Wie kommentiert er den berühmten Dandy Diary-Claim "We hate fashion / We destroy fashion"? Amüsierte Gegenfrage: "Haben wir das je gesagt? Ich glaube nicht." Richtig sei, dass sie auf Modeschauen, anders als ihre Kollegen, nicht in Kleidungsstücken der einladenden Firma auftauchen, sondern im Dandy Diary-typischen freestyle. In ihrem Blog finden sich zahlreiche ironische Anspielungen und Gags bis hin zur gezielten Beleidigung einer Modefirma. Für große Marken wie Adidas, Nike oder Levi’s ist es mittlerweile schlicht imagefördernd, sich bei Dandy Diary einen gekonnten disrespect einzufangen.

Ein paar Dinge, die sich erst nach dem dritten Pils besprechen lassen: Der stets frisch und strahlend, oft einfach klassisch schön aussehende Carl Jakob Haupt ist, wie bei einem Party- und Blogger-König zu erwarten, mit einem Fotomodell zusammen. Gleichzeitig geht von ihm, wie es sich für einen modernen Großstadtmann gehört, eine mindestens androgyne Aura aus. Haupts Definition seiner Geschlechtsidentität lautet: "Klar, man hat sich schwul zu verhalten." Auf eine noch kürzere Formel gebracht: Schwul sein, ohne Schwuchtel zu sein. Und noch ein paar Biere später: die vielleicht entscheidende Frage. Wie hält man es als intelligenter Mann von auch schon über dreißig Jahren in diesen hochpolitischen, von Krieg, Fremdenfeindlichkeit und Anschlägen erschütterten Zeiten in der Party- und Modewelt aus?

Haupt erklärt, er habe sich bewusst eine Arbeit ausgesucht, bei der er sich praktisch nie konzentrieren müsse: "Alles ist Zerstreuung." Und nun beginnt der Hedonist und studierte Politikwissenschaftler Carl Jakob Haupt einen versierten Vortrag über die repräsentative Demokratie, die vom Unding der Volksbefragungen, wie Horst Seehofer, die Linke und die AfD es propagieren, bedroht sei. Er sehe sich als dezidiert politisch denkenden Menschen: "Wer sich in diesen Zeiten nicht politisch positioniert, der ist entweder ein Zyniker oder ein Vollidiot." Mode sei ein vergleichsweise dummes Thema. Aber: "Man kann gar nicht genug von der Welt verstehen, um klug und unterhaltsam über eine Jeans zu schreiben."

Am Abend präsentieren Dandy Diary auf der Torstraße ihre Kollektion "Das Deutschland Pack": schwarze T-Shirts, Hoodies und Hightop-Turnschuhe, auf denen die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne mit einem umgedrehten Adler abgebildet ist. Die übliche Berlin-Mitte-Randale, Wodka Red Bull für alle, der erst 18-jährige DJ Kabelkater legt auf. Man kann, man muss diese Kollektion auch als politisches Statement sehen: Die deutsche Fahne, zuletzt im Besitz von AfD und Pegida, soll zurück auf die Straße, in den Pop, in die Hände ganz junger, noch wunderbar ahnungsloser Menschen gelangen. Der König Carl Jakob Haupt lässt sich, auch das ein Statement, auf seiner eigenen Party nicht blicken.