DIE ZEIT: Herr Huber, wann ist es Ihnen zuletzt schwergefallen, hoffnungsvoll zu sein – oder einem anderen Menschen Hoffnung zu machen?

Wolfgang Huber: Schwer fiel mir das Hoffen, als ich um das Leben eines nahen Menschen gebangt habe. Umso erleichterter war ich, als es doch weiterging. Mit der Hoffnungslosigkeit anderer bin ich überfordert, wenn ich merke, dass sie seelisch verzweifelt sind, dass die Depression sie im Griff hat.

ZEIT: Wer oder was hat Ihnen in Ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit geholfen?

Huber: Mir half, mit vertrauten Menschen darüber zu reden. Und irgendwann wurde das gemeinsame Gespräch zum Gebet.

ZEIT: Hatten die anderen genauso viel Angst wie Sie?

Huber: Ja.

ZEIT: Wieso war das Reden dann hilfreich?

Huber: Weil es tröstlich ist, wenn ein anderer eine schlimme Erfahrung mit einem teilt. Gute Seelsorger können das. Das Zuhören anderer und der Hilferuf zu Gott gehören zusammen. Ich will es an einer biblischen Geschichte erklären, die nicht sehr weihnachtlich ist, nämlich Jesus im Garten Gethsemane. Am Abend vor seiner Kreuzigung ahnt er seinen Tod voraus und fleht zu Gott, der Kelch möge an ihm vorübergehen. In seiner Verzweiflung sucht er die Gemeinschaft der Jünger; aber er muss feststellen, dass sie eingeschlafen sind. Das enttäuscht ihn zutiefst. Daran sieht man, dass das Miteinanderhoffen helfen kann und sich dies mit dem Vertrauen auf Gottes Beistand verbindet. Beides gehört zusammen. So entsteht die Bereitschaft, schmerzliche Dinge anzunehmen, die wir nicht ändern können, und die Kraft, sogar angesichts der Katastrophe weiterzugehen. Ich nenne das "radikale Hoffnung".

ZEIT: Luther soll in seiner Bibelübersetzung als Erster die Wendung vom "Gott der Hoffnung" benutzt haben. Was ist für Sie als evangelischer Bischof Hoffnung?

Huber: Hoffnung ist die Gewissheit, dass Gott es trotz allem mit mir und der Welt gut meint – über das hinaus, was ich selber bewerkstelligen kann.

ZEIT: Muss man glauben, um zu hoffen?

Huber: Nein, aber es hilft. Die biblischen Bilder für die Hoffnung sind stark: Auferstehung, ewiges Leben, Reich Gottes, Jüngstes Gericht. Trotzdem genügt es nicht, sie zu kennen, um zu hoffen. Radikale Hoffnung geht über solche bildlichen Vorstellungen hinaus. Sie verlässt sich darauf, dass die Zukunft in Gottes Hand liegt. Diese Gewissheit befreit: Auch die Mächtigsten in der Welt haben nicht auf unabsehbare Zeit Macht, sondern sind sterblich, endlich und begrenzt. Einer der einprägsamsten Hoffnungssätze stammt von Gustav Heinemann: "Die Herren dieser Welt gehen, unser Herr kommt."

ZEIT: Was kann man als Nichtchrist von der christlichen Art des Hoffens lernen?

Huber: Dass menschliche Zukunftspläne fragil sind. Dass man, um zuversichtlich zu leben, Selbsttranszendenz braucht – die Fähigkeit, trotz unserer begrenzten Möglichkeiten nicht zu resignieren, trotz widrigster Umstände das Mögliche zu erreichen. Luther sagt: "Alles, was in der Welt erreicht wurde, wurde aus Hoffnung getan." Das heißt, hoffnungsvolles Handeln weist immer über das von vornherein Planbare hinaus.

ZEIT: Sind Realisten unfähig zu hoffen?

Huber: Nein, aber als Realist müsste man die Hoffnung oft aufgeben. Denken Sie an Deutschland im Jahr 1945 und das, was danach kam: Der lange Frieden übertraf doch alle Erwartungen. Noch mehr gilt das für das Jahr 1989. Ein Freund von mir fasste die Erfahrung des Mauerfalls in die Formel: Da wurden Hoffnungen erfüllt, die wir uns gar nicht erlaubt hatten. – Wenn ich heute an 1945 und 1989 denke, dann will ich auch angesichts von Aleppo die Hoffnung nicht aufgeben. Durch Hoffnungslosigkeit würde sich das Grauen verdoppeln, das in Syrien ohnehin schon geschieht.

