings hin und her surft, zur Alltagserfahrung geworden. Was tun, wenn jemand glaubt, dass Impfungen Autismus erzeugen, das eigene Land zum Spielball geheimer Medienmächte geworden ist oder aber es sich beim Klimawandel um eine Erfindung handelt? Und was bedeutet es, allgemeiner gefragt, wenn sich der common ground des Gesicherten rund um den Pro-Brexit-Trickser Boris Johnson oder die postmoderne Propaganda eines Wladimir Putin aufzulösen scheint? Wie reagiert man dann? Heinrich Mann hat dieses Problem erkannt, aber sich dann entschieden, nicht weiter mit Walter Ulbricht zu sprechen, dem Prototyp eines Ideologen.

Heute ist an die Stelle des existenziell erschütterten Schriftstellers der abgeklärte Bescheidwisser getreten, der ebenso für den Kommunikationsabbruch wirbt. Er spricht nun von der Masse der Verblendeten und Verwirrten, den Leichtgläubigen und den Abgehängten, die nicht wissen, was einen Tisch von einem Ententeich unterscheidet. Und er verwendet für die scheinbar elegante Selbstabschottung einen einzigen, nur auf den ersten Blick unschuldigen Begriff, der als Signatur eines ganzen Zeitalters taugen soll: postfaktisch. Seit Freitag ist der Ausdruck das deutsche Wort des Jahres, zuvor schon wurde es von der Jury des Oxford-Dictionary auf internationaler Bühne gekürt.

Das Wort "post-faktisch" – eine Lehnübersetzung von post-truth – hat in den letzten Monaten eine Karriere hingelegt, die einen quantitativ arbeitenden Linguisten in Ekstase versetzen muss. Es ist einfach überall! In der New York Times und im New Yorker war aus der Feder von Wissenschaftlern zu lesen, mit den Lügen der Brexit-Befürworter und dem Tsunami der Fake-News sei jetzt das Zeitalter der Fakten zu Ende. Nun beginne die Phase der beliebig im Gefüge der eigenen Gefühle und Vorurteile interpretierten Daten. Nun würden wir in die Ära der Leichtgläubigkeit eintreten, die auch dreiste Lügner und schamlose Wirrköpfe ungeschoren davonkommen lasse.

Nun also die post-truth- Ära und das Ende der Aufklärung, wie es rund um den Globus heißt. Man könnte diese Variante des Interpretations-Trumpismus einfach weglächeln und auf das nächste Buzzword warten. Aber das wäre falsch, denn dieses Wort hat tatsächlich Symptomcharakter, nur eben anders, als diejenigen meinen, die es so lässig verwenden. Hier zeigt sich nicht wirklich eine neue Wendung der Geschichte, sondern hier offenbaren sich drei elementare Diskursprobleme, die eine ernsthafte Lösungssuche im toxisch gewordenen Kommunikationsklima der Gegenwart nicht befördern, sondern behindern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 52 vom 15.12.2016.

Das Problem Nummer 1: Die Rede vom postfaktischen Zeitalter offenbart die Neigung zur falschen Zuspitzung bei denjenigen, die eigentlich vor ihr warnen wollen. Post-truth besagt, dass vorher truth beherrschend war. Das hieße, dass ein wie auch immer gefasster Begriff von Faktizität zu irgendeinem Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte als selbstverständlich akzeptiertes Regulativ des sozialen Miteinanders gegolten haben könnte. Das hieße, dass Wahrheit in früheren Zeiten klar dechiffrierbar war, nur eben leider nicht mehr heute. Eine solche Prämisse bildet, vorsichtig formuliert, die Wahrheitskriege auf diesem Planeten und die lange Blutspur der Phantasmen ("jüdische Weltverschwörung") nicht ganz korrekt ab. Sie ist überdies erkenntnistheoretisch naiv, weil man vergangene Wahrheitsklarheit behauptet, wo seit den Tagen von Platons Höhlengleichnis permanent Fraglichkeit herrscht. Postfaktisch ist, darin besteht das Problem, ein sachlich falscher Verbalaufreger, ein Symptomwort des Pauschalismus.

