René vergleicht ihn gerne mit einem Affenstall: den Raum, an der Neuköllner Fritz-Karsen-Schule, in den er sich in vier Jahren bisher zwei Mal getraut hat. Zwei Mal? In vier Jahren? "Ja doch. Genau zwei Mal. Der Geruch ist so fürchterlich." Lieber trinke er weniger, ignoriere das Ziehen in seiner Blase und warte, bis er zu Hause sei. Auch wenn das für den 15-Jährigen bis zum späten Nachmittag dauert.

Wie im Berliner Zoo, meint auch Uwe Schönefeld. Doch am besten mache man sich selbst ein Bild, sagt der stellvertretende Schulleiter – und drückt die Klinke zum "Affenstall" herunter. "Wenn Sie jetzt mal einen tiefen Atemzug nehmen wollen ..."

Kaum hat Schönefeld die Tür einen Spalt geöffnet, drängt er schon in die Nase: ein beißender, penetranter Gestank. Durch die hellen Fliesen im Raum ziehen sich Risse, manche sind ganz abgebrochen, von anderen Wänden bröckelt der Putz. Verkalkte Wasserhähne, rostrote Rohre, schmierige Spiegel. Das ist die Schultoilette.

In der deutschen Schullandschaft gehören Beschreibungen wie diese aus der Neuköllner Schule längst zum Alltag. Widerliche Zustände in Klassenzimmern und Fluren, wo Kinder mehr Zeit verbringen als in ihrem Zuhause. Berichte über stinkende Toiletten, herunterhängende Deckenplatten, Schimmel an den Wänden, Dachüberstände, die auf den Schulhof zu stürzen drohen, asbestbelastete Räume und kaputte Wasserrohre, die Klassenräume unbenutzbar machen. Berichte dieser Art gibt es monatlich und aus allen Regionen Deutschlands. Erst vor wenigen Wochen sorgte die Entscheidung eines Berliner Schulleiters für Aufsehen, der den Unterricht kurzerhand ausfallen ließ, weil er seinen Lehrern nicht zumuten wollte, an einem Arbeitsplatz zu unterrichten, an dem es keine funktionstüchtigen Toiletten mehr gab.

Die Fritz-Karsen-Schule ist eine von 60 Schulen in Berlin-Neukölln. Allein hier gibt es einen Sanierungsbedarf von 15 Millionen Euro. Wollte der Bezirk alle baulichen Mängel an sämtlichen Schulen beheben, brauchte er insgesamt 450 Millionen Euro. Für ganz Berlin wären es fünf Milliarden, so hat es der sogenannte Gebäudescan im Sommer 2016 ergeben. Nimmt man alle deutschen Schulen zusammen, sind es 34 Milliarden Euro, die für Sanierungsarbeiten fehlen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Wie ein schlechter Witz kommt angesichts solcher Summen der Betrag daher, den das Bundesfinanzministerium jetzt in die Bildungsinfrastruktur stecken will: 3,5 Milliarden Euro. Dazu wird der sogenannte Kommunalinvestitionsförderungsfonds, der 2015 eingerichtet wurde und schon damals 3,5 Milliarden Euro umfasste, um die gleiche Summe aufgestockt. Das Geld soll dann vor allem in die Schulinfrastruktur finanzschwacher Kommunen fließen. Ein Nachtrag im Bundeshaushalt und eine Grundgesetzänderung sind nötig. "Schülerinnen und Schüler sollen nicht länger unter der Finanzknappheit ihrer Gemeinden leiden", heißt es aus der Behörde von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

"Leiden". Ein starkes Wort. Aber was heißt das genau, wenn es um eine Schule geht? Was macht es mit der Motivation der Lehrer, wenn ihr Arbeitsplatz einer Ruine gleicht? Und was machen die unsanierten Klos und Klassenräume mit den Schülern?

"Fangen wir mal bei den Fenstern an", sagt Uwe Schönefeld, der erst seit einem Jahr Lehrer an der Fritz-Karsen-Schule ist. Er blickt auf das Haupthaus: beige Fassade, rote Ziegel, gelbe Vorhänge. Eher trist als einladend. Farbe bröckelt vom Geländer, die Türgriffe schauen abgenutzt aus. Eine deutsche Durchschnittsschule. Durchschnittlich schön, durchschnittlich hässlich. Die Schule wurde 1948 gegründet und ist damit die älteste Gemeinschaftsschule Deutschlands. Auch das ist ein Grund dafür, dass die Fenster im Haupthaus nun morsch sind. Die weiße Farbe blättert ab, an einigen Rahmen sind ganze Holzteile herausgebrochen. Mal fehlen die Griffe an den Rahmen. Mal lassen sich die Fenster nur mit Gewalt öffnen. "Wir dürfen dieses Haus nur denkmalgerecht verändern, das ist aber nicht schülergerecht", sagt Schönefeld. 1,2 Millionen Euro sollen die neuen Fenster kosten. "Mit abschleifen und neu streichen ist es nicht getan. Die Isolierung des Gebäudes ist dadurch katastrophal. Der Staat zahlt Tausende an Euro zu viel für die Heizkosten."

Weiter zur Aula. Sie ist groß, mit Bühne, Empore, braunem Holz, Fischgrätparkett, bodentiefen Fenstern. "Eigentlich ein schöner alter Bestand", sagt Schönefeld. "Aber nicht ausreichend gepflegt." Vor Kurzem hätten sie an der Schule erfahren, dass das Dach möglicherweise einsturzgefährdet sei. "Da wir in der Aula auch das tägliche Mittagessen ausgeben, wäre eine Schließung der Aula ein Riesenproblem für unser Ganztagskonzept", sagt der 49-Jährige. Die Empore ist längst nicht mehr nutzbar. Die Geländerhöhe entspricht nicht den Sicherheitsvorgaben, der Bodenbelag ist nicht mehr zu betreten. "Bei Aufführungen ist es hier unten immer schrecklich eng. Wir könnten den Platz da oben so gut gebrauchen."