Read the English version of this article here

So danken sie’s uns also, mögen sich viele Bürger gedacht haben, als sie über Weihnachten diese Meldung hörten: Sieben junge Flüchtlinge aus Syrien und Libyen sollen in einer Berliner U-Bahn-Station versucht haben, einen Obdachlosen anzuzünden. Hätten nicht Passanten eingegriffen, der Mann hätte verbrennen können. Fast alle der Männer waren wegen Körperverletzungen polizeibekannt. Es ist, wenn es sich denn so abgespielt hat, ein Verbrechen, das doppelt wütend macht, denn es verletzt neben dem Tötungsverbot noch eine andere fundamentale Erwartung: Wer als Flüchtling nach Deutschland kommt, also als Schutzsuchender, sollte diesen Schutz zu schätzen wissen, statt im Gegenteil andere zu bedrohen. Ansonsten könnten die Bürger der Aufnahmeländer sich zu fragen beginnen, warum sie eigentlich den Großmut aufbringen sollten, Leute willkommen zu heißen, die ihr Leben unsicherer machen.

Na dann, stellen wir doch mal genau diese Frage, nach diesen Weihnachtstagen, die eingerahmt waren durch Gewaltakte von Ausländern:

Warum tun wir uns all diese Leute an?

Warum lässt Europa, vor allem Deutschland, es zu, dass Hunderttausende Menschen, die – verglichen mit hiesigen Standards – aus oft rückständigen, paternalistischen, teils voraufgeklärten Gegenden stammen, in unsere High-End-Gesellschaften einwandern? Warum halsen wir uns Menschen auf, die verroht sind oder traumatisiert und bei denen nicht nur Kulturschocks drohen, sondern auch Lebensenttäuschungen, Abstoßungsreaktionen und religiöse Radikalisierung?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Die "Kofferbomber" von Köln 2006: junge Libanesen, die den blasphemischen Europäern die Beleidigung des Propheten durch dänische Karikaturisten heimzahlen wollten. Das Blutbad in der Pariser Redaktion von Charlie Hebdo: verübt von Söhnen algerischer Einwanderer. Die Terroranschläge von Madrid, London, Paris, Brüssel, Nizza, der mutmaßliche Bombenbauer von Leipzig, der Tatverdächtige vom Breitscheidplatz: Viele der entsetzlichsten Verbrechen der vergangenen Jahre wurden von Muslimen begangen. Die eingeübte Weisheit, dass nicht alle Muslime Terroristen sind, aber die meisten heutigen Terroristen Muslime, heißt statistisch eben auch, dass sich das Terrorismusrisiko in Europa erhöht, je mehr Muslime hier leben.

Welche moralische Verpflichtung sollten die Bürger eines Staates haben, den Bürgern anderer Staaten zu helfen, wenn sie damit gleichzeitig Gefahren importieren, Gefahren, die sich vielleicht erst in der zweiten oder dritten Generation nach der Einwanderung voll entfalten? Mit diesem Argument hat Frankreich während der Flüchtlingskrise 2015 eine Lastenteilung mit Deutschland abgelehnt: Liebe Nachbarn, lautete die Botschaft, wir haben schon genügend Probleme mit den Arabern, die in den letzten dreißig Jahren gekommen sind. Und Ungarn und Polen sagen schlicht: Keine Muslime, kein Terrorproblem.

Man kann sich die Antwort auf die Pflicht zur Aufnahme leicht machen und auf das Verfassungs- und Völkerrecht pochen. Artikel 16a des Grundgesetzes stellt klar: "Politisch Verfolgte genießen Asylrecht." Was genau Verfolgung bedeutet und wie Flüchtlinge behandelt werden müssen, konkretisiert die Genfer Flüchtlingskonvention. Seit 2002 begründet nach ihrer allgemeinen Auslegung auch die Verfolgung wegen des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung ein Asylrecht. Außerdem verbietet es die Europäische Menschenrechtskonvention, erfolglose Asylantragsteller in Länder zurückzuweisen, in denen ihnen Folter oder andere schwere Menschenrechtsverletzungen drohen.

So weit die Paragrafen.