Ballert ihr ne Kugel in den Kopf!
Anonyme Drohung

Langsam fährt Lamya Kaddor vor die Friedrich-Althoff-Schule in Dinslaken. Es ist ein Dienstagmorgen Ende November, aus den Räumen der Sekundarschule leuchtet es neonhell. Wäre alles so, wie es sein sollte, würde sie jetzt ihren Familienvan parken, ins Klassenzimmer gehen und ihr Fach unterrichten, islamische Religion. Würde mit Achtklässlern über den Propheten sprechen, über Gott, über das Leben als Muslim in Deutschland. Würde mit ihnen nicht nur über Koransuren diskutieren, sondern auch Themen anpacken, die die Jugendlichen bewegen. Wie Jungs und Mädchen miteinander umgehen sollten etwa. So wie sie es die letzten 13 Jahre getan hat.

Aber sie wendet und fährt weiter. Es ist nicht mehr alles so, wie es sein sollte.

Seit Ende September bekommt sie eine Flut von Hassmails aus dem rechten Lager. Wüste Gewaltfantasien sind dabei, Sätze wie "Nachts kommen wir dich holen", etliche Morddrohungen. Eine Mail beginnt mit "Heil Hitler". Der Schreiber fordert, sie solle vergast werden. Da wird es Lamya Kaddor, 38 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern, zu viel. Die Lehrerin lässt sich vom Schuldienst beurlauben, bis zu den Sommerferien 2017. Sie sieht nicht nur ihr Leben bedroht, sondern auch das ihrer Schüler und Kollegen.

Auslöser für die Hetzereien ist ihr jüngstes Buch. Die Zerreißprobe heißt es, Wie die Angst vor dem Fremden unsere Demokratie bedroht. Es handelt von Integration. Damit die gelingen könne, so schreibt sie, müssten sich nicht nur die Einwanderer anpassen. Auch die Mehrheitsgesellschaft habe eine Bringschuld. Es gehe um ein neues deutsches Wir. Stattdessen verkomme Deutschland in Teilen zu einer Hassgesellschaft. "Wir haben ein Rassismus-Problem."

Das "auch" in ihrer These wird nicht wahrgenommen. Wie könne sie es wagen, sie als Ausländerin, Deutsche zu kritisieren und etwas von ihnen zu verlangen. Das ist das Grundrauschen, aus ihm tönen schrill die Hassparolen. In 100 Fällen hat sie Strafanzeige gestellt.

Lamya Kaddor ist nicht nur Lehrerin, sondern seit Jahren eine wichtige Stimme der Muslime in Deutschland. In Büchern und Gastbeiträgen streitet sie für einen liberalen Islam. Sie legt sich mit den Funktionären orthodoxer Islamverbände genauso an wie mit Islamisten und Islamkritikern. Kaddor teilt seit Jahren aus und ist es gewohnt, seit Jahren einzustecken – von konservativen Muslimen genauso wie von Fundamentalisten und Rechten. Aber diese Maßlosigkeit hat sie noch nicht erlebt.

Wer ist diese Frau, die in jeder Talkshow sitzt, wenn das Thema einmal mehr Islam in Deutschland heißt, die fast zwanghaft interviewt wird, wenn es um Kopftuch, Integration oder Islamismus geht. Was treibt sie an?

Vielleicht muss man noch einmal von vorne beginnen. Lamya Kaddor erzählt ihre Geschichte im Bugaz Chicken und Kebab-House in Dinslaken neben einem Edeka-Supermarkt. Vom Parkplatz aus sieht man den Zechenturm von Lohberg, stillgelegt 2006. Später wird Kaddor noch durch das als Islamisten-Hochburg geltende Viertel führen. Bei Bugaz gibt es ein türkisches Frühstücksbüfett. Es ist gut besucht, von Deutschstämmigen genauso wie von Türkischstämmigen. "Wie immer", sagt Kaddor. Geht es ums Essen, funktioniert Integration reibungslos. Kaddor trägt einen blauen Pullover, die Haare offen.

