Eine Boutique am westlichen, dem vornehmen Teil des Kurfürstendamms. Carl Jakob Haupt kommt mit einer Dose Red Bull in der Hand im Taxi vorgefahren, er trägt die Haare kurz geschoren, einen schwarzen Fake-Pelz, eine auffällig weit geschnittene, schwarze Anzughose, weiße Adidas-Schuhe, natürlich eine Limited Edition, entworfen vom südkoreanischen Designer Juun. J. Das ist – verglichen mit dem an Techno, Hip-Hop, Sport- und Streetwear orientierten Kleiderstil, für den Carl Jakob Haupt bekannt ist – ein lauter, extravaganter, ein fast klischeehaft exaltierter Fashion-Blogger-Auftritt. Als wolle er sagen: Ich gebe euch hier, ihr niedlichen Ku’damm-Berliner, den hippen Fashion-Blogger aus Berlin-Mitte, ihr bezahlt mich schließlich gut dafür.

Die Firma Tiger of Sweden, die heute ihren Berliner Flagshipstore eröffnet, macht voll okaye, insgesamt vollkommen egale Frauen- und Männermode, wie sie in Flughafenboutiquen verkauft wird. Aus dem Laden klingt billiger Ibiza-House, auf dem Trottoir trinken ins Alterslose operierte Russinnen Champagner – das ist das todschicke, total unhippe Charlottenburg. Haupts Partner David Kurt Karl Roth, er führt eine grandios gut aussehende Freundin (blauer Samtanzug, blonde Farrah-Fawcett-Haare) bei sich, hat sich für einen Tiger-of-Sweden-Smoking, kombiniert mit Doc-Martens-Schuhen, entschieden. Carl Jakob Haupt und David Roth von Deutschlands erfolgreichstem Männermode-Blog Dandy Diary sollen an diesem Abend am Ku’damm ein Musikset auflegen, das ist nun wirklich kein besonders glamouröser Termin, mit dem sich in sozialen Netzwerken angeben ließe – und die Jungs haben einen Ruf zu verlieren als die bösen Buben, die glamourösen Stricher, die Punks und Rebellen der an Punks und Rebellen nicht gerade reichen deutschen Modebranche. Wenn Tiger of Sweden sich Dandy Diary für eine Shop-Eröffnung buchen, dann buchen sie sich auch deren schicke Kaputtheit und street credibility, mit denen kaputte Ku’damm-Boutiquen viel Geld umsetzen können. Und die Fashion-Blogger liefern.

Auf eine gekonnt desinteressierte Art mixen die Jungs ihre Musik zusammen, sie lächeln, posieren, umarmen Gäste. Der Party-DJ mit dem Fake-Pelz zieht von Fat Joes All The Way Up zu Bushidos Tempelhofer Junge rüber, einem Klassiker des deutschen Gangster-Raps (Textprobe: "Ich ficke eure Mütter und habe die Schiebermütze auf"), und weiter zu Haftbefehls Chabos wissen wer der Babo ist. Irritation bei den Angestellten der Boutique. Dandy Diary halten die Lautstärke, sie beenden ihr Set mit der für alle schwer erträglichen, in diesem Kontext ironisch wirkenden Billig-Techno-Hymne Hardcore Vibes von Dune. Hipster-Fashion-Business im Jahr 2016: Alle sind glücklich, die Ku’damm-Boutique, weil sie sich von den Bloggern auf verkaufsfördernde Weise boykottiert und herausgefordert fühlt, die Jungs von Dandy Diary, weil sie ihrem Stil treu geblieben sind.

