Schnell noch einen Wunschzettel! Er kommt spät, aber beschränkt sich auf ein einziges Wort, und das ist durchgestrichen: postfaktisch. Oh, hätten wir doch ein Zwotausendsiebzehn vor uns, in dem dieses Adjektiv keine Rolle spielt! Aber so wie die zum "Wort des Jahres" gekürte Vokabel in keinem Rückblick auf das vergangene Jahr fehlt, so verdüstert sie jeden Ausblick auf das kommende. Ach was, auf die kommenden Jahre. Denn ohne störendes Nachdenken wird dem "postfaktisch" oft gleich noch das "Zeitalter" angehängt.

Dieses Wort entfaltet ein Eigenleben. Darum muss man dringend gegenhalten. So geht es: Erstens das historisch Offensichtliche betonen. Wer heute lebt, der lebt in der faktischsten aller Zeiten, dem Ergebnis von Wissenschaft, Technik und Aufklärung. Was wären die meisten Zeitgenossen ohne die fleißige Faktenhuberei der Vergangenheit? Dümmer, ärmer, kränker wären sie und viele längst tot. Die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit war nämlich ein einziges kollektives Fact-Checking.

Zweitens das aktuell Perfide aussprechen: "Postfaktisch" ist ein Euphemismus, der etwas Hässliches in ein schönes Gewand hüllt. Wer nie analog zu Fake-News (früher einmal: Falschmeldungen) von Fake-Besuchern (statt Einbrechern) oder von Fake-Besitzern (statt Dieben) sprechen würde, der darf auch auf diese Begriffskosmetik nicht hereinfallen. Das Post faktum ist ein Anti faktum, es kommt nicht nach der Tatsache, sondern steht ihr entgegen. Unsinnig ist das, und "Unsinn" soll man dazu sagen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Drittens die begriffliche Anmaßung zurechtstutzen: Zeitalter, geht’s noch? Damit wird der zivilisatorische Mangel der Brexiteure und Trumpisten, der Klimaleugner und Früher-war-alles-besser-Schwarzseher, diese intellektuelle Inkontinenz der Gegenwart zum epochalen Merkmal geadelt.

Das Adjektiv ist so gefährlich, weil sein unreflektierter und inflationärer Einsatz entschuldigend wirkt: Es erklärt die Falschaussage zum Stilmittel, akzeptiert die Desinformation als legitimes Element im Diskurs und den politischen Spin als Maß der Wahrheit. Deswegen sollten wir uns vor dieser Vokabel hüten. Und – Fakt you! – gegen das von ihr verschleierte Phänomen anargumentieren. Auch weil das im Gegensatz zum Wünschen hilft.