Stille Nächte, stille Tage, überhaupt: Mehr Stille! Ruhe im Karton! So tönt es laut, von Flughafen-, Bahntrassen-, Windrad-Gegnern und vom obligaten Nachbarn, der bei Geburtstagspartys seine Aufwartung macht mit der Bemerkung, er rufe (dabei schreit er schon) gleich die Polizei.

Ja, es herrscht der Eindruck, dass Lärm eine besonders zeitgemäße Erscheinung sei. Umfragen zufolge werden 55 Prozent der Deutschen von Straßenlärm geplagt, 32 Prozent von Fluglärm und 20 Prozent von Bahnlärm. Und auch sonst lärmt es scheinbar allerorten. Eine Qualitätszeitung resümierte vor einiger Zeit: "Ruhige Orte gibt es immer weniger in unserer Gesellschaft. Ob am Arbeitsplatz, unterwegs oder in der Wohnung aufgrund von elektrischen Geräten, Mitmenschen und Verkehr – wir sind ständig einem Geräuschpegel ausgesetzt, Tendenz steigend. Warum tun wir uns das an?"

Gegenfrage: Warum tun wir so, als täten wir uns was an? Oder anders gefragt: Stimmt es, dass wir in immer lauteren Zeiten leben?

Ein erster Blick in das Büro verrät: nicht unbedingt. Unsere modernen Arbeitswelten konkurrieren mit Schweigeklöstern. Weil keine Telefone mehr schrillen und alle nur noch lautlos E-Mails hin- und herschieben. Weil das Trommelfeuer der Schreibmaschinen erstorben und das harmlose Getuschel der Computertastatur an ihre Stelle getreten ist. Weil die Angestellten heute auf leisen Gummisohlen einherschleichen und allenfalls der Chef noch wagt, mit Ledersohle und Absatz sein Kommen anzukünden. Und weil das Klack-klack-Klack hochhackiger Damenschuhe – der Sirenengesang der Sekretärinnen – als, nun ja, nicht mehr zeitgemäß zu verstummen hatte.

Subjektive Eindrücke, sicher. Um wirklich entscheiden zu können, ob es früher leiser war, muss man die Historiker zurate ziehen. Doch die haben es schwer. Klang ist flüchtig, erst seit 1900, mit der Verbreitung des Phonographen, ist er vereinzelt zur historischen Quelle geworden. Für die Zeit davor ist man auf schriftliche Äußerungen angewiesen, die naturgemäß ein sehr vages Klangbild vermitteln. Unzweifelhaft ist, dass die Klage über den Lärm eine lange Geschichte hat. Es herrscht kein Mangel an Menschen, die wortgewaltig gegen unliebsame Geräusche angedonnert haben.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Ein Beispiel: "Da kommt mit hochrotem Kopf ein Bauunternehmer daher gerannt mit seinen Maultieren und Lastträgern, Kräne ziehen hier einen Steinblock, dort einen riesigen Balken in die Höhe, düstere Leichenzüge kämpfen mit schweren Lastfuhrwerken, hier läuft ein tollwütiger Hund, dort stürzt ein schmutziges Schwein heran. So, jetzt geh hin und sinne in deinem Inneren auf wohlklingende Verse!"

So urteilt der Dichter Horaz über die Millionenstadt Rom, deren Straßen tagsüber komplett verstopft waren. Nachts wurden diese Straßen vom Handels- und Reiseverkehr okkupiert, und das gab Grund zu noch heftigeren Klagen der Kollegen: "Hier sterben viele", schrieb Juvenal, "weil Schlaflosigkeit sie krank gemacht hat. Denn in welcher Mietwohnung kann man schlafen? Sehr reich muss man sein, um in Rom schlafen zu können."

Da nur sehr wenige im antiken Rom sehr reich gewesen sind, kann man davon ausgehen, dass damals weit mehr Menschen als heute unter Straßen- und Arbeitslärm litten.

Nun wird man einwenden: Aufjaulende und knatternde Motoren, quietschende Reifen, schrille Hupen, außer Kontrolle geratende Kfz-Alarmanlagen, dieser moderne Großstadtlärm sei viel schlimmer als die antike Stadtakustik. Erst mit der Industrialisierung, mit der Erfindung des Motors und der Elektronik, die es erlaubt, nicht nur alte Geräusche beliebig zu verstärken, sondern auch neue zu erfinden, piepende, fiepende, habe der Lärm das menschliche Maß überschritten.

Dieser Einwand ist doppelt falsch: Sein kulturpessimistischer Unterton lässt sich schwer rechtfertigen, denn warum sollte beispielsweise die Metallurgie menschlicher sein als die Elektronik? Aber auch faktisch ist der Einwand falsch.