Als ich am nächsten Morgen aufwache, liegt die Zeitung vor der Tür. Ich blättere ein bisschen, ein König im Bademantel, duschen, Zähne putzen, Seitenscheitel, einmal mit der Fusselrolle über das Hemd, dann gehe ich runter.

Das Frühstück wird in drei Gängen serviert. Es geht, nach kurzer Vorstellung der Optionen, mit roten Früchten los, der Kellner stellt den Teller andächtig vor mich, die Beeren liegen so akkurat arrangiert, als hätte sich ein Food-Stylist einen Tag lang um sie gekümmert. Es folgt ein Omelett, wieder andächtiges Abstellen des Tellers. Sobald ich meinen Arm ausfahre, um mir Kaffee nachzuschenken, eilt jemand herbei und greift zur Kanne. Betreutes Nachschenken, freundliches Nicken. "Merci, Monsieur".

Ich greife zu einer silbernen Zange. Klemme ein Stück Zucker ein. Auf halber Strecke zur Kaffeetasse fällt das Zuckerstück in den Orangensaft. Nur Haltung bewahren. Wie der Herr am Nachbartisch. Gekleidet, als wolle er heute angeln gehen. Aber er trägt die Cargohose mit großer Selbstverständlichkeit. Strahlt aus, dass er diesen Luxus verdient. Dass ihm hier alles zusteht. Mir gelingt das nicht.

In meine Körpersprache mischt sich Unsicherheit: Ich stoße mein Knie am Tischbein, scrolle auf meinem iPhone auf und ab, als würde ich so die Antwort finden auf die Frage, wie ich mich hier zu verhalten habe. Ich lege meine Serviette auf den Teller und gehe. In der Lobby begegne ich François. Wir lachen beide kurz auf, als erfreute uns der wiederholte Zufall unserer Begegnungen. Er weiß ja nicht, dass ich das Haus kaum verlasse. Denn ist nicht jede Minute, die ich nicht im Hotel verbringe, verschwendetes Geld?

Am Abend sitze ich mit Zeitung, Nüssen und einem Serendipity, den ich sehr langsam trinke, in der Ritz Bar und lasse mich, mit vorgetäuschter Kennerschaft, über den verwendeten Champagner informieren. Da kommen zwei Frauen herein, sie sind laut und aufgekratzt, als feierten sie einen Erfolg. Die eine trägt Jeansjacke. Blasse Haut, volle Lippen, schlanke Nase.

Ich kenne diese Frau. Ist das nicht Julie Delpy, die Schauspielerin? Bekannt aus Before Sunrise, Before Sunset und Before Midnight. Soll ich zu ihr rübergehen? Sie ansprechen? Ein Selfie mit ihr machen? Ich entscheide mich für ein unauffälliges Nicken, das so unauffällig ist, dass ich es selbst nicht bemerke. Denn das gilt im Ritz wie auf dem Zeltplatz: Jeder hat seine Parzelle, man lässt sich in Frieden. Ich bestelle die Rechnung, 80 Euro für zwei Drinks, und gehe ins Bett.

In dieser Nacht schlafe ich unruhig. Irgendwann wache ich auf, ich habe Kopfschmerzen, Hunger und Durst. Ich blättere durch die Speisekarte. Pochierter Hummer, gegrillte Garnelen, Ratatouille. Ich entscheide mich für einen Teller Spaghetti mit Butter.

Der Mann vom Zimmerservice schaut fast überrascht, dass es ihm diesmal nur gelingt, einen Teller blanke Nudeln aus dem Wärmeschrank zu zaubern. Auf dem Zeltplatz würde ich jetzt, am Gasherd kauernd, in Badehose und Unterhemd, eine Soße kochen: Tomatenmark, Basilikum, Pfeffer, Salz, Parmesan aus der Tüte. Ich würde ein Bier öffnen und die Füße von mir strecken; man kriegt den Jungen aus dem Zelt, aber das Zelt nicht aus dem Jungen.

Die Place Vendôme verlasse ich, nach zwei Nächten im Ritz, zu Fuß. Ich winke François. Der Himmel ist grau, die Stadt ist laut, ich fühle mich wie ausgespuckt. In einer Sache ähneln sich Campingplatz und Luxushotel: Man ist an beiden Orten vor den Zumutungen des Alltags geschützt, vor dem Lärm der Stadt. Im Ritz rettet sich der Reisende hinter dicke Mauern und schwere Türen, auf dem Zeltplatz flieht er in die Abgeschiedenheit der Natur. Weltflucht – in der günstigsten und in der teuersten Variante.

An der ersten Kreuzung hupt mich ein Auto an, ich bleibe mit meiner Tasche an einem Verkehrsschild hängen. In der Metro kiffen zwei Jungs, sie blasen den Rauch gegen die Fensterscheibe. Wenn es wieder warm ist, fahre ich zum Zelten an die Ostsee.