Marcus Merkel, 25 Jahre alt, ist Chefdirigent der Jungen Philharmonie Berlin und seit der Saison 2015/16 Dirigent und Pianist an der Oper in Graz

"Stille kann magisch sein. Wenn Isolde am Ende von Wagners Tristan und Isolde den Liebestod stirbt und der letzte Ton gespielt ist, dann entsteht so etwas wie kollektive Ergriffenheit. Die Emotionen von der Bühne übertragen sich auf das Publikum. Sekundenlang wagt es niemand zu klatschen. Die Menschen trauen sich nicht einmal zu atmen, weil sie so berührt sind. Stille.

Dieses Ende, zusammen mit der überirdischen Musik, kann einen Moment erzeugen, der von trauriger Schönheit ist. Wenn ich zusammen mit meinem Orchester diesen Augenblick erschaffe, ist das Stück für mich gelungen. Dann genieße ich diese Stille auch persönlich – egal wie oft ich das Stück schon gespielt habe.

Vor einem Konzert ist es bei mir im Kopf immer sehr laut. Wenige Sekunden bevor das Orchester einsetzt, spielt dort die Musik bereits. Ich höre den Klang, stelle mir die ersten Takte und den Bogen vor, der das Stück umschließt. Währenddessen ist es beim Publikum und im Saal noch still. Ja, ich erzwinge diesen Moment der Stille sogar. Ich will, dass Konzentration herrscht, sich der Fokus auf das Orchester legt.

Stille ist der Urzustand, ein Vergleichswert, der es möglich macht, Musik zu erzeugen. Auch Stücke wie Mahlers Neunte Sinfonie. Ein Werk, das mich jedes Mal wieder ergreift. Da schafft es ein Orchester mit 90 Mann, auf dem untersten Level der Lautstärke zu spielen. Ganz lange, ganz leise. Und dann ist der Ton weg, und es geht so sanft in die Stille über, dass das eigentliche Ende gar nicht mehr auszumachen ist. Ach, da bekomme ich schon beim Erzählen Gänsehaut. Nach diesem Stück kann man einfach nur innehalten. Allein schon aus Respekt.

Als Dirigent bin ich es, der diese Stille auflöst. Das funktioniert über meine Körperspannung. Wenn der innere Nachhall langsam ausklingt und sich die Atmosphäre verändert, löse ich auf und lasse meine Arme sinken. Den richtigen Moment muss ich erspüren. Der ist ganz wichtig.

Manchmal erreicht dieser besondere Moment nicht alle im Publikum. Immer wieder gibt es Menschen, die zu früh klatschen oder mit einem einzelnen "Bravo" die Stille zerreißen. Das nimmt uns Musikern und dem Publikum ein Stück Besinnung. Auch wenn es sicher nett gemeint ist.

Musik lebt von Stille. Erst wenn die Musik abwesend ist, realisieren wir, was da war. Mozart hat einmal gesagt: "Die Stille zwischen den Noten ist genauso wichtig wie die Noten selbst." Manchmal ist es ja auch mitten in einem Stück still. Man könnte meinen: Da passiert nichts. Im Gegenteil. Die Musik erfährt eine Steigerung. Stille macht Musik intensiver."

Die Erzieherin Mandy Ebert, 56, leitet die "Kita an der Beecker Straße" in Duisburg mit über 100 Kindern

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

"Im Kindergarten ist Stille ein Fremdwort? Stimmt nicht. Wenn ich mich morgens um acht Uhr mit den ersten Kindern an den Frühstückstisch setze, zünden wir Kerzen an und hören leise Musik. Das ist richtig gemütlich.

Der Sturm bricht um neun Uhr los. Abrupt. In den 15 Minuten darauf geht es zu wie auf einem Bahnhof. Mit einem Mal stürmen Kinder und Eltern das Haus. Das ist wie ein Wirbel, der durch den Kindergarten fegt. Diese Lebendigkeit und Lautstärke gleicht im Tagesablauf einer Wellenbewegung, einem stetigen Auf und Ab.

Im Moment ist die Situation noch angespannter, weil alle Kinder da sind. Im Sommer sind manche verreist, oder die Kinder bleiben zu Hause, weil die Eltern Urlaub haben. In den Wintermonaten ist der Kindergarten rappelvoll. Und dementsprechend laut.

Dazu kommt, dass die Kinder selbst im Laufe der Jahre immer lauter geworden sind. Ich bin jetzt seit über 35 Jahren Erzieherin und beobachte, dass die Kinder von Jahr zu Jahr regelloser und respektloser werden. Sicher gibt es noch die Lieben und Stillen, aber auch sehr viele, die aufgedreht sind, rennen und schreien müssen. Bei einigen mangelt es an Zuwendung durch die Eltern, andere haben keinen Hinterhof oder Spielplatz, auf dem sie sich austoben können. Deshalb ist es uns wichtig, den Kindern viel Bewegungsfreiheit zu ermöglichen, ob in der Turnhalle, auf dem Außengelände oder durch Ausflüge in den Landschaftspark.

Am deutlichsten wird das Problem, wenn wir einen Ausflug oder eine Übernachtung haben. Der erste Tag ist stets eine besondere Herausforderung. Da sind die Kinder so laut und stürmisch. Mit jedem weiteren Tag werden sie ausgeglichener, stiller.

Man könnte meinen, dass ich mich in all den Jahren an die Lautstärke gewöhnt habe. Ein Irrtum. Aber an manchen Tagen kann ich besser, an anderen schlechter mit ihr umgehen. Eine Oase der Stille finde ich in meinem Büro bei den täglichen Verwaltungsarbeiten. Es sei denn, das Telefon klingelt ständig. Ich hatte mal ein Kind da, das mir gefolgt ist, sich aufs Sofa setzte, rauswollte aus dem Trubel. "Was willst du denn hier machen?", habe ich gefragt. Und es antwortete: "Nichts, ich gucke dir zu!"

Wenn ich abends nach Hause komme, fahre ich das Tempo runter. Mein Mann fragt dann immer nach: 'Radio an oder aus?' Ich kann das in der Regel nicht gebrauchen. Erst mal will ich auch gar nicht sprechen, mich nur hinsetzten, zur Ruhe kommen. Still sein."