An dieser Stelle kommen die feinmotorischen Fähigkeiten von DaVinci ins Spiel. Zittert beispielsweise die Hand des Operateurs, rechnet ein Tremorfilter das Zittern heraus und erzeugt eine glatte, flüssige Bewegung. Außerdem skaliert der Medizinroboter die Fingerbewegungen des Chirurgen um: Wenn er den Griff zwischen rechtem Daumen und Zeigefinger einen Zentimeter nach vorne führt, bewegt sich die Schere im Inneren des Patienten nur einen Millimeter. Weil Graefen das Bild der 3-D-Kamera auf dem Display der Konsole zudem in zehnfacher Vergrößerung sieht, kann er mit den Instrumenten auf engstem Raum hantieren, als hätte er zehnmal so viel Platz.

Einen guten Chirurgen zeichnet allerdings nicht nur die Feinmotorik aus. Er hat auch Fingerspitzengefühl, eine feine Sensorik. Wenn er eine von Krebs befallene Prostata abtastet, spürt er, wo das derbe Tumorgewebe endet und das Organ sich wieder so prall und elastisch anfühlt, wie es soll. An der Konsole fühlt man nichts davon. "Es gibt kein haptisches Feedback", sagt Graefen. Stattdessen orientiert er sich am dreidimensionalen Bild auf dem Display. Die Tiefenwahrnehmung sei so gut, erklärt er, dass er seine Bewegungen problemlos daran ausrichten könne. Trotzdem bleibt eine Frage: Wieso beherrscht der Hightech-Medizinroboter DaVinci die Feinmotorik so exzellent, die Sensorik aber nicht?

Dieses Defizit lässt sich mit einem Anruf beim Robotik-Experten Alois Knoll an der TU München aufklären. Knoll hat schon vor zehn Jahren Prototypen für die Herzchirurgie entwickelt, die dem Operateur ein haptisches Feedback geben. "Dafür baut man an den Roboterinstrumenten feine Sensoren zur Kraftmessung ein", erklärt er. "Die gemessenen Kräfte muss man dann auf die Hebel übertragen, mit denen der Chirurg den Roboter steuert. Bewegt der Operateur beispielsweise die Roboterschere mit der rechten Hand zu weit nach vorne und stößt dabei gegen ein Blutgefäß, lenken kleine, integrierte Motoren den Steuerungshebel in die entgegengesetzte Richtung aus, sodass der Widerstand an der Bedienkonsole zu spüren ist." Nach Ansicht von Knoll ist es technisch anspruchsvoll, aber durchaus möglich, eine realistische haptische Rückkopplung in einen Operationsroboter wie DaVinci einzubauen.

Diese Entwicklung konnte der Hersteller Intuitive Surgical lange vernachlässigen, weil es an Konkurrenz mangelte. Dank seiner aggressiven Patentpolitik ist das Unternehmen bisher der unangefochtene Marktführer in der Roboterchirurgie. Das dürfte sich allerdings bald ändern: Der US-amerikanische Konkurrent TransEnterix hat in Europa bereits die Marktzulassung für einen Chirurgieroboter erhalten, der über ein haptisches Feedback verfügt. Im Moment wird er an einzelnen Kliniken in Italien und Großbritannien erprobt. Auch wenn das Feedback an die sensorischen Fähigkeiten einer menschlichen Fingerkuppe noch nicht heranreichen wird – früher oder später wird es Medizinroboter geben, die neben der Feinmotorik auch die zweite Schlüsselqualifikation des Chirurgen beherrschen, das Fingerspitzengefühl.

Legt man an DaVinci die Maßstäbe der modernen Robotik an, hat er aber noch ein zweites, interessanteres Defizit: Er ist nicht intelligent. Er ist so dumm, dass es eigentlich falsch ist zu sagen, der Medizinroboter operiere einen Patienten. Chirurg Graefen macht die Arbeit. DaVinci bewegt sich keinen Millimeter, wenn der Mensch an der Konsole ihm nicht den Befehl dazu gibt. "Das ist eigentlich gar kein Roboter, sondern ein Telemanipulator", sagt Graefen. Er sei der Operateur. "Das sind meine Finger", sagt er, "meine Instrumente!"

So sieht es auch Janina Loh, Expertin für Roboterethik am philosophischen Institut der Universität Wien. "DaVinci handelt nicht autonom", sagt sie. "Das ist ein rein assistierendes System, eine artifizielle Verlängerung des Armes des Operateurs." Noch deutlichere Worte für die Machtverhältnisse im Operationssaal findet Jörg Raczkowsky, der am Institut für Anthropomatik und Robotik in Karlsruhe forscht. "Was der Chirurg auf der Master-Seite macht, führen die Arme des Manipulators auf der Slave-Seite aus", sagt er. Diese Fachbegriffe aus der Robotik machen klar: Die Beziehung zwischen Arzt und Maschine erinnert an die zwischen einem Herrn und seinem Sklaven.

Nicht ohne Grund betonen viele Kliniken auf ihren Internetseiten, dass der Operateur während des gesamten Eingriffs die Kontrolle über DaVinci behalte. Die Medizin, und besonders die Chirurgie, ist eben kein Anwendungsgebiet der Robotik wie jedes andere. "Medizinroboter handeln ganz physisch am konkreten Menschen", sagt Technikphilosophin Loh. "Vielleicht ist man deshalb so vorsichtig, autonome artifizielle Systeme in Bereichen wie der Altenpflege und der Chirurgie einzuführen."

Nach Ansicht von Raczkowsky hat das heutige Bedürfnis nach Kontrolle auch mit dem holprigen Start der Medizinrobotik zu tun. Bereits Ende der neunziger Jahre setzten deutsche Hüftchirurgen in vielen Kliniken programmierbare Fräsmaschinen ein, um Prothesen im Oberschenkelknochen zu verankern. Erst nach Tausenden Operationen fiel auf, dass mehr Patienten als gewöhnlich über Komplikationen wie Schmerzen und Gehprobleme klagten. Die Fräsroboter verschwanden schnell aus den Krankenhäusern. Heute hämmern und meißeln die meisten Chirurgen wieder selbst.

Auch das hat mit dem ersten Robotergesetz von Isaac Asimov zu tun: Ein Roboter darf ein menschliches Wesen nicht verletzen. Ärzte, und besonders Chirurgen, müssen mit ihren Instrumenten aber zuweilen den Körper eines anderen versehren. Die Situation ist schon heikel genug, solange nur menschliche Akteure beteiligt sind, denn der Patient setzt sich mit der Operation einem Risiko aus. Während der Narkose übergibt er die Verantwortung für seinen Körper an den Chirurgen und vertraut darauf, dass diesem kein Fehler unterläuft. Käme nun ein autonomer Roboter als weiterer Akteur hinzu, geriete das althergebrachte Gefüge der Verantwortung ins Wanken. Wem wäre ein Vorwurf zu machen, wenn einem intelligenten Operationssystem ein schwerwiegender Fehler unterliefe?

"Die Verantwortung ist eine Kompetenz, die traditionell dem Menschen vorbehalten ist", sagt Technikphilosophin Loh. "Es ist in der Roboterethik umstritten, ob man diese Kompetenz überhaupt auf artifizielle Systeme übertragen kann – und wenn ja, in welchem Ausmaß." Auch weil es auf diese Fragen bislang keine befriedigende Antwort gibt, ist der weltweit erfolgreichste Chirurgieroboter DaVinci nicht intelligent, sondern nur ein Telemanipulator. Nicht mehr als ein Werkzeug des Arztes.