Als Andrónico Luksic zum ersten mal an diesem Vormittag lächelt, ist nicht ganz klar, ob die Luftballons, die über dem Hafen von Valparaíso gen Himmel schweben, das Schiffshorn und die chilenische Nationalhymne ihn nun doch ein bisschen rühren. Oder ob er es tut, weil sie ein Zeichen dafür sind, dass das ganze Tamtam bald vorbei ist. Er kann dann endlich von diesem Podest heruntersteigen, weg von den Journalisten und Fotografen, rauf auf das neue Schiff, das seine Frau gerade getauft hat. Valparaíso Express steht auf der Bordwand. Und in meterhohen weißen Lettern: Hapag-Lloyd.

"Je weniger die Leute über dich wissen, umso einfacher ist dein Leben." Eigentlich ist das der Grundsatz von Andrónico Luksic. Der Name Luksic steht für eines der größten Firmenimperien Chiles: Geld, Macht, Gerüchte. Er, Andrónico, der Älteste, hat sich sein Leben lang im Hintergrund gehalten und kam mit dieser Strategie gut durch. Bislang.

Während der Terminalchef, ein übermüdeter koreanischer Werftmanager und ein Hapag-Lloyd-Vorstand lange Reden halten, sitzt Luksic regungslos wie ein atmender Stein vor den Taufgästen und schweigt. Auf die Frage, warum er nicht auch ein paar Worte sagt, antwortet Luksic: "Ich bin doch nur ein Aktionär."

Das Wort "nur" ist in diesem Zusammenhang ziemlich kokett.

Vor zwei Jahren ist Luksic durch die Fusion von Hapag-Lloyd mit der chilenischen Reederei CSAV, die wiederum mehrheitlich Luksics Holding Quiñenco gehört, der größte Miteigentümer von Hamburgs Traditionsreederei geworden. Derzeit gehören ein knappes Drittel der Aktien den Chilenen, so viel wie niemandem sonst. Und eines ist sicher: Luksic ist mehr als nur ein Aktionär.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

In seiner Heimat Chile halten er und seine Familie beträchtliche Anteile an der ertragsstärksten Bank des Landes, der Banco de Chile, dem größten Brauereikonzern, zu dem auch der zweitgrößte Weinproduzent des Landes zählt, einem bekannten Fernsehsender, dem bedeutendsten privaten Bergbaukonzern und einem Tankstellenimperium. Hinzu kommen Hotels mit rund 40.000 Betten in Kroatien, Teile eines weltweit führenden Kabelherstellers in Frankreich. Und eben die größte Reederei Deutschlands – Hapag-Lloyd.

Nur weiß das kaum einer.

Wenn in Hamburg über Hapag-Lloyd gesprochen wird, fällt meist der Name Klaus-Michael Kühne, obwohl der nur ein Fünftel der Aktien besitzt. Auch dass sich die Stadt bei einer Rettungsaktion in die Reederei eingekauft hat, sorgt jedes Mal, wenn die Zahlen schlecht sind, für wütende Bürgerschaftsdebatten. Nur über ihn, Andrónico Luksic Craig, spricht niemand.

Wenn es nach ihm persönlich gegangen wäre, hätte er das auch nie geändert. 62 Jahre ist er nun alt, hat in dieser ganzen Zeit kaum Interviews gegeben, öffentliche Auftritte gemieden. Erst recht in Hamburg, obwohl er gar nicht so selten in der Stadt ist. Seine Beraterin hat ihn zu diesem Treffen überredet: Man mache das in Deutschland so, man spreche mit Journalisten, stelle sich vor. Und weil Luksic viel von Höflichkeit hält, darf ihn am Morgen vor der Schiffstaufe eine Reporterin der ZEIT besuchen.

Der Milliardär empfängt in einem schlichten Konferenzraum aus Glas, Zentrale der Brauerei CCU, die seiner Holding Quiñenco zusammen mit Heineken gehört. Sie liegt hoch oben in einem Wolkenkratzer in Chiles Hauptstadt Santiago, im schicksten Geschäftsbezirk der Metropole, Las Condes, den die Einwohner "Sanhattan" nennen.

Luksic trägt einen akkurat gestutzten Vollbart und einen Anzug, der seiner kompakten Figur schmeichelt. Manche fänden, er sehe aus wie Che Guevara, sagt Luksic. Das schmeichelt ihm. Er findet Guevara gut, den Sozialismus eher nicht. Außerdem schickt Luksic ein paar Dinge vorweg: dass er Hamburg liebe, dass es eine wunderschöne Stadt sei. Doch wenig später kommt der Mann zur Sache: "Wir wollen Aktionäre mit Einfluss sein."

Es ist das Grundprinzip der Luksics: Sie wollen mit ihren Investments nicht nur Geld verdienen, sondern vor allem mitbestimmen. Das mit dem Geldverdienen ist seit der Schifffahrtskrise schwierig geworden. Andererseits ist die Krise der Grund, warum die Familie 2011, als sie erstmals Anteile bei CSAV erwarb, überhaupt in dieses Geschäft eingestiegen ist. Eines, das so komplex ist wie wenige andere, und eines, mit dem sie bislang keinerlei Erfahrung hatte.

Womit die Luksics Erfahrung haben: sich zu Tiefstpreisen in marode Firmen einzukaufen, sie umzubauen, profitabel zu machen und wieder zu verkaufen. Es ähnelt dem Vorgehen von Private-Equity-Investoren, den Firmen, die in Deutschland nur noch "Heuschrecken" heißen. Mit einem Unterschied: Wenn den Luksics ein Unternehmen gefällt – zum Beispiel weil es ordentliche Dividenden ausschüttet –, behalten sie es auch länger. Manchmal Jahrzehnte. Mit dieser Methode häufte der Clan ein von Forbes auf über 12 Milliarden Dollar geschätztes Vermögen an. Bevor die Kupferpreise sich halbierten, war es noch wesentlich mehr. Für Platz eins in Chile reicht es weiterhin.