Das Bauhaus ist weiß

Natürlich, es wollte strahlen. Das Bauhaus wollte rein und geläutert erscheinen, wollte allen zeigen: Hier beginnt die Zukunft, unbefleckt. In Wahrheit aber ist die "weiße Moderne" viel bunter, als die meisten glauben. Das fängt an mit den knallroten Eingangstüren der Bauhaus-Schule in Dessau, setzt sich innen fort mit einem scharfen Orange an der Treppenbrüstung und zeigt sich ebenfalls an Decken und Wänden, die mal blau, mal pastellgelb bemalt sind. Noch farbberauschter sind die Meisterhäuser, errichtet für die Professoren am Bauhaus: Da stößt Altrosa auf Nachtblau und Samtrot, und bei so viel Mut zum harten Farbkontrast sehnen sich die Augen schon bald nach weißer Ruhe. Auch interessant: Das meiste Geld verdiente das Bauhaus mit buntem Papier! Die in der Kunstschule entworfenen Tapeten, erhältlich in vielen Pastelltönen, waren ein Kassenschlager: sechs Millionen Rollen, verkauft in nur vier Jahren.

Das Bauhaus ist modern

In späteren Jahren zog ein strengerer Geist ein, man setzte am Bauhaus auf Technik und Funktionalismus. Doch zunächst war das anders, da packte eine vormoderne Sehnsucht viele Lehrer und Lernende: Sie träumten den Traum der Romantik, sie hofften auf eine Ganzheit, in der sich Geist und Welt neu verbinden. Entsprechend gab es am frühen Bauhaus viele Schwarmgeister, man liebte Theosophie, Freimaurerei, Anthroposophie oder ostasiatische Transzendenzlehren. Johannes Itten trug sogar Kutte und verordnete den Schülern einen Vegetarismus mit Isländisch-Moos-Pudding, Graupenwurst und Knoblauch-Kaltschale. Das galt als modern – und war zugleich sehr archaisch.

Das Bauhaus ist singulär

Überall in Europa brodelte es damals: Ob in Barcelona oder Moskau, Stockholm, Prag oder Rotterdam, der Drang nach neuen gestalterischen Formen und Methoden war nach 1900 vielerorts zu spüren und veränderte die Kunstschulen und Akademien. Viele dieser Ideenlabore erprobten neue Materialien und Fertigungstechniken, viele folgten der Idee eines ganzheitlichen Lernens, viele wollten zurück zu einer handwerklichen Ausbildung. Und darin ähnelten sie dem Bauhaus, das ihnen nicht grundsätzlich überlegen oder voraus war. Nur in einem unterschied es sich deutlich: Es machte mehr von sich reden. Mit seinem ausgeprägten Hang zur Eigenwerbung und dank unzähliger Manifeste, Fotos, Kataloge, Postkarten, Plakate und Ausstellungen konnte sich Dessau tief im kollektiven Gedächtnis verankern, während weitgehend vergessen ist, wie energisch die Moderne auch in Frankfurt, Magdeburg oder Aachen vorangetrieben wurde.

Das Bauhaus ist asketisch

Nicht wenige verwechseln den kargen, puritanischen Minimalismus der Gegenwart mit dem, was das Bauhaus einst war und wollte. Lustfeindlichkeit wird man ihm jedenfalls nicht nachsagen können. Lange war das Bauhaus für seine Kostümbälle, Umzüge und ausschweifenden Tanzfeste mindestens so berühmt wie für seine Stühle oder Lampen. Und die Bürger in Weimar und Dessau fürchteten die Bauhaus-Ästhetik im Zweifel weniger als das ungezügelte Gebaren der Studenten. "Die Haare lang bei den Jungen, die Röcke kurz bei den Mädchen. Man ging ohne Kragen und Strümpfe, was damals schockierte", erinnerte sich später Tut Schlemmer. Mochte die Formenwelt reduziert sein, das Leben darin war überbordend.

Das Bauhaus ist ein Baumarkt

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

1919, als Walter Gropius auf den Namen Bauhaus verfiel, war die Schrauben-, Tierfutter- und Klosettdeckelwelt der Heimwerkermärkte noch nicht erfunden. Erst 1960 sicherte sich ein Schreiner aus Heidelberg die Rechte an dem Begriff, weil offenbar das Bauhaus-Archiv in Berlin es für unvorstellbar gehalten hatte, dass im Namen der weltberühmten Kunstschule einst irgendwelche Hämmer und Topfpflanzen vertrieben werden könnten. Doch so kam es, und seither müssen die Museen und Stiftungen in Dessau, Weimar und Berlin mit einer Klage rechnen, sollten sie unabgestimmt eine Bauhaus-Tasche oder nur einen Bauhaus-Bleistift verkaufen wollen. Mit 260 Filialen in 18 Ländern, rund 19.000 Mitarbeitern und sechs Milliarden Euro Umsatz ist Bauhaus in jeder Hinsicht erfolgreicher, als es sich Gropius je hätte ausmalen können. Allerdings hatte der sich die "Befreiung des schöpferischen Menschen", von der er gelegentlich sprach, wohl auch etwas anders vorgestellt als die, die nun im Baumarkt zum Dauertiefpreis angeregt wird. Gegründet wurde die Kette übrigens von Heinz Georg Baus. Sein Nachname klingt wie Bauhaus, schnell gesprochen.