Ihre Eltern kommen 1976 aus Syrien nach Deutschland, der Vater ist Flugzeugmechaniker, in Deutschland arbeitet er am Fließband. Ihre Tochter Lamya wird 1978 in Ahlen geboren. Die ersten Jahre wächst sie in einem Viertel am Rand der Stadt auf. Viele Ausländer wohnen dort, viele Türken. Es gibt ein Wir, und es gibt die anderen, das sind die Deutschen. So bekommt sie das von beiden Seiten mit. Mit den Eltern redet Lamya nur Arabisch, Deutsch lernt sie von den großen Geschwistern und im Kindergarten. Nicht bewusst, das läuft nebenher, und es läuft gut. Bevor sie in die Grundschule kommt, ziehen die Eltern in Richtung Stadtmitte, in ein "deutsches Viertel". Das war wichtig, sagt sie. Unter ihnen wohnte eine sehr herzliche Oma, die den Kaddor-Kindern Geschichten vorlas.

Für ihre Eltern ist sie Araberin, in der Schule ist sie Ausländerin, der Einfachheit halber "Türkin". Sie selbst fühlt sich deutsch und arabisch. Sie bekommt muttersprachlichen Ergänzungsunterricht – den türkischen. Anders als viele ihrer türkischen Mitschüler schafft Lamya es aufs Gymnasium. Den Eltern ist Bildung wichtig, sie halten sie zum Lernen an. Die Grundschullehrerin glaubt an Lamya. "Wenn sie etwas will, dann macht sie es sehr gut", sagt sie den Eltern. Lamya will.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Sie hat noch Kontakt zu ihrer Lehrerin, Frau Leber. Nach Auftritten im Fernsehen schreibt diese ihrer ehemaligen Schülerin manchmal. Neulich war Frau Leber auf einer von Kaddors Lesungen und hat ihr eine Mappe mitgebracht, voll mit Bildern aus ihrer Schulzeit. "Es hängt so viel an einzelnen Personen", sagt Kaddor. Integration habe immer mit Menschen zu tun, die an einen glauben. Heute überwiege bei vielen die Angst vor dem Fremden.

Im November veröffentlichte die Friedrich-Ebert-Stiftung eine Studie mit dem Titel Gespaltene Mitte – Feindselige Zustände. 40 Prozent der Befragten glauben, die deutsche Gesellschaft werde durch den Islam unterwandert. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Ipsos aus der vergangenen Woche schätzen die Befragten den Anteil der Muslime in Deutschland auf 21 Prozent. Tatsächlich sind es fünf.

In den neunziger Jahren werden aus "den Ausländern" "die Migranten". Kaddor findet das eigenartig, sie ist nicht nach Deutschland eingewandert, sie ist hier geboren. Diskriminiert fühlt sie sich nie, aber so ganz dazugehörig auch nicht. Sie spielt Basketball, etwas überraschend bei ihrer Größe, aber sie weiß auch im Sport, wie man sich durchsetzt. Unter ihrem Bild in der Abi-Zeitung steht: "Unser weiblicher Rambo." Statt BWL, wie es sich die Eltern gewünscht hätten, studiert sie Erziehungswissenschaften und Islamwissenschaften in Münster. Eine Bauchentscheidung, der Islam nimmt nun eine immer wichtigere Rolle in ihrem Denken ein. Die Eltern sind religiös-konservativ, die Mutter trägt Kopftuch. Religion und ihre Regeln sollten nicht hinterfragt werden. Lamya tut es trotzdem immer wieder. "Ich ging damit bald nicht nur meiner Mutter auf die Nerven."

Nach ihrem Abschluss will sie ihre Doktorarbeit schreiben, es kommt anders – in NRW startet ein Schulversuch zu islamischem Religionsunterricht. Lehrer werden gesucht, Kaddor wird angefragt vom Schulministerium, sie will, und sie macht einen ziemlich guten Job.

"Außen Idylle und innen Frust"

Besuchte man sie in ihrem Unterricht, war von Anfang an zu spüren: Ihre Schüler bewundern sie und hängen an ihr. Sie trifft den Ton der Jugendlichen, sie haben das Gefühl "sie ist eine von uns", eine, die es geschafft hat. Kaddor bietet ihnen mehr als das, was sie im Moscheeverein von einem deutschlandfremden Import-Imam aus der Türkei lernen können. Sie wird das Aushängeschild für einen modernen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache. Medien und Politiker lieben die "Vorzeigemuslimin". Ein Integrationspreis reiht sich an den nächsten. Die Verbandsfunktionäre knirschen mit den Zähnen. Kaddor ist ihnen zu liberal. Sie würde einen "Islam light" lehren.

