Es beginnt an den Füßen, geht weiter zu den Knöcheln, dann hoch zu den Schienbeinen und den Knien. Die Kälte kriecht die Hände entlang, unter der Jacke hindurch in Richtung Ellenbogen und immer weiter in die Körpermitte. Und wenn du es nicht stoppen kannst, weder oben noch unten, dann kannst du eigentlich nur hoffen, dass ein Waschsalon in der Nähe ist. Oder eine Bankfiliale. Eine Bahnhofshalle tut es zur Not auch. Hauptsache, es ist dort wärmer als draußen.

Denn wenn niemand Essen bestellt, müssen Fritz und seine Foodora-Kollegen häufig im Kalten warten.

"Du kannst dich eigentlich nur beschissen anziehen", sagt Fritz, "egal wie, es ist immer irgendwie falsch." Fritz ist 26 Jahre alt, Lehramtsstudent und seit einem halben Jahr immer sonntagabends als Fahrradkurier für den Lieferdienst Foodora unterwegs. "Jetzt im Winter frierst du eigentlich immer", sagt Fritz. Denn wo sollst du dich auch aufhalten, wenn es dein Job ist, Essen in einem Restaurant abzuholen, zack, zack, es zum Kunden zu radeln, zack, zack, und dann auf die nächste Bestellung zu warten?

Fritz ist Kurierfahrer, einerseits. Seine Aufgabe: Waren von einem Ort zum nächsten zu transportieren. Die Pausen dazwischen sind gewissermaßen Kollateralschäden. Andererseits erfährt Fritz auf seinen Touren die Mentalität der Stadt, und das viel intensiver als jenen Kurieren, die schnell Pakete bei Nachbarn abgeben oder Benachrichtigungen in Briefkästen werfen. Das Essen, die Adressen, der Moment, wenn die Wohnungstür aufgeht: All das sagt viel über die Menschen aus, die Fritz beliefert. "Ich erkenne inzwischen echt schon an der Bestellung, was das für Leute sind und wie die mit mir umgehen werden", sagt er.

Wenn draußen der Fahrtwind in den Augen beißt, suchen die Fahrer Orte zum Aufwärmen

Bis Fritz allerdings eine Ahnung davon bekommt, wer der Kunde ist, muss er warten. "In den meisten Restaurants kannst du dich drinnen aufhalten, wenn das Essen noch nicht fertig ist", sagt er. Andersherum kann er aber nicht beim Kunden warten, bis der nächste nach Essen verlangt.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Also haben sich in den vergangenen Wochen verschiedene inoffizielle Treffpunkte der Foodora-Kuriere gebildet, die eines verbindet: Sie sind warm und öffentlich zugänglich. "Ich hab schon in der Deutschen Bank in Winterhude gewartet, samt Fahrrad", sagt Fritz. Die Leute hätten zwar etwas irritiert geguckt, das sei ihm aber egal gewesen. "Es war so verdammt kalt, dass der Fahrtwind in den Augen wehgetan hat."

Sehr beliebt bei Fritz und seinen Kollegen: ein Waschsalon in der Nähe von Kampnagel. Manchmal sitzen zwei, drei Foodora-Fahrer mit ihren pinkfarbenen Thermoboxen in dem Salon, laden ihre Telefone auf, trinken, essen und posten in einem internen Chat. Einer schreibt, dass er Pizza für 100 Euro geliefert hat. Gab 1,50 Trinkgeld. Ein anderer hat kein Datenvolumen mehr und fragt: "Hat jemand Talk-Guthaben von Aldi zu verkaufen?" Und immer wieder werden Schichten zum Tausch angeboten, manchmal auch für einen zusätzlichen Zehner.

Jeden Tag sammeln sich etwa 150 Nachrichten in der Gruppe, nur aus Hamburg, schätzt Fritz. Er sitzt auf einem der Sortiertische im Waschsalon und isst ein Stückchen Schokolade. Seit 20 Minuten schon keine Bestellung mehr. Er wischt sich durch die Postings in der Gruppe. "Wir hatten mal überlegt, Orte zu sammeln, wo es warm ist", sagt er. "Ist aber nichts draus geworden, du siehst ja selbst: viele Wünsche für Schichtwechsel, viel Unsinn, nur ab und zu mal Nützliches für die Allgemeinheit."