ZEIT: Aber was hilft es den Syrern, wenn wir hier aus sicherer Distanz hoffen und beten?

Huber: Die Hoffnung ist eine Gegenkraft, die uns hilft, das Mögliche zu tun, um dem Schrecken ein Ende zu setzen – wohl wissend, dass wir nicht alles tun können. Das gilt auch für die Politik. Im Fall Syrien empfinde ich es als besonders beschämend, dass wir uns in Europa viele Jahre lang in Gleichgültigkeit verkrochen haben. Niemand versuchte ernsthaft, eine politische Perspektive für Syrien und den Nahen Osten zu entwickeln, die internationalen Organisationen haben versagt. Erst jetzt, wo uns das Geschehen durch die Flüchtlinge so nahe gerückt ist, kommt das Erschrecken und Erwachen.

ZEIT: Zu spät? Oder besser spät als nie?

"Jede Geburt hat etwas von einer Offenbarung"

Huber: Dass Aleppo nun zum Signal wird, liegt an der Brutalität der Bombardierung durch Assad und Putin: Wir wissen, wer der Aggressor ist und wen wir kritisieren müssen. Doch die Frage, wie es weitergehen soll, ist dadurch nicht beantwortet. Wer könnte an Assads Stelle treten? Die militanten Rebellen machen nicht den Eindruck, als würde ein Menschenleben für sie einen höheren Rang haben als für die Regierungstruppen. Um dieses Dilemma wissen wir seit Langem und halten uns raus. Wer sich raushält, rettet aber noch keine Menschenleben.

ZEIT: Was wäre denn jetzt zu tun für die Syrer?

Huber: Das weiß ich nicht. Aber die unzureichende internationale Reaktion auf Syrien erinnert mich sehr an das Versagen der Vereinten Nationen beim Völkermord in Ruanda. Vielleicht hätte man für Syrien rechtzeitig eine Koalition mit internationalem Auftrag bilden müssen, die die Streitenden auseinanderhält, etwa durch eine Schutzzone. Aleppo ist das Signal, dass wir die Verbrechen Assads und der Russen klar benennen sollten, ohne die dschihadistischen Kräfte zu verharmlosen. Mindestens die Hälfte der syrischen Bevölkerung ist auf der Flucht, es wäre längst notwendig gewesen, sie am Boden militärisch zu schützen.

ZEIT: Was bedeutet Ihnen Weihnachten in diesem Jahr?

Huber: Ich habe mich intensiv mit einer biblischen Erzählung beschäftigt, die vor Weihnachten liegt, nämlich mit der Verkündigung des Engels an Maria, dass sie Jesus zur Welt bringen werde. Maria hat erst Zweifel, aber dann akzeptiert sie ihren besonderen Auftrag.

ZEIT: Dass sie mit dem Gottessohn schwanger ist, ist eine beängstigende Sache: "empfangen durch den Heiligen Geist".

Huber: Jede Geburt hat etwas von einer Offenbarung. Wie wir von einem Kind sagen, es kommt zur Welt, so erzählt die Weihnachtsgeschichte, dass Gott zur Welt kommt. Er wird anschaulich als ein Menschenkind, in aller Armseligkeit und Schutzlosigkeit. Dass Gott sich der Welt so preisgibt, hat etwas Berührendes. Aber dass eine "Jungfrau" ein Kind bekommt, würde ich nicht so sehr betonen, weil der hebräische Ausdruck für "junge Frau" etwas forciert übersetzt wurde. Entscheidend ist, dass mit Marias Kind Gott zur Welt kommt. Das ermutigt dazu, die Welt nicht in Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen. An Weihnachten halten wir inne und öffnen uns für das Kommen Gottes.

ZEIT: Wo werden Sie Weihnachten predigen?

Huber: In einer kleinen Stadt in Brandenburg.

ZEIT: Fällt Ihnen das dieses Jahr schwerer als sonst?

Huber: Nicht schwerer als in anderen Jahren. Ich habe immer wieder Zeiten erlebt, in denen die frohe Weihnachtsbotschaft angesichts der Umstände fremd, ja befremdlich wirkte. Ich tröste mich auch diesmal damit, dass die Zukunft nicht von meiner Predigt abhängt, sondern von Weihnachten selbst: ob wir seine verwandelnde Kraft spüren und uns daran orientieren. Schwierig an der Predigt wird sein, sie wirklich kurz zu halten.

ZEIT: Warum kurz?

Huber: Weil es ein vor allem musikalisch gestalteter Gottesdienst ist. Die Menschen kommen zahlreich, aber sie wollen die Kirche rechtzeitig wieder verlassen.