Die Beurlaubung vom Schuldienst reißt kein großes Loch in ihren Alltag. Zuletzt hatte sie nur noch zehn Wochenstunden unterrichtet. Dienstags, mittwochs und donnerstags. Die eigenen Kinder und ihre zweite Berufung ließen nicht mehr Zeit: Bücher, Podiumsdiskussionen im Wochentakt. Vergangene Woche startete ihr neues Projekt gegen Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen. Bundestagspräsident Norbert Lammert kam nach Duisburg, um das Grußwort zu halten. Dazu permanent Interviews für Sender und Printmedien, von der Süddeutschen Zeitung bis zur Schülerzeitung, und natürlich die Talkshows.

Sie sagt: "Diese Öffentlichkeit wollte ich nicht. Ich wurde da reingezogen." Ausgelöst hat den Sog ihr erstes Buch, ein Koran für Kinder. Sie hat ihn geschrieben, als ihr klar wurde, dass viele Jugendliche keine Ahnung von Religion hatten und mit dem Original-Koran nichts anfangen konnten. Das Sendungsbewusstsein kam in der Auseinandersetzung mit den Verbänden. "Warum haben die das Sagen?" Es nervte sie, dass deren Funktionäre die absolute Deutungshoheit über den Islam in Deutschland beanspruchten, obwohl sie nur einen kleinen Teil der Muslime vertreten. Und eine sehr konservative Deutung des Islams. Als Kaddor sich hinstellt und sagt, dass sie das Kopftuch in Deutschland für überflüssig hält, gehen die Funktionäre – überwiegend Männer – an die Decke.

Sie fragt sich: Wer vertritt eigentlich Muslime wie mich, wer gibt denen eine Stimme, die ein anderes Islamverständnis haben als die orthodoxen Verbände? Sie beantwortet die Frage, indem sie 2010 den Liberal-islamischen Bund mitgründet. Er setzt sich für ein pluralistisches Gesellschaftsbild und eine dogmenfreie Auslegung religiöser Schriften ein. Die Mitgliederzahlen sind zwar überschaubar, aber sie steigen.

Den Konservativen ist sie ein Dorn im Auge, den Islamisten wird sie zum Feindbild. Der Salafisten-Prediger Pierre Vogel erklärt sie in YouTube-Videos als Abtrünnige vom Glauben. "Du kommst in die Hölle" steht in vielen Mails, die sie aus der Salafisten-Szene bekommt. Manche kommen wohl auch aus Lohberg.

In diesem Viertel hat sie als Lehrerin begonnen. Es ist das Viertel, aus dem zwanzig Jugendliche in den Dschihad nach Syrien gezogen sind, die "Lohberger Brigade". Fünf davon hatte Kaddor unterrichtet – Jahre bevor sie sich radikalisierten. Sie empfindet es noch immer als eine Niederlage. Sie hat ein Buch darüber geschrieben Warum deutsche Jugendliche in den Dschihad ziehen. Die Friedrich-Ebert-Stiftung wählte es zum politischen Buch des Jahres.

Lohberg hat 6.000 Einwohner, viele sind türkischstämmig. Die Bergarbeitersiedlung steht unter Denkmalschutz, sie wirkt nicht wie ein Islamisten-Ghetto. Bei einer Runde mit Kaddor durch die Straßen sieht man türkische wie deutsche Fahnen aus den Fenstern hängen, eine Frau mit Kopftuch fegt den Bürgersteig, in einem Vorgarten halten Gartenzwerge Wacht. "Lohberg ist außen Idylle und innen Frust", sagt Kaddor. Seit der Zechenschließung ist das Viertel wirtschaftlich abgehängt. Hinter den Fassaden: zerbrochene Familien, Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit. Viele ihrer Schüler waren schon vorbestraft. Jugendliche, die in einer Lebenskrise stecken, sind anfällig für die Angebote der Salafisten. Heute werde hier viel für Integration getan, man hätte es schon früher tun müssen.

Widerstand spornt sie an, egal von welcher Seite er kommt. Es nervt sie, dass sie sich ständig rechtfertigen soll als Muslimin: für Ehrenmorde, Zwangsheirat, Terrorismus. Dass die Debatte von negativen Extremen bestimmt wird, eingezwängt zwischen Islamphobikern auf der einen Seite und Fundamentalisten auf der anderen. Das ganz normale muslimische Leben kommt ihr zu kurz. Ihr Mantra: "Es ist für mich kein Widerspruch, Muslimin und Deutsche zu sein." Sie will, dass das in Deutschland zur Selbstverständlichkