Im Frühjahr 2013 raste die 21-jährige Ashley Kubiak mit ihrem Dodge-Ram-Pick-up auf dem Highway 43 in Texas in einen Chevrolet Tahoe. Die Fahrerin des Chevrolet-SUV, eine 63-jährige Frau, und ihr 62-jähriger Beifahrer waren auf der Stelle tot. Das sechsjährige Kind auf dem Rücksitz überlebte den Unfall schwer verletzt und ist heute behindert. Die Unfallfahrerin Kubiak hatte kurz vor dem Crash auf ihrem iPhone Nachrichten gecheckt – und war abgelenkt. Die junge Frau wurde wegen fahrlässiger Tötung zu 180 Tagen Haft verurteilt.

Doch der Fall ist damit noch nicht zu den Akten gelegt. Die Angehörigen der Opfer haben vor einem US-Gericht eine Produkthaftungsklage gegen den Handyhersteller Apple angestrengt. Der Vorwurf: Apple habe wissen können, dass seine iPhones für Textnachrichten genutzt werden konnten. Das Unternehmen hätte Frau Kubiak warnen müssen. Das klingt ziemlich verrückt, doch dahinter steht eine ernst gemeinte Frage: Trifft Apple oder andere Handyhersteller eine Verantwortung, wenn ihre Produkte auf illegale oder gefährliche Weise verwendet werden? Was nach einer Spitzfindigkeit aus dem angelsächsischen Verbraucherschutzrecht klingt, wird auch hierzulande intensiv diskutiert.

Laut einer Untersuchung der TU Braunschweig waren 4,5 Prozent der Fahrer von knapp 1.000 vorbeifahrenden Autos durch das Hantieren mit ihrem Handy abgelenkt. Was sie da tun, ist höchst gefährlich. Zwei Sekunden Ablenkung bei Tempo 50 bedeuteten den Wissenschaftlern zufolge mehr als 27 Meter "Blindflug". Das Schreiben einer SMS oder Abrufen von E-Mails erhöht das Unfallrisiko um ein Vielfaches. Der ADAC schätzt, dass in Deutschland bereits jeder zehnte Unfall auf unzulässige Handynutzung am Steuer zurückzuführen ist.

Die Autohersteller bauen mittlerweile verstärkt Assistenzsysteme wie Spurhalteassistenten, Abstandshaltesysteme oder Sprachassistenten in die Fahrzeuge ein. Das bringt zwar einerseits mehr Sicherheit und kann vielleicht in manchen Fällen die Ablenkung ausgleichen. Doch die Hersteller entlassen den Fahrzeugführer keinesfalls aus der Verantwortung. Denn damit würden sie gegen geltende Gesetze verstoßen. Zugleich tun die Hersteller aber auch immer mehr, um den Autoinsassen während der Fahrt eine Kommunikation nach außen zu ermöglichen. Denn: Der Autofahrer soll auch unterwegs online sein und schon bald vom Auto aus Kinokarten oder sogar Geschenke kaufen. Doch wie eine Studie der American Automobile Association (AAA) belegt, lenken selbst On-Board-Sprachassistenten, die den Blick aufs Smartphone ersparen sollen, den Fahrer geistig ab.

Im August 2014 fuhr die damals 19-jährige Melissa G. auf einer Bundesstraße bei Renningen im Kreis Böblingen auf schnurgerader Strecke ungebremst in zwei Radfahrer und beging dann Fahrerflucht. Zuvor hatte sie einem Freund eine WhatsApp-Nachricht geschickt. Die beiden Radfahrer wurden von hinten erfasst und in die Luft geschleudert. Ein 47-jähriger Mann erlag seinen schweren Verletzungen im Krankenhaus, sein 36 Jahre alter Begleiter konnte nur durch eine Not-OP gerettet werden. Der Fall sorgte bundesweit für Aufsehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Hierzulande würde kein Jurist auf die Idee kommen, den Kurznachrichtendienst WhatsApp für den Unfall verantwortlich zu machen. Die Schuld trägt allein die Unfallfahrerin, die von der Jugendstrafkammer wegen fahrlässiger Tötung und versuchten Mordes durch Unterlassen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt wurde. Genauso wenig könnte man einen Waffenhersteller dafür haftbar machen, dass seine Pistole von einem Mörder verwendet wurde. Die Produkthaftungsklage, die die Angehörigen der Unfallopfer in Texas angestrengt haben, hat denn auch wenig Aussicht auf Erfolg. Und doch hat der Prozess Folgen. In den USA wird zunehmend über eine "soziale Verantwortung" für Tech-Konzerne diskutiert.