Weltall - Ein neuer neunter Planet Nachdem Pluto aus dem Kreis der Planeten unseres Sonnensystems ausgeschieden ist, wollen amerikanische Astronomen Beweise für einen neuen Planeten gefunden haben. Andere Forscher sollen ihn mit Teleskopen suchen. © Foto: Caltech/ R. Hurt

Ein Planet, den noch kein Auge erblickt hat. Ein Planet, den es vielleicht gar nicht gibt. Und der, falls doch existent, auf einer absurden Bahn um die Sonne wanderte, in unvorstellbarer Entfernung. Ausgerechnet so ein Phantom soll das Rätsel lösen helfen, warum unsere Erde und ihre planetarischen Nachbarn sich so drehen, wie sie es tun, und warum ferne Himmelskörper so seltsame Kapriolen treiben. Allein die Möglichkeit, dass es einen solchen Planeten geben könnte, regt derzeit mächtig die Fantasie der Wissenschaftler an.

Ein eisiger Gasriese solle er sein, mit dem Zehnfachen der Erdmasse und einem Durchmesser fast bis zu viermal so groß wie der irdische. Dieser Gigant wäre weit jenseits des Neptuns in großer, schwarzer Einsamkeit unterwegs: für eine Umrundung der Sonne würde er zehn- bis zwanzigtausend Erdenjahre benötigen, während derer seine groteske Bahn eine weite Schleife durchs Nichts beschriebe. Und weil die Fantasie mit Bildern gefüttert werden will, gibt es mittlerweile schon künstlerische Fotomontagen, auf denen der Unbekannte dargestellt wird, mal mit dunkel bläulichem Aussehen, mal fast schwarz, mal von weiß wirbelnden Gasschlieren umzogen. Dabei ist noch nicht einmal klar, ob dieser Himmelskörper tatsächlich existiert.

Wie aber kommt man überhaupt auf den Verdacht, es gäbe da draußen einen bisher unbekannten Planeten? Das ist eine kuriose Geschichte, die viel über die Erforschung unseres Sonnensystems lehrt. Das Astronomiejahr 2016 bietet keine zweite Story wie diese.

Die Story handelt von einem Killer und einem Genie, und ein Schäfer kommt auch darin vor. Das Genie heißt Konstantin Batygin und ist gerade dreißig geworden. Der gebürtige Russe ist bereits Assistenzprofessor am renommierten Caltech im kalifornischen Pasadena und beherrscht wie kein Zweiter die Mathematik der Himmelskörper. Batygin wird nicht nur "Rockstar" (Forbes) genannt, weil er in seiner Freizeit E-Gitarre in einer Rockband spielt, sondern auch, weil er in seiner Arbeitszeit am Supercomputer des Caltech Umlaufbahnen berechnet, mit denen er die Forschung rockt. Und in dieser Geschichte geht es um viele Umlaufbahnen.

Der Killer ist der 51-jährige Michael E. Brown, der als bislang einziger Mensch von sich behaupten darf, einen Planeten auf dem Gewissen zu haben. Er hat ein Buch darüber geschrieben. Es heißt: Wie ich Pluto zur Strecke brachte. Und warum er es nicht anders verdient hat. Pluto galt einmal als neunter Planet unseres Sonnensystems, bis Brown im Jahr 2005 ein fast gleich großes Objekt entdeckte, das später den Namen Eris erhalten sollte. Überschwänglich nannte die Nasa Eris schon einen "zehnten Planeten", doch die Weltraumbürokratie nahm einen anderen Weg: Im August des Folgejahres definierte die Internationale Astronomische Union, die Hüterin der Definitionsmacht über das All, Objekte wie Eris, Pluto und Konsorten als neue Kategorie: "Zwergplaneten". Statt neun Planeten zählte das Sonnensystem auf einmal nur noch acht, ein Affront für viele Astrofans – und für Mike Brown die Inspiration für seinen neuen Twitternamen: @plutokiller.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Der Rockstar und der Killer taten sich vor zwei Jahren zusammen, um die Idee zweier anderer Astrophysiker auseinanderzunehmen. Diese hatten im Wissenschaftszentralorgan Nature über einen unbekannten Himmelskörper spekuliert. Batygin und Brown trieb zunächst der ur-wissenschaftliche Impuls, das zu falsifizieren – oder wie Brown es formuliert: "zu zeigen, wie verrückt diese Idee war". Das ist ihnen allerdings so gründlich misslungen, dass sie sich die verrückte Idee inzwischen zu eigen gemacht haben. Ihre Ergebnisse veröffentlichten Batygin und Brown im Januar dieses Jahres im Astronomical Journal unter dem Titel "Indizien für einen fernen, riesigen Planeten im Sonnensystem".

Der Aufsatz wanderte 2016 auf Platz vier der meistdiskutierten Fachartikel des gesamten Jahres, wie die britische Analysefirma Altmetric nach dem Vergleich von 2,7 Millionen Aufsätzen in der vergangenen Woche mitteilte. Dabei lieferte das Duo nicht nur einen Indizienbeweis, sondern auch die vermutete Planetenbahn. Seither kann im Prinzip jeder Astronom nach diesem möglichen Planeten suchen. Und es gibt bereits einen Hashtag: #PlanetNine.

Gleich mehrere historische Parallelen finden sich in dieser Geschichte. Reisen wir in die Zeit vor der Entdeckung der Planeten sieben und acht zurück. Damals waren nur Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn bekannt. Diese fünf Gefährten der Erde hatten schon die Himmelsgucker der Antike gekannt. Geschulte konnten sie mit bloßem Auge am Himmel entdecken, Geduldige erkannten ihre Bewegung relativ zur scheinbar festen Position der Sterne (wegen derer sie auch "Fixsterne" genannt werden). Die Planeten hingegen schienen auf festgelegten Routen über den Himmel zu wandern (bis heute existiert für sie die Bezeichnung "Wandelstern"). Erde plus fünf plus Sonne: Lange schien unser Sonnensystem ein überschaubares Sixpack mit Zentralgestirn zu sein. Ein jahrhundertelanges Missverständnis.