Oma Karoline muss in der Weihnachtszeit immer besonders inbrünstig mitgesungen haben. Sie fühlte sich, so geht die Familienlegende, schließlich als echte Bach! Bach war ihr Geburtsname gewesen. Damals, in den 1960er-Jahren, wenn die ganze Familie in der Mühlenstube um den geschmückten Christbaum versammelt war, da schepperte sie die Lieder, als walle noch immer Johann Sebastians Blut in ihren Adern. Mein Vater erzählt, dass Oma Karoline immer, wenn jemand sie angesprochen habe auf ihre Sangeslust, einen Lieblingssatz parat hatte: "Wir Bachs können eben singen."

Wir Bachs: Eigentlich müsste es "Wir Leitleins" heißen, denn der Name Bach ist uns über die Generationen verloren gegangen. Aber: Wir Leitleins sind mit Bach verwandt. Das ist die Gewissheit, mit der ich aufwuchs; das ist das, was mir schon stolz vermittelt wurde, als ich noch ein kleiner Junge war. Wann immer das Weihnachtsoratorium erklingt, komponiert von Johann Sebastian Bach – oder wenn auch nur sein Name fällt –, dann erfüllt bei uns Leitleins ein Stolz den Raum, als hätten wir die Lieder selbst mitkomponiert.

Seit einigen Jahren aber plagt mich, stets in der Weihnachtszeit, ein schlechtes Gewissen. Kann ich wirklich sicher sein, dass ich ein Bach bin?

Auch ich verbreite unser Familiengerücht bei jeder Gelegenheit, obwohl ich diese Verwandtschaft gar nicht beweisen kann. Obwohl das Gerücht in Wahrheit nur auf einer vagen Vermutung basiert, auf den Behauptungen einer alten Dame, die keinerlei Beweise vorlegen konnte – von ihrem Mädchennamen einmal abgesehen. Für Oma Karoline, die eigentlich meine Ururoma war, die Uroma meines Vaters, genügte der Glaube. Sie hatte laute Freude an der Behauptung. Das reichte ihr.

Aber ich will es genauer wissen. Also mache ich mich auf eine Reise. Weihnachten 2016 will ich es endlich ganz genau nehmen: War Oma Karoline eine echte Bach? Sind wir Leitleins Bachs? Oder wenigstens Bächleins?

Karoline Bach, die Ururoma unseres Autors © privat

"Nicht Bach, sondern Meer sollte er heißen", das hat Beethoven über Johann Sebastian gesagt. Bach war ein barocker Großmeister, geboren in Eisenach, als Thomaskantor nach Leipzig gekommen, dort zur Legende geworden, ebenda gestorben. Sein Werk wird als das fünfte Evangelium bezeichnet, das Weihnachtsoratorium bereitet auch Religionsfernen Gänsehaut. Ganze Zweige der Wissenschaft beschäftigen sich bis heute mit der Bach-Forschung. Dieser Mann gehört ohne Frage zu den größten Deutschen. Gehört er auch zu unserer Familie?

An einem verregneten Donnerstag im Herbst steige ich in Ellhofen, Landkreis Heilbronn, aus der S-Bahn. Denn Gewissheit kann ich nur im Haus von Onkel Erwin finden. Onkel Erwin hat die Suche, auf die ich mich jetzt mache, selbst einmal begonnen: Er hat versucht zu recherchieren, wie genau die Bachs aus Sachsen in das ehemalige Fürstentum Hohenlohe gekommen sein sollen.

Den Weg zu Onkel Erwins Haus kenne ich gut. Ich habe einmal übergangsweise hier gewohnt. Da war ich 16 und an Bach und der Ahnenforschung meines Gastgebers noch nicht sonderlich interessiert. Heute ärgere ich mich, denn Onkel Erwin ist vor ein paar Jahren gestorben. In seinem Büro habe ich viel Zeit verbracht, um ihm Nummern im Telefon einzuspeichern oder mit dem Computer zu helfen.

Dieser Artikel erschien in Christ & Welt sowie in der ZEIT-im-Osten-Ausgabe der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Onkel Erwin war ein Studierter, wie man im Schwäbischen sagt. Er wurde als einer der Ersten in der Familie Oberstudienrat, mit Brockhaus im Regal und der ZEIT im Abo. Jahrelang durchforstete er Kirchenbücher, pilgerte durch ganz Deutschland, von Ellhofen, wo er wohnte, bis nach Eisenach und Leipzig. Tage und Wochen verbrachte Onkel Erwin, der ein eher skeptisches Verhältnis zur Kirche hatte, in ihren Archiven. Er schwärmte für Bach, für dessen fünftes Evangelium, die Musik eben – die Onkel Erwin offenbar zugänglicher war als alles, was die Bibel so zu bieten hatte. Ich denke, er hätte gerne damit angegeben: mit dem Beweis, dass unsere Verwandtschaft zu Johann Sebastian Bach nicht nur ein Gerücht ist. Aber fand er den Beweis?