Ohne den Hass wäre es nicht gegangen. Ohne die Klagen und Flüche und die vielen Spötteleien, die unablässig auf das Bauhaus niedergingen. Ernst Bloch mokierte sich über die geschichtslosen "Stahlmöbel, Betonkuben, Flachdachwesen", andere beschimpften die Häuser als "Konservenbüchsen" (Adorno) oder "Kasernen" (Brecht). Über die Jahre wurde es zur lieben Gewohnheit, das Bauhaus, diese kleine Kunstschule in der ostdeutschen Provinz, zum Ursprung allen ästhetischen Grauens zu erklären. Wer immer über die Moderne herzog, weil sie steril sei, monoton und hässlich, der sah hier, in Weimar und Dessau, seinen Zorn aufs Schönste bestätigt.

"Am Bauhaus leistet man sich an klotziger Barbarei das Menschenmöglichste", befand der Architekt Peter Meyer schon 1927. Der seinerseits nicht unklotzige Groll sollte sich über all die Jahre halten.

Nun gut, ganz stimmt das nicht. Ein wenig behutsamer ist die Kritik zuletzt geworden, das allerdings ist für das Bauhaus nicht unbedingt eine gute Nachricht. Es war ja der Hass, es waren die Klagen und Flüche, die den Weltruhm erst so richtig glänzen ließen. Wo viele Feinde sind, stehen die Freunde zusammen. Und so erwuchs erst in der nimmermüden Kontroverse jener Mythos, der heute bestaunt und in den kommenden drei Jahren so ausschweifend gefeiert wird, dass man meinen könnte, der Bauhaus-Gründer Walter Gropius sei der größte deutsche Reformator gleich nach Martin Luther.

Bis 2019, bis zum 100-Jahre-Bauhaus-Jubelfest, reiht sich nun Ausstellung an Symposium, erscheinen neue Forschungsberichte, Bildbände, Architekturführer, Zeitungsbeilagen. Nicht nur Weimar, Dessau und Berlin, die das Bauhaus einst beheimateten und jetzt gleich drei neue Bauhaus-Museen errichten, schauen zurück auf ihre Architektur- und Designgeschichte. Auch in vielen anderen Städten der Republik besinnt man sich auf das Erbe der klassischen Moderne und will es publikumswirksam aufbereiten. Deutschland, einig Bauhaus-Land!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Ein wenig seltsam ist der Trubel schon. Warum der generalstabsmäßige Eifer? Ist nicht alles schon gesagt, hundertfach gezeigt und publiziert worden? Muss die Bauhaus-Epoche wirklich neu erkundet werden? Längst stehen viele Häuser der Moderne unter Denkmalschutz, längst gehören Freischwinger und Wagenfeld-Leuchte zwingend in jedes Designgeschäft.

Allerdings bewahrheitet sich just damit, was viele früh befürchtet hatten: Das Bauhaus wird allgemein als Stil und Produkt begriffen. Schon 1928 warnte der Bildhauer Naum Gabo vor der "Gefahr, aus dem Gegenstand einen Götzen zu machen". Und Gropius, der Gründer, schrieb 1930: "das ziel des bauhauses ist eben kein ›stil‹, kein system, dogma oder kanon, kein rezept und keine mode! es wird lebendig sein, solange es nicht an der form hängt, sondern hinter der wandelbaren form das fluidum des lebens selbst sucht!" Es ging um eine "allgemeine große, tragende, geistig-religiöse idee", nicht um irgendwelche neuen Dinge.

Heute wissen selbst jene, die fürs Bauhaus schwärmen, nur selten noch zu sagen, welche Verheißung einst von der Kunstschule ausging, wofür sie kämpfte, was sie zusammenhielt. Erst recht bleibt unklar, welche Bedeutung sie für das 21. Jahrhundert besitzen könnte. Schon deshalb ist es großartig und sinnvoll, das Jubiläum zu feiern: um diesen geistigen Schatz, das Bauhaus-Vermächtnis, ins Licht der Gegenwart zu holen. Nichts könnte unsere Zeit der Geängstigten und Angstmacher besser brauchen als eine Kunstschule wie jene, die am 12. April 1919 in Weimar ihre Arbeit begann.

Eine Schule des Wagemuts! Gropius und seine Mitstreiter hatten eigentlich allen Grund, verdrossen, verzweifelt, verzagt zu sein. Ein Krieg lag hinter ihnen, grausam wie keiner zuvor. Und mit all den Toten war auch die Hoffnung auf ein neues, ein anderes Leben begraben worden. Ob es eine Zukunft geben würde, wie sie aussehen könnte? Niemand wusste es, und doch, mitten hinein in diese Ungewissheit, die man sich weit dunkler vorstellen muss als die heutige, mitten hinein in eine Endzeit setzte das Bauhaus einen Anfang. Es ist genau diese tollkühne Lust am Gelingen, die bis heute ansteckend wirkt. Ein Enthusiasmus, der möglich macht, was unmöglich schien.