Das Problem Nummer 2: Der Begriff des Postfaktischen ist ein rhetorisches Instrument der Polarisierung, die scheinbar nur beschrieben wird. Die post-truth-Diagnose bedeutet, kommunikationspraktisch betrachtet, in der Regel, dass der andere nicht nur im konkreten Fall unrecht hat, sondern leider grundsätzlich im Privatuniversum einer von Irrationalismen regierten Wirklichkeit existiert. Das Etikett dient zur Stigmatisierung seltsamer, fremder Stämme, die leider nicht wissen, was Empirie ist, und die moderne Welt einfach nicht kapieren. Das bedeutet, der Ausdruck taugt in seiner momentanen Verwendung als ein Zeigefinger-Begriff zur grundsätzlichen Abwertung von Menschen, die Donald Trump gewählt oder für den Brexit gestimmt haben oder sich im Selbstbestätigungsmilieu irgendeiner bizarren Facebook-Gruppe wohlfühlen. Ihre Weltsicht mag man bedauern und sie schrecklich finden, das will mir sofort einleuchten. Aber: Es reicht nicht, wenn die Protagonisten einer Deutungselite nur angewidert auf die Schmuddelkinder des Diskurses zeigen und ansonsten in den eigenen Sinnprovinzen verharren – ohne sich selbst in der Hermeneutik der Wut und der Kunst des empathischen Zuhörens zu schulen. Kurzum: Die post-truth-Diagnose suggeriert ein Sofort-Verstehen und steht für eine Haltung, die längst gefährlich geworden ist. Sie trägt zur Spaltung der Gesellschaft bei.

Das Problem Nummer 3: Die Rede vom postfaktischen Zeitalter ist ein Symptom der diskursiven Selbstaufgabe von Wissenschaft, die eigentlich für die Erzeugung gesicherter, prinzipiell jedoch unvermeidlich vorläufiger Erkenntnis zuständig ist. Was bedeutet es, wenn selbst Wissenschaftler die Welt glauben lassen, man lebe in postfaktischen Zeiten? Es bedeutet, dass sie das Ringen um elementare Standards und das Rationalitäts- und Realitätsprinzip des Diskurses aufgegeben haben und dem vielleicht schärfsten Angriff auf ihr Selbstverständnis im Modus der resignativ-apokalyptischen Zeitdiagnostik Beifall klatschen. Der Begriff des Postfaktischen ist, so betrachtet, eigentlich ein ehrenrühriger Beschreibungsfatalismus, die verbalradikale Feier der eigenen Ohnmacht. Man formuliert ein Problem, eben den schwindenden öffentlichen und politischen Geltungsanspruch von empirisch gesicherter Erkenntnis, bereits als feststehendes Resultat für die Menschheitsgeschichte – und blendet aus, was sich tun ließe.

Ich denke, dass am Beginn einer echten Lösungssuche ein doppeltes Eingeständnis stehen müsste. Zum einen ist die Zeit der einfachen Ursache-Wirkungs-Beschreibungen vorbei, wenn es sie denn jemals gab. Die gegenwärtige Wahrheitskrise ist systemisch bedingt. Sie ergibt sich aus einem Zusammenspiel unterschiedlichster Entwicklungen, aus einem explosiven Gemisch von Globalisierungsfurcht und Abstiegsangst. Sie wird befeuert durch die orchestrierte Propaganda von Demagogen und Populisten. Diese haben begriffen, wie sie Misstrauen schüren, einen ohnehin vorhandenen Vertrauensverlust verstärken und die Experten und Stichwortgeber der verhassten Eliten attackieren.

Zum anderen werden die momentan so drängend erscheinenden Wahrheits- und Wissenskrisen nicht mehr verschwinden. Sie sind, neben aktuellen Anlässen und dem sehr realen Empfinden von Ungerechtigkeit, Ausdruck und Folge einer neuartigen Infrastruktur von Information, ein Tiefeneffekt digitaler Vernetzung. Die Grenzen des Sagbaren und Konsensfähigen sind dabei, sich rasant zu verschieben. Der Grund ist auch, dass sich die allgemein menschliche Isolationsfurcht bei der Äußerung extremer Ansichten im Schutz einer virtuellen Gruppe abstreifen und die Sehnsucht nach Bestätigung barrierefrei einlösen lässt. Heute spricht jeder, können sich alle öffentlich äußern und zu einer bloß gefühlten oder aber politisch wirkungsvollen Macht verbünden. Das ist prinzipiell eine gute Nachricht – und im Konkreten manchmal beunruhigend und schrecklich. Aber es bedeutet in jedem Fall, dass die ohnehin archaische Idee eines Wahrheitsmonopols im digitalen Zeitalter vor aller Augen pulverisiert. Die alte, stärker hierarchisch strukturierte Medien- und Wissenswelt stellte, eben weil sie von vergleichsweise mächtigen Gatekeepern geprägt wurde, eine implizite Stütze klassischer Autorität und traditioneller, wissenschaftlicher Wahrheitskonzepte dar, die heute sehr viel mehr auf Akzeptanz und Konsens angewiesen sind.

