Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Ich weiß nicht, ob Vicco von Bülow alias Loriot Mendelssohn liebte, aber er liebte Wagner, und da in Wagner viel mehr Mendelssohn steckt, als so manch abscheuliche antisemitische Äußerung des Nase tragenden Sachsen vermuten lässt, glaube ich, dass Vicco von Bülow auch Mendelssohn liebte. Ein Leben ohne Mendelssohn jedenfalls, um Loriot zu paraphrasieren, ist möglich, aber sinnlos. Das mag auch für Beethovens Siebte Sinfonie gelten, wenn Carlos Kleiber die Wiener Philharmoniker dirigiert, für alle Lieder, die Brigitte Fassbaender jemals gesungen hat, für Maria João Pires als Bach-Interpretin, für Grigori Sokolow und die zwölftaktige Solo-Einleitung im Adagio von Mozarts Klavierkonzert A-Dur KV 488, für György Kurtág im Allgemeinen und seine Játékok im Besonderen, für Nina Simone, wenn sie sich Kurt Weills Moon of Alabama einverleibt, und für vieles mehr. Mendelssohn aber bleibt der "hellste Musiker" von allen, wie sein Bewunderer Robert Schumann schreibt, derjenige, der "die Widersprüche der Zeit am klarsten durchschaut und zuerst versöhnt". Das macht ihn für mich unverzichtbar.

Ein sprechendes Beispiel dafür ist sein erstes Klaviertrio, das Klaviertrio in d-Moll op. 49. Eine Musik im goldenen Schnitt zwischen romantischer Empfindsamkeit und klassischer Ordnung. Eine Musik, die Schönheit, Melodie, Gesang verheißt. Was aber macht Mendelssohn, nachdem er seine Hörer im Kopfsatz in typisch Mendelssohnscher Sicherheit gewiegt hat? Er komponiert Fragezeichen. Nach einem lang gezogenen Diminuendo ab Takt 354 und kühn modulierenden Abwärtsskalen im Klavier halten die beiden Streicher plötzlich inne und fragen in zarten, stockenden Oktavschwüngen: Wie wird es mit unserem Gesang wohl weitergehen? Auf leisen Sohlen, im Pianissimo, kehrt daraufhin noch einmal das erste Thema zurück, gefolgt von einem Mini-Ritardando, einem Mini-Adagio und einer Fermate. Mehr braucht Mendelssohn nicht, um die eigene Musik an den Rand des Schweigens zu bringen. Als wolle er sagen: Niemand weiß, wie es weitergeht mit der sogenannten klassischen Musik in unklassischer Zeit. Auch ich, Felix, der Versöhner, nicht. Aber ich mache trotzdem weiter.

Artur Rubinstein, Jascha Heifetz und Gregor Piatigorsky spielen diese Stelle ganz unprätentiös, schön luftig und spooky, mit nicht abflauendem Drive. Ihre Aufnahme des d-Moll-Trios gilt als legendär, schon deshalb, weil es einen knapp halbstündigen US-Film aus dem Jahr 1953 gibt, der die drei Herren des " Million Dollar Trio" (so genannt nach der exorbitanten Höhe ihrer Gagen) bei der Arbeit an Mendelssohn zeigt. Gedreht wurde in Rubinsteins Villa in Beverly Hills, man sieht den schneidigen Heifetz, wie er selbst an den schönsten Stellen keine Miene verzieht, man bewundert "Grischa" Piatigorsky, den Riesen, in dessen Armen das Cello schier versinkt, und man erfreut sich an Artur Rubinstein mit dem Vogelnest auf dem Kopf, wie er stets locker vor sich hin zu präludieren scheint. "We search for a link between our personalities", sagt Piatigorsky einmal in die Kamera, wir suchen nach dem Verbindenden zwischen uns. Und genau das ist das Geheimnis der Aufnahme, die 1950 entstand, drei Jahre vor dem Film: Die Exzentrik dieser drei Wundermusiker grenzt nichts und niemanden aus.

Man muss aus großer Musik nicht unbedingt etwas lernen. Meist spricht sie einfach so. Wenn Schumann allerdings schreibt, dass Mendelssohns d-Moll-Trio eine Frucht jenes "Sturms der letzten Jahre" sei, der schon "manche Perle ans Ufer geworfen" habe, dann trifft das ziemlich genau mein derzeitiges Lebens- und Musikgefühl. Es stürmt gewaltig, ja, aber die Perlen sind stark.

Christine Lemke-Matwey ist Musikkritikerin im Feuilleton