Frage: Herr Kaern-Biederstedt, Sie sind Kirchenmusik-Komponist – verkünden Sie in Ihrer Musik das Wort Gottes?

Franz Kaern-Biederstedt: Ich maße mir nicht an, ewige Wahrheiten zu verkünden. So typische Kernaussagen des Glaubens – Jesus ist für uns am Kreuz gestorben und hat unsere Sünden auf sich genommen –, das sagt mir relativ wenig.

Frage: Oh.

Kaern-Biederstedt: Glaube sollte nichts sein, das Aussagen hinstellt und sagt: Glaub das, friss oder stirb. Sondern er sollte einen dazu befähigen, wach durchs Leben zu gehen und immer wieder Fragen zu stellen. Wenn ich Kirchenmusik schreibe, stecken da stets zeitgenössische Texte mit drin. Dichter machen sich Gedanken über die Religion, ich denke in meiner Musik mit nach. Vielleicht muss man Glaubenswahrheiten immer erst anzweifeln oder gar ablehnen, um über Umwege wieder zu ihnen zu kommen.

Frage: Sie verkündigen also nicht in Ihrer Musik, sondern suchen?

Franz Kaern-Biederstedt © privat

Kaern-Biederstedt: Ich möchte nicht affirmativ irgendein Dogma stärken. Ich suche doch selber ständig nach Antworten auf Glaubensfragen. Auch mein Publikum soll ins Fragen kommen. Ich habe mal eine Weihnachtskantate geschrieben: "Weil Gott die Liebe ist". Weihnachten verbindet man mit Bach, Trompeten, strahlendem Glanz, Geschenken. Und ich wollte in der Kantate wieder danach forschen, was Weihnachten heißt, wenn man das alles weglässt. Die Adventszeit ist ursprünglich erst mal eine Zeit der Verunsicherung. Aus Zweifeln hofft man auf Erlösung – das geht ja heute immer verloren.

Frage: Viele Ihrer Stücke klingen zweifelnd, fast schon verzagt und traurig.

Kaern-Biederstedt: Ja, aber sie brechen immer wieder zur Hoffnung durch. Die muss nur erst durch den Zweifel. Ich habe ein Gedicht vertont, das sich mit einer Passage des Matthäusevangeliums beschäftigt. In dieser Stelle wird ein Knecht von Gott angenommen und belohnt, ein anderer verlassen, schuldlos. Dazu sagt die Dichterin: Wenn das wahr ist, dann will ich damit nix zu tun haben, dann schlage ich mich auf die Seite derer, die ausgegrenzt werden.

Frage: Haben Sie sich diesem Urteil in Ihrem Stück angeschlossen?

Kaern-Biederstedt: Zunächst. Als ich ihr Gedicht vertonte, habe ich aber noch eine Bibelstelle dazugefügt, Weisheit 23: "Du liebst alles, was ist." Das konterkariert die Matthäus-Passage natürlich! Wenn am Ende, nach langem musikalischem Ringen, dieses tolerante Zitat erreicht ist, ist auch die Musik völlig entspannt und schön im klassischen Sinne. Ich höre niemals im Zweifel auf.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

Frage: Wie haben Sie Zugang zu geistlicher Musik und religiösen Texten bekommen?

Kaern-Biederstedt: Als Kind habe ich in der Kantorei meiner Heimatstadt Crailsheim gesungen und bin natürlich dort mit den Kirchenklassikern in Kontakt gekommen. Dann habe ich Fagott und Klavier gelernt. Meine Familie war nicht besonders musikalisch, trotzdem habe ich so mit zehn Jahren angefangen, kleine Stückchen zu komponieren. Das war natürlich ziemlich banal.

Frage: Aber mit zehn Jahren mal eben so von selbst das Komponieren anzufangen …

Kaern-Biederstedt: Ich komme aus einer schwäbischen Kleinstadt, da gibt’s niemanden, der einem großartig bei so was helfen kann. Mich hat immer interessiert, Noten anzugucken und zu schauen, wie funktioniert das, wie machen das die Leute? So habe ich nachkomponiert, was wir mit der Kantorei gesungen haben. In der Oberstufe dann führten wir mal eine Stilkopie einer Bach-Kantate auf. Noch später habe ich völlig ahnungslos irgendwelche Heinrich-Schütz-Motetten nachgemacht.

Frage: Was man dann so macht.

Kaern-Biederstedt: Ich war nur an der Oberfläche, habe kopiert, was mir gefallen hat. Auch weltliche Kompositionen. Nach dem Abitur habe ich dann Schulmusik, Komposition und Musiktheorie studiert. Bis dahin war ich Autodidakt.

Frage: Waren Sie in Ihrer frühen Komponistenjugend gläubig?

Kaern-Biederstedt: Mit 14 hatte ich eine starke religiöse Phase. Da bin ich beinahe in eine krasse evangelikale Frömmigkeit gekommen. Frömmigkeit aber kann intolerant sein. Deshalb hatte ich mit 17 eine Art Abkehr und wollte atheistisch leben. Das gelang mir nicht. Heute bin ich zwar religiös, aber kritisch: Religion soll befreien, nicht Mauern aufbauen. Wo das passiert, distanziere ich mich. Dieses Verständnis ist eine starke Quelle für die Art, wie ich Kirchenmusik schreibe.