Was bedeutet das für Wissenschaftler? Was heißt das für Journalisten, für Lehrer und für Bildungsverantwortliche, die Wissen vermitteln und vom Geschäft mit den Fakten leben? Es bedeutet, dass sie heute allesamt eine Art Zweitberuf ausüben müssen, denn es reicht nicht mehr aufzuklären, indem man Wissen bereitstellt. Notwendig geworden ist eine Aufklärung zweiter Ordnung, die neben der Vermittlung von Inhalten systematisch auch über die Prozesse ihres Zustandekommens informiert und offensiv für die eigenen Rationalitätskriterien wirbt.

Aufklärung reicht nicht mehr. Wissenschaftler müssen heute einen Zweitberuf ausüben

Das klassische Gatekeeping muss durch das Gatereporting (eine Begriffsschöpfung der Medienwissenschaftlerin Hanne Detel) ergänzt werden. Was ist damit gemeint? Gatekeeping betreiben heißt Information auswählen, sie überhaupt als relevant auszuzeichnen. Das ist die klassische, nach wie vor unverzichtbare Kernkompetenz in einer Zeit, in der Gerüchte und gefährlicher Nonsens blitzschnell zirkulieren. Gatereporting betreiben hingegen bedeutet, die eigenen Auswahlkriterien und Quellen offenzulegen und sich um die selbstreflexive, transparente, dialogisch orientierte Begründung von Relevanz, Stichhaltigkeit und Objektivitätsanspruch zu bemühen. Bildungsverantwortliche und Wissensarbeiter in Schulen und Hochschulen, in Redaktionen und in öffentlichen Debatten müssen heute nicht mehr nur verkünden, was sie selbst für richtig und wichtig halten. Es ist an der Zeit, dass sie selbst zu Dolmetschern ihrer Disziplin werden und sich als kraftvolle Vermittler ihrer Profession begreifen, die Meta-Rezepte der Wissensüberprüfung und etablierte Spielregeln der Faktenrecherche mitliefern. Sie müssen erklären und wieder erklären, wie sie arbeiten und warum sie sagen, was sie sagen.

Es gilt überdies, das Prinzip des Gatereporting unerschrocken auch auf die Mächte der Gegenaufklärung anzuwenden, sie ohne falsche Scheu zu attackieren. Wir brauchen, nötiger denn je, eine angstfreie, wissenschaftlich gestützte Machtanalyse und Ideologiekritik, die fassbar werden lässt, wer auf intransparente Weise Informationsströme algorithmisch lenkt, im Netz und anderswo Propaganda betreibt, von Stimmungsmanipulation, Fake-News und Social Bots ökonomisch oder politisch profitiert, Pseudo-Experten oder scheinbar neutrale Graswurzelorganisationen aufbaut. Selbstverständlich lässt sich auf diese Weise nicht jeder erreichen. Aber was wäre die Alternative? Das demokratische Prinzip lebt elementar vom Ideal der Aufklärung und von der Idee des mündigen Bürgers – bis zum absolut endgültigen Beweis des Gegenteils. Und eine paternalistisch regierte Wahrheitswelt kann sich bei allem Erschrecken über das gegenwärtige Kommunikationsklima niemand wünschen. Was für liberal gesinnte Geister bleibt, ist die manchmal beglückende und manchmal schreckliche Sisyphusarbeit des Diskurses, die nun überall stattfinden muss. Selbst an den rutschigen Ufern eines Ententeichs, den ich persönlich selbst mit absoluter Sicherheit für einen Tisch halte.