Und Emad Sadka ist weit von einem Job in Deutschland entfernt. Liegt das an Sadka, der weder Schulabschluss noch Ausbildung, geschweige denn einen Meister hat? Oder liegt es an Deutschland?

Sadka ist ein schmaler Mann, schüchtern, höflich, überpünktlich. "Hat man einen Termin, ist man am besten zehn Minuten früher da", steht auf einem Merkblatt, das er bekommen hat, es handelt davon, wie man sich in Deutschland verhält. "Deutsche schütteln sich oft die Hände", steht da, also schüttelt Sadka den Deutschen oft die Hände.

Als Sadka drei Monate in Berlin war, hatte er Glück und rutschte in einen Deutschkurs, ehrenamtlich organisiert. Er fragte die Lehrerin, wo in Deutschland die großen Textilfabriken seien, er würde sich dort gern vorstellen. Die Lehrerin erklärte, dass die Deutschen ihre Kleidung vor allem in Asien nähen lassen, in China oder Bangladesch, weil das billiger sei. Damit hatte Sadka nicht gerechnet. Er dachte, die Kleidung der Deutschen sei made in Germany.

Einmal kommen Mitarbeiter der Arbeitsagentur in die Notunterkunft, erzählen von Ausbildungsmöglichkeiten, die es in Deutschland gibt. Sadka lernt, was Windkraft ist und dass sich in Deutschland nicht die Familien um die Alten kümmern, sondern dass es dafür Heime gibt und einen Beruf: Altenpfleger. Altenpfleger werden dringend gesucht, auch Elektriker, Schweißer, Klempner. Was ist mit einer Ausbildung als Schneider?, fragt Sadka. Das wissen die Mitarbeiter der Arbeitsagentur nicht, das steht nicht auf ihrer Liste. Sadka will noch nicht aufgeben, er hofft auf einen Job als Schneider. Wenn es gar nicht klappt, würde er auch Altenpfleger werden.

Es gibt Flüchtlinge, die es – einmal angekommen und versorgt mit Taschengeld, Essengeld und Wohnungsgeld – nicht mehr eilig haben, nach Jobs zu suchen. Oder die aufhören, Deutsch zu lernen. Auch Sadka brach seinen Deutschkurs ab, als er nach sieben Monaten aus der Notunterkunft in ein Flüchtlingsheim in Charlottenburg zog. Warum, wisse er heute nicht mehr, sagt er. Vielleicht traut er sich auch nicht zu sagen, dass die anderen schneller lernten als er, dass er keine Lust mehr hatte.

Sadka hatte als Schüler schon Probleme mit der arabischen Grammatik. In der neunten Klasse brach er die Schule ab und stieg ins Geschäft des Vaters ein. Er ist einer von denen, die nicht gut sind im Lernen, dafür umso besser im Anpacken. Nur: Auf einen syrischen Schneider ohne Ausbildung hat Deutschland nicht gewartet. Aber nun ist er da. Und arbeiten will er, unbedingt. Die Hand aufhalten und Geld vom Amt bekommen, das empfinde er als Schmach, sagt er. Und die 354 Euro reichten zwar für ihn, seine Familie aber könne er nicht unterstützen. Sein Vater, Ende 50, arbeitet im Libanon auf dem Bau, um Geld zu verdienen. "Er ist viel zu alt dafür."

Sadka sagt, er würde in Deutschland in jede Stadt und jedes Dorf ziehen, wenn ihm nur irgendwo jemand einen Job gäbe. Er hat im Heim herumgefragt, ob jemand einen Schneider kennt, bei dem er arbeiten könnte. Ein Bekannter gab ihm eine Adresse, eine Straße im Berliner Wedding. Sadka würde gern hinfahren und nach Arbeit fragen. Nur wie, ohne Deutsch zu sprechen? Er kennt niemanden, der die Sprache beherrscht und ihm dabei helfen könnte. Allein traut er sich nicht. Ohne Job kein Deutsch. Ohne Deutsch keinen Job – das ist sein Dilemma.