ZEIT: Brandenburg gehörte zur DDR und hat besonders wenige Kirchenmitglieder. Stört Sie das?

Huber: Ich bin längst darauf eingestellt, dass in den Weihnachtsgottesdiensten mehr als die Hälfte der Besucher kein ausgeprägtes Verhältnis zum christlichen Glauben hat. Ich freue mich über sie genauso wie über die, die sich als Christen verstehen. Das Evangelium ist für alle da.

ZEIT: Was suchen die "Weihnachtschristen" und diejenigen, die nicht glauben, Heiligabend in der Kirche?

Huber: Ich glaube, sie wollen nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich an ein altes Fest anknüpfen, das unseren Lebensrhythmus bis heute wie kein anderes bestimmt. Auch den meisten Nichtchristen ist bewusst, dass christliche Werte für unser Land prägend sind. Und schließlich, so vermute ich, suchen sie nach etwas, das sie persönlich aufrichtet, das ihren Mut und ihre Bereitschaft stärkt, sich auf das nächste Jahr und auf die Menschen einzulassen, denen sie begegnen. Weihnachten ist ja ein riskantes Fest, weil die Familien so nah zusammenkommen wie sonst kaum. Es ist ein Fest des Friedens, nicht nur in den Familien, sondern auch mit Fremden. Natürlich hoffe ich, dass die "Weihnachtschristen" sich über das Fest hinaus etwas von dem bewahren, was ihnen an Weihnachten wichtig ist.

ZEIT: Was muss ein Pfarrer können, um Hoffnung zu wecken?

"Den Hass darf ein Pfarrer unter keinen Umständen akzeptieren"

Huber: Ich würde lieber sagen, Hoffnung "zusprechen" als Hoffnung "wecken". Sonst entsteht der Eindruck, dass Hoffnung im Menschen schläft und schlummert – und nur geweckt werden muss. Meine Vorstellung von Hoffnung hat mit Beziehung und Verheißung zu tun. Zuversicht auf Kommendes muss mir zugesprochen werden von anderen Menschen, vom Seelsorger, Pfarrer, Bischof. Damit dieses "Zusprechen" gelingt, muss der Sprecher die Ängste und Unsicherheiten des anderen kennen. Für mich ist in der Zeit des atomaren Wettrüstens ein Satz zum Leitfaden geworden: "Meine Hoffnung ist stärker als meine Angst." Es kann in der Kirche nicht darum gehen, Ängste zu unterdrücken, zu ignorieren, zu bekämpfen, sondern man muss sie so aufnehmen, dass der andere Mut fasst.

ZEIT: Und was ist mit Ängsten, die sich hasserfüllt gegen Schwächere richten wie jetzt im Flüchtlingsstreit?

Huber: Den Hass darf ein Pfarrer unter keinen Umständen akzeptieren. Die Angst aber sollte er ergründen. Angst nur abzuwehren vertieft die Polarisierung der Gesellschaft.

ZEIT: Wofür haben Sie kein Verständnis?

Huber: Wenn Angst sich in Gewalt, auch in verbaler Gewalt ausdrückt. Eine der wichtigsten Aufgaben im nächsten Jahr wird sein, die Grenze vernünftig zu ziehen: Was heißt "mit der AfD reden"? Ich möchte natürlich nicht, dass die Kirche der AfD "ein Podium bietet", wie es jetzt immer heißt.Aber als Christ muss ich bereit sein, mit Menschen zu reden, die nicht meiner Meinung sind, also auch mit jenen, die sich in der AfD engagieren oder sie wählen wollen.

ZEIT: Was macht man als Seelsorger in "hoffnungslosen Fällen", bei Verzweiflung und Lebensmüdigkeit?

Huber: Wenn einer sich aufgibt, darf man ihn nicht auch aufgeben. Man muss ihm zur Seite stehen und sich zugleich abgrenzen. Das ist nicht leicht. Es hat zur Voraussetzung, dass man für den Hoffnungslosen Hoffnung hat.

ZEIT: Warum ist das Kind Jesus auch nach 2.000 Jahren ein Symbol des Beginns?

Huber: Wer ein neugeborenes Kind ansieht, sieht das menschliche Leben in seiner vollen Unschuld, noch unbelastet durch Konflikt und Streit. Dieses Anfängliche und Lebensbejahende ist im Jesuskind verallgemeinert und soll zum Vorbild unseres Handelns werden. Mut fassen, nicht resignieren, Hoffnung stiften – als Pfarrer macht man das zum Beruf. Die reformatorische Tradition sagt: Man tut, was man tut, um des anderen Menschen willen. Weihnachten sagt: Man tut es aus Liebe.