Der Mann hat das Gefühl, kurz vor dem Ausrasten zu stehen. Er ist fertig. Fühlt sich im Stich gelassen. "Mein Bewegungsradius wird immer kleiner, und ich kann fast gar nicht mehr am gesellschaftlichen Leben teilhaben", sagt er. Dabei tut er doch nur das, was in Deutschland Millionen von Menschen auch tun – und was von der Politik ausdrücklich gewünscht wird: Er pflegt. Als "pflegender Angehöriger" betreut er seine kranke und gehbehinderte Frau zu Hause.

Im Jahr 2050 wird ein Drittel der Deutschen über 60 Jahre alt sein; heute gehört ein Viertel in diese Altersgruppe. Dass die alternde Gesellschaft sich zunehmend um pflegebedürftige Alte kümmern muss, hat sich herumgesprochen. Zahllos sind die Studien und Hochrechnungen zu den Risiken eines pflegebedürftigen "vierten Alters". Doch nicht nur die betagten Pflegefälle sind ein Problem. Unklar ist auch, wer sie alle pflegen soll.

Seit Jahren machen Schwestern und Pfleger durch Proteste auf ihre schlechte Bezahlung und das miese Image ihres Berufes aufmerksam. Der "Pflegenotstand" ist zum politischen Schlagwort geworden. Das Motto der Protestierenden: "Pflege macht krank". Die bayerische AOK hat 2014 nachgezählt: Der durchschnittliche Arbeitnehmer ist dort 16 Tage im Jahr krank, bei Schwestern und Pflegern sind es 23 Tage.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Doch wenn schon die Profis überfordert sind – wie ist dann erst die Situation der privat Pflegenden? Die ist kaum erforscht, obwohl zwei Drittel der 2,6 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland von Angehörigen versorgt werden. Zahlen gibt es aus England. Gill Livingston, Expertin für die Psychiatrie älterer Menschen am University College in London, schreibt in einer Studie, dass etwa 40 Prozent der pflegenden Angehörigen, die mit Demenzkranken zu tun haben, im Laufe der Zeit selbst an einer klinischen Depression, an Angstzuständen oder anderen psychischen Symptomen erkranken (Health Technology Assessment: Livingston et al., 2014).

Roland Wiener*, 66, betreut seit sechs Jahren seine auf den Rollstuhl angewiesene Frau. Im Februar 2012 wurde bei ihr eine Amyotrophe Lateralsklerose diagnostiziert, eine Erkrankung des Nervensystems, die 2014 durch die Aktion "Ice Bucket Challenge" einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde. Inzwischen haben bei ihr Kraft und Beweglichkeit der Arme und Hände stark nachgelassen. Fast immer muss jemand bei ihr sein. Tag und Nacht.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem neuen Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

"Bis Anfang 2014 hat unsere Nichte mir geholfen", sagt Wiener. "Dann beendete sie ihr Studium und ging ins Ausland. Aus diesem Grund bin ich – ungern – vorzeitig in Rente gegangen. Seither pflege ich meine Frau allein."

Es dauerte ein gutes Jahr, bis Wiener spürte, dass nicht nur seine Frau ein schweres Schicksal hatte, sondern dass er selbst in eine Krise geriet. Wollte der eigentlich recht umtriebige Mann mal ein Bier trinken gehen, ließ sich das eine Zeit lang organisieren. Nachbarn und Freunde halfen aus. Doch die waren nicht dauerhaft belastbar. Irgendwann kam er kaum noch stundenweise aus dem Haus. Unlösbar war das Problem, dass Wiener auch gern mal ein paar Tage verreisen wollte. Wer sollte sich an seiner Stelle zu Hause um seine Frau kümmern, rund um die Uhr?

Dass aus Frust und Isolationsgefühlen Wut wurde, hängt mit seinen Versuchen zusammen, irgendwo in seiner Stadt professionelle Unterstützung zu finden. Er fragte bei gemeinnützigen und privaten Pflegediensten nach, bei Beratungsstellen und sogenannten Pflegestützpunkten. Das sind von den Krankenkassen eingerichtete Stellen, die Hilfsangebote koordinieren sollen. Hört sich gut an. Doch seine Erfahrung war: Alles, was die produzieren, sind Flyer.

Es gibt zwar Angebote für eine stundenweise Vertretung, bei ambulanten Pflegediensten, in Kirchengemeinden oder bei Freiwilligen-Initiativen. Doch zu seinem Ansinnen, der Pflegesituation mal tageweise zu entkommen, gab es immer nur einen Rat: Kurzzeitpflege. Das bedeutet, dass der Pflegebedürftige für ein paar Tage in einem Heim untergebracht wird.

Genau das kam für Wiener nicht infrage. "Damit würde ich meiner Frau den letzten Rest Lebensqualität nehmen. Zu Hause hat sie ihre Katzen. Sie kann bestimmen, was sie essen möchte, wann sie ins Bett geht."

*Name von Redaktion geändert