Einer fragt, wo er den Eingang zu einem Restaurant findet. Ein anderer Fahrer erklärt den Weg. Dann schreibt jemand, in welchem Lokal man eine Cola spendiert bekommt beim Warten, ein anderer, welche Fahrradfelge ewig hält. Und dazwischen: Hat zufällig jemand ’nen Tischtennisball zu Hause?

"Da wirst du echt bekloppt, wenn du das alles immer liest", sagt Fritz. Er wartet noch immer auf die nächste Bestellung. "Selten so wenig los wie heute", sagt er. Er steigt aufs Rad und fährt in sein Startgebiet am U-Bahnhof Mundsburg.

Fritz ist einer von etwa 180 Foodora-Fahrern, die in Hamburg ausliefern. Seine Arbeit ist klar strukturiert: Über eine Smartphone-App loggt er sich zu Schichtbeginn in einem festgelegten Startgebiet in die Foodora-Welt ein und wartet auf Aufträge. Bestellt ein Kunde Essen in seinem Liefergebiet, meldet sich die App mit einem schrillen Alarm, zeigt Namen und Adresse eines Restaurants und die Zeit bis zur Abholung. Ein integrierter Navigationsdienst dirigiert die Fahrer.

Im Restaurant nimmt Fritz die Bestellung entgegen, hakt die einzelnen Bestellposten ab und verstaut das Essen in einer viereckigen Thermobox, die er als Rucksack trägt. Erst jetzt verrät ihm die App, wer bestellt hat: Name mit Adresse und Telefonnummer, manchmal auch die Etage, dazu die verbleibende Zeit bis zur Auslieferung. Sobald der Kunde sein Essen erhalten hat, bestätigt Fritz per App die Auslieferung, meldet sich als frei und wartet auf den nächsten Auftrag.

Foodora bittet seine Fahrer darum, sich zwischen den Bestellfahrten in bestimmten Gebieten aufzuhalten, an Orten mit hoher Restaurantdichte. Foodora-Hamburg ist geteilt in Ost und West. Die beiden Hotspots, in denen sich die Fahrer je nach Zuständigkeit aufhalten sollen: in einem Kreis von zwei Kilometern um den Bahnhof Mundsburg in Barmbek sowie in den zwei Kilometern um den U-Bahnhof Feldstraße in St. Pauli. Fritz arbeitet im Osten der Stadt. Er ist zuständig für Barmbek, Uhlenhorst, Eilbek, Winterhude, Alsterdorf und alles dazwischen. In Eppendorf treffen die beiden Liefergebiete aufeinander, dort verschwimmt die Grenze.

Die Vergabe der Aufträge bei Foodora ist widersinnig: Schnelles Fahren wird bestraft

Es ist kurz nach halb acht am Sonntagabend, nur zwei Bestellungen bislang. 800 Meter zum Restaurant, Ente kross mit Nudeln, dazu Sushi-Rollen, anschließend 400 Meter zur Wohnung eines gewissen Tim. Danach Feta vom Grill, Brot und zweimal Gyros, 1,1 Kilometer bis zur Wohnung von Kathrin. Sonst hat Fritz vor allem gewartet. "Das ist das Schlimmste: Du fährst ins Restaurant, kommst dort verschwitzt an, wartest in der Hitze, rast zum Kunden, schwitzt wieder, dann die Treppe hoch", sagt er. "Und wenn du wieder unten am Fahrrad bist und keinen Folgeauftrag hast, fängst du an zu frieren."

Fritz fährt gern und viel Rad, deswegen hat er über die Jahre mit Profi-Equipment aufgerüstet. Er trägt dünne Fahrradsocken, darüber spezielle Thermostrümpfe. Dazu eine atmungsaktive, wasserabweisende Super-leicht-und-trotzdem-warm- Jacke, darunter ein Fleece-Shirt und ein Radtrikot. Außerdem: eine Sturmhaube und bei Bedarf Thermounterwäsche, wenn es unter null Grad geht. Nur mit den Handschuhen, das kannst du eigentlich nicht richtig machen, sagt Fritz: "Wenn du dicke Handschuhe anhast, kannst du das Telefon nicht bedienen. Musst du also jedes Mal ausziehen. Wenn du die dünnen anziehst, mit diesen Fingerkuppen zum Display-Tippen, frieren dir die Hände." Fritz hat entsprechend verschiedene Handschuhmodelle im Gepäck.