Vor nun sieben Jahren gründeten der Pfarrersohn und Politikwissenschaftler Carl Jakob Haupt, 31 Jahre alt, und der Modejournalist David Kurt Karl Roth, 32, zwei Freunde, die sich aus der gemeinsamen Schulzeit in Kassel kannten, das erste deutsche Blog, das sich ausschließlich auf Männermode konzentriert. Das Prinzip des Blogs: Carl Jakob und David fotografieren sich gegenseitig und ihre Freunde in der Garderobe, in der sie abends vor die Tür treten. In ihren Texten, die sich gezielt an ein sehr junges Publikum richten – die Fans von Dandy Diary sind zwischen 16 und 25 Jahre alt –, spielt das in der ganzen Welt berühmte Berliner Lebensgefühl, das in den Lokalen, Bars und Clubs von Kreuzberg und Neukölln stattfindet, mindestens eine so große Rolle wie die Mode. Schaut man auf die Coups zurück, mit denen sich Dandy Diary einen Namen machten, dann findet sich eine rasante Abfolge von Partys, die im kollektiven Gedächtnis der Party-Hauptstadt Berlin allesamt als legendär gelten, und von mehr oder weniger subtilen Anschlägen gegen die Modebranche. Da gibt es den Modeporno Será al comienzo, den Dandy Diary zur Berliner Fashion-Week-Party in einem Neuköllner Sexkino zeigten; da gibt es den nackten Flitzer, den Dandy Diary bei der Mailänder Modeshow von Dolce & Gabbana auf den Laufsteg schickten; da gibt es das wunderbare Video Christmas Time, das die Jungs in Neunziger-Jahre-Retro-Mode beim Schlittenfahren in Tschechien zeigt und mit dem sie den Teenager-Pop der Backstreet Boys persiflieren; da gibt es die lustige Geschichte von der für die Münchner Trachtenfirma Angermaier designten Lederhose, die Dandy Diary statt mit Alpenveilchen mit Gang-Zeichen und Hanfblättern bestickten, worauf die überforderte Traditionsfirma die Hose noch vor Erscheinen aus dem Sortiment nahm. Im April dieses Jahres eröffneten Roth und Haupt auf der Neuköllner Karl-Marx-Straße den veganen Imbiss Dandy Diner, der wegen Unstimmigkeiten mit dem Investor – auch das Dandy-Diary-typischer Punkrock – nach nur sechs Monaten wieder schließen musste.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Seit 2012 geben Dandy Diary zweimal im Jahr die zentrale, vom Berliner Nachtlebenvolk komplett überlaufene Party zur Berliner Fashion Week: Da waren die Zirkus-Party im Berliner Postbahnhof (italienische Harlekins, Zwerge, Feuerspucker, ein lebender Elefant); die Punkparty, bei der ein Haus in der Friedrichstraße besetzt und mit Stromgenerator zwischen Tauben- und Rattenkot gefeiert wurde. Von Anfang an ließen die Jungs sich ihre Partys von großen Firmen (Heineken, Absolut Wodka, Levi’s, Adidas) sponsern, schafften es aber gleichzeitig, die für den Ruf von Dandy Diary so wichtige Aura von maximalem Chaos, Anarchie und Underground zu halten (auf der Punkparty, so die Legende, sollen sich die Feiernden auf der Tanzfläche Anarchie-Zeichen in die Arme tätowiert haben). Die Fashion-Week-Party im Herbst letzten Jahres in einer von Adidas gebuchten Halle endete im Kollaps: Die Türschlange ging dreimal ums Karree, Einlassstopp bei Dandy Diary.

Treffen mit dem Blogger und Partykönig Carl Jakob Haupt. Da war man natürlich gespannt, welches Lokal der Turbohipster für ein Interview vorschlagen würde: Wir sitzen an der Bar im alten Ostberliner Pilslokal Quelleck, das, wenn überhaupt, nur um sehr viele Ecken herum gedacht als Hipster-Lokal taugt. Wie immer kurz der Garderobencheck: Haupt trägt eine Daunenjacke aus rosasilberner Weltraumfolie, eine Kooperation von Adidas mit dem japanischen Label Color, einen Kapuzenpullover mit der Aufschrift "Authentic Textile Fabrics", eine Levi’s 531 mit abgeschnittenen, ausgefransten Hosenbeinen, Shark-Tooth-Nikes, die mit der Haifisch-Sohle ("beliebt bei extrem prolligen Rappern"), eine Golduhr, ein goldenes Panzerarmband, goldene Schlagringe, einen Brillantknopf im linken Ohr und abgeblätterte weiße Fingernägel. Alle Kleidungsstücke, so erklärt der Blogger, habe er, wie 90 Prozent seiner Garderobe, von Firmen zugeschickt bekommen.

Es gibt komischerweise allerhand Interessantes mit so einem Mode-Blogger zu besprechen, zumal wenn er über so ein schnelles, von einer präzisen Ausdrucksweise gesteuertes Gehirn verfügt. Asoziale Frage zum Einstieg: Kann er mit dem leicht cheesy Begriff des Partykönigs etwas anfangen? Irritation bei Haupt: "Schrecklicher Begriff. Party braucht keinen König, keine Hierarchie, keine Thronfolge, sondern das genaue Gegenteil: brutalstmögliche Anarchie."

Reden über Mode. Haupt erzählt, als David und er in ihre Arbeit einstiegen, habe es so etwas wie Mode-Blogs noch gar nicht gegeben. Den Beginn des Visual Blogs, noch bevor es bekannte Namen wie Tavi Gevinson und ihr Blog The Style Rookie, Derek Blasberg (Harper’s Bazaar) und Imran Amed, den Gründer der Internetseite The Business of Fashion, gab, ließe sich auf eine Szene im Film The September Issue (2009) datieren: André Leon Talley, der Fashion Director der amerikanischen Vogue, trocknet sich da nach einem Tennisspiel mit einem drei mal zehn Meter großen Monogrammlaken von Louis Vuitton ab. Interessanter Punkt: Der Bedeutungszuwachs der Mode als heute führende Popkultur hänge natürlich auch mit dem Bedeutungsschwund und der freien Verfügbarkeit der Popmusik zusammen. "Eine Jacke kann man besitzen, einen Popsong leider nicht mehr."

Und nun haut der Pilsbier trinkende Blogger ein paar wirklich überraschende, erfrischende Sätze raus. Mode? Die interessiere ihn eigentlich gar nicht. Wenn er nicht täglich Pakete von Modefirmen geschickt bekäme, er zöge einfach irgendetwas an. Beobachten wir das richtig, wenn wir in seinem Stil immer auch eine Selbstironie, eine gewisse spöttische Härte gegen sich selbst – Fashion-Monster-Extravaganza bis hin zur Selbsterniedrigung – erkennen? Absolut. Schön auszusehen, das bedeute, einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd zu tragen, das könne jeder. Ein ewiges Statement des Mode-Bloggers: "Es ist total wichtig, scheiße auszusehen und das auch auszuhalten."