Immer samstags, von zwei Uhr nachmittags bis sechs Uhr abends, fühlt Emad Sadka sich wieder wie einer, dessen Leben einen Wert hat. Dann macht er, was er am liebsten macht und am besten kann: nähen. Mit schnellen Handgriffen legt er ein Stück dünnen hellblauen Stoff unter der Nadel der Nähmaschine zurecht, rollt Garn von einer Spule ab und fädelt es ein. Neben ihm liegt ein Schnittmuster aus einem alten Burda-Heft, "die Longbluse: ein Universalgenie".

Mit dem rechten Fuß drückt Sadka unter dem Tisch das Pedal durch. Die Nähmaschine surrt los. Es ist das Geräusch, das Sadkas Kindheit in Syrien begleitete, als sein Vater, ein Schneider, zu Hause in der Wohnung nähte. Das Geräusch, das auch seine Jugend begleitete, wenn er nach der Schule im Geschäft vorbeischaute, das sein Vater mittlerweile in einem Vorort von Damaskus betrieb. Auch Sadka wollte einmal Schneider werden.

Jetzt sitzt er, mittlerweile 30 Jahre alt, in einem Flüchtlingsheim in Berlin-Charlottenburg. Zimmer 218 ist der Gemeinschaftsraum, immer samstags bietet eine pensionierte Lehrerin hier einen Nähkurs an. Flüchtlingsfrauen nähen dann Blusen und Kleider für sich und ihre Kinder, trinken Tee, quatschen. Ganz rechts im Raum, an einem Extratisch, sitzt Sadka. Er ist ernster bei der Sache als die anderen. Passt das Garn zum Stoff? Ist die Naht gerade? Für vier Stunden fühlt er sich wie der Mann, der er einmal war: ein Mann, der eine Aufgabe hat.

Doch vier Stunden sind kurz, wenn die Woche sieben Tage hat und jeder Tag 24 Stunden.

Sadka ist einer von fast einer Million Flüchtlingen, die 2015 nach Deutschland kamen. Und einer von Hunderttausenden, die nun nach Arbeit suchen. Nur eine winzige Gruppe hat bislang eine gefunden (siehe Kasten). Sadka gehört zur anderen Gruppe: zur großen Gruppe der Arbeitslosen.

Im Libanon, wohin er 2013 aus Syrien geflohen war und sich als Arbeiter auf dem Bau durchschlug, sah er keine Zukunft. Auch nicht in der Türkei, wo er in einer Textilfabrik Jeans zusammennähte, aber davon kaum die Miete zahlen konnte. In Deutschland, erzählten sich die Flüchtlinge, gebe es gut bezahlte Jobs. Ende September 2015 packte Sadka seinen Rucksack, zahlte einen Schlepper und stieg in ein Boot nach Lesbos. Von dort mit der Fähre nach Athen, weiter über die Balkanroute, in Bussen, zu Fuß. Im Oktober 2015 erreichte er Berlin. Notunterkunft, 150 Flüchtlinge in einem Raum. Er lag in Bett Nummer 62, und manchmal, wenn er glaubte, unter all den Menschen durchzudrehen, dachte er an den Militärdienst in Syrien, den er als einziger Sohn der Familie nicht hatte leisten müssen. Auch die Rekruten lebten in Camps, Sadka stellte sie sich so vor wie das Lager, in dem er nun lebte. Aushalten, dachte er.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 53 vom 21.12.2016.

Der Krieg hat Sadka sein Zuhause genommen, die Freunde, die Familie. Mit seinen Eltern und fünf Schwestern, verstreut in Syrien und dem Libanon, spricht er nur noch über WhatsApp. Eins aber hätte er in der Hand, dachte Sadka, als er nach Deutschland aufbrach: einen Job zu finden. "Ein Leben ohne Arbeit ist ein Leben ohne Wert", sagt er.

Sadka weiß alles über Stoffe: Jersey, Chiffon, Baumwolle, Strick, Jeans, Lycra, alles hat er schon unter der Nadel gehabt. So wie der Flüchtling aus dem Werbespot der Initiative Wir zusammen, die darum wirbt, dass mehr Unternehmen Flüchtlinge einstellen. Der Flüchtling in dem Spot näht bunten Stoff zusammen, im Hintergrund läuft Klaviermusik. Sein Chef legt einen Arm um ihn, beide lächeln in die Kamera. "Helfen auch Sie, Flüchtlinge zu integrieren", sagt dann die nette Stimme aus dem Off.

Sadka erfuhr, dass die Deutschen in Asien nähen lassen. Damit hatte er nicht gerechnet

Vor einem Jahr klang es so, als könnten es deutsche Unternehmen gar nicht erwarten, Flüchtlinge einzustellen. Als könnten diese sogar die Lösung für Deutschlands Fachkräftemangel sein. Den großen Worten manch eines Unternehmenschefs ist an Taten bisher wenig gefolgt, die Firmen der Initiative Wir zusammen sind eher die Ausnahme als die Regel.