Jeder Schock provoziert Reflexe: Angst, Abwehr, Aggression, Aktionismus, Apathie. Das ist menschlich. Der Anschlag auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin ist da keine Ausnahme.

Allerdings wirken die Reflexe aus dem politischen Betrieb seltsam einstudiert, wie ein ärgerliches Déjà-vu. Die CSU fordert wieder eine Obergrenze für Flüchtlinge, als ob sich unter den dann Verbleibenden keine potenziellen Verbrecher mehr verstecken könnten. Das soll suggerieren: Es kann so Sicherheit gegen den Terrorismus geben. Die Linken – von Teilen der SPD über die Grünen bis zur Partei Die Linke – verweisen stur darauf, dass es genug Gesetze gebe, man müsse sie nur anwenden. Gemeint ist: Es lässt sich nicht viel machen, absolute Sicherheit gibt es nicht. Und die Würdenträger der Kirchen beeilen sich, zu predigen, dass man nun ja nicht alle Flüchtlinge über einen Kamm scheren und den Populisten nicht auf den Leim gehen dürfe, als ob die Mehrheit der Deutschen das täte. Und – besonders ärgerlich – es gibt auch noch den Reflex auf den Reflex: Was die eine Seite sagt, muss die andere schon aus Prinzip ablehnen. Es ist Zeit, dieses verheerende Muster zu durchbrechen.

Die Rekonstruktion des Aufenthalts von Anis Amri in Europa, dem tunesischen Terroristen, der nach allem, was wir wissen, in Berlin zwölf Menschen ermordet hat, verrät eine Kette von Versäumnissen, Fehlern und Pannen, die alle für sich schon geeignet sind, Wut und Fassungslosigkeit auszulösen.

In Italien fiel Amri gleich der erstbesten Polizeistreife auf

Es stimmt ja: Die deutschen und italienischen Behörden hätten sich austauschen, Tunesien hätte den abgelehnten Asylbewerber zurücknehmen müssen, und vor allem hätte Amri niemals so frei durchs Land reisen dürfen (es ist ein böser Treppenwitz der Geschichte, dass Amri in Italien gleich der erstbesten Streife aufgefallen war). Aber hieraus zu schließen, dass es keine Gesetzeslücken gebe, stimmt eben auch nicht. Dass ein ausreisepflichtiger Asylbewerber, der die öffentliche Sicherheit bedroht, dafür bislang nicht in Abschiebehaft genommen werden kann, versteht kein Mensch. Dass jemand, der hierzulande wiederholt Straftaten begeht, sein Recht auf Asyl nicht umgehend verwirkt, ist ebenso wenig nachvollziehbar. Dass es gegen jemanden wie Amri, der ohnehin schon im Visier der Ermittler war und sich dann offenbar auch noch Waffen beschaffen, wenn nicht sogar als Selbstmordattentäter anbieten wollte, keine Handhabe geben soll, ist nicht Ausweis der Rechtsstaatlichkeit unseres Landes, sondern eine Einladung zu weiteren Straftaten. Und hier ist noch nicht einmal die Frage angesprochen, warum Tunesien nicht längst als sicheres Herkunftsland eingestuft ist, wogegen sich vor allem die Grünen – die an diesem Punkt gerade abgetaucht sind – vehement gesperrt haben.

Es geht bei alledem nicht allein um Juristisches, und es darf schon gar nicht um den ritualisierten parteipolitischen Schlagabtausch gehen. Es handelt sich um etwas viel Größeres, weswegen der Anschlag von Berlin auch ein Attentat auf unser Selbstverständnis war: Es geht um den Glauben der Menschen daran, dass sich unsere offene, freiheitsliebende und tolerante Gesellschaft auch wehren kann, dass sie Regeln nicht nur aufstellen, sondern auch durchsetzen will, dass ganz allgemein das Prinzip gilt, je vielfältiger eine Gemeinschaft, desto unmissverständlicher die Regeln.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Bis heute gibt es Politiker, und nicht nur Politiker, die immer noch nicht verstanden haben, wie sehr die Gesetzlosigkeit und die Verharmlosung während und nach der Kölner Silvesternacht das Rechtsempfinden der Menschen beleidigt haben. Der Kampf gegen den Terror, also gegen die eingebildete und die reale Bedrohung, ist noch viel wichtiger. Der Fall Amri zeigt: Wir haben diesen Kampf delegiert an eine unübersichtliche Zahl von Behörden, Gerichten, Ermittlern, Landesregierungen. Das aber ist der falsche Ansatz. Einer Gefahr wie des islamistischen Terrorismus wird man vermutlich nur Herr werden, wenn man sie als nationale Anstrengung begreift. In diesen Tagen ist eine alte Ansprache von Helmut Schmidt zum YouTube-Renner geworden, die Rede an die Nation des damaligen Bundeskanzlers, gehalten am 5. September 1977, gleich nach der Entführung des Hanns Martin Schleyer. Schmidt kündigte in der Ansprache an, der Staat müsse auf den Terrorismus "mit aller notwendigen Härte antworten". Und er erklärte: "Der Terrorismus hat auf Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe. Gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes."

Es folgten, wie auch von Schmidt vorhergesagt, weitere Anschläge der RAF, aber niemand konnte auf den Gedanken kommen, dem Staat fehle es an Entschlossenheit. Keiner muss so reden wie Helmut Schmidt. Wie sehr jedoch wünschte man sich heute eine ähnlich überzeugende Erklärung der Kanzlerin.

Mit 500 Gefährdern soll der deutsche Staat nicht fertigwerden?

In Italien, wo der Terror der Roten Brigaden im Vergleich zu Deutschland ein mörderisches Massenphänomen war, wurde er erst besiegt, als die damals mächtigen Kommunisten aufhörten, von den "Genossen, die sich irren", zu sprechen, und sich am Kampf gegen den Terror beteiligten. Damit war zumindest der Unterstützerszene die gesellschaftliche Basis entzogen.

Auch in Deutschland ist das Problem lösbar. Es geht zurzeit um geschätzt 500 Gefährder, von denen einige in Syrien kämpfen und nicht wenige in Deutschland in Haft sitzen. Das Argument, man brauche zur Rundum-Überwachung jedes Gefährders 24 Beamte und sie sei daher nicht leistbar, ist wohl nicht nur arg übertrieben, sondern kann auch im Ernst kein Hindernis sein. Und die Szene, in der sich diese Gefährder bewegen, umfasst angeblich 5.000 Fanatiker. Damit soll der deutsche Rechtsstaat nicht fertigwerden?

So viel war in diesem schrecklichen Jahr von der Gefahr der Erosion aller Institutionen und Werte durch Populisten und Extremisten die Rede. Das Blutbad von Berlin ruft nach einer Konsequenz: Der Kampf gegen den Terrorismus muss erst noch gewonnen werden. Das kann er aber auch.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio