Das Jobcenter verlangt, dass Flüchtlinge einen Sprachkurs absolvieren, Level B1. Aber muss einer wie Sadka erst eine Prüfung bestanden haben? Muss er Oberfadenspannung, Rückwärtstaste und Spulvorrichtung sagen können, wenn er doch weiß, was er tut, sobald er hinter einer Nähmaschine sitzt? Und würde er nicht schneller Deutsch lernen, wenn er erst mal einen Job hätte? Einige Arbeitsmarktexperten, auch von der Bundesagentur, glauben, dass Flüchtlinge parallel zur Arbeit Deutsch lernen sollten, statt monatelang in Kursen festzuhängen. In der Türkei hat Sadka unter Türken in der Fabrik genäht. Dort hat er in einem Jahr besser Türkisch gelernt als in einem Jahr Deutschland Deutsch.

Wann ergibt sich jemand wie Sadka der Lethargie des Heims?

Im Heim lebt Sadka in einem 20-Quadratmeter-Zimmer, das er sich mit einem Iraker und einem Bosnier teilt. Mit dem Iraker spricht er Arabisch, mit seinen syrischen Freunden im Heim auch. Nur mit dem Bosnier muss er es auf Deutsch versuchen. Der aber spricht noch schlechter als Sadka, er versteht nach zwei Jahren in Berlin nicht einmal die Frage, aus welcher Stadt in Bosnien er stammt. "Deutschland: Berlin, Dortmund, München. Du in Bosnien?", hilft Sadka. Der Bosnier versteht. "Tusla", sagt er. Er hat längst seinen Abschiebebescheid bekommen. Wozu noch die Sprache lernen? Er hat aufgegeben, liegt mitten am Tag auf seinem Bett und schläft.

Wie schnell gibt jemand wie Sadka auf? Wann ergibt er sich der Lethargie des Heims, wo die Männer bis spätnachts draußen sitzen, Tee trinken und Zigaretten drehen? Und sich daran gewöhnen, nicht zu arbeiten, es vielleicht auch gar nicht mehr wollen.

Die Stimmung im Heim, die Stimmung des Gemüts, das sind Faktoren, die sich nicht berechnen lassen, die in keinem Integrationsgesetz stehen. Für den Erfolg bei der Jobsuche können sie trotzdem entscheidend sein. An guten Tagen sagt Sadka, er werde natürlich Arbeit finden. An schlechten Tagen sagt er: "Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels."

Mitte August stirbt in Syrien eine von Sadkas Schwestern. Es gibt Komplikationen bei der Geburt ihrer Tochter – und keine passenden Blutspenden. Sadka will bei seiner Familie sein. Stattdessen sitzt er allein in Berlin. Das sind die ganz schlimmen Tage.

Ende August bekommt er seinen Termin beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Er fasst Mut, endlich geht es voran. Auch sein Antrag auf einen offiziellen Sprachkurs wird bewilligt.

Anfang Oktober bekommt Sadka seinen Aufenthaltsbescheid: subsidiärer Schutz. "Was heißt das?", fragt er. Es heißt, dass Sadka vorerst nur ein Jahr in Deutschland bleiben darf. Er hatte auf drei Jahre gehofft, denkt nun, er könnte bald abgeschoben werden. "In Syrien ist Krieg", sagt er. In einem Ton, als hätten die Deutschen noch immer nicht verstanden, was das bedeutet. Sechs Monate dauert der Kurs. Ob er dann eine Arbeit findet? Sadka weiß es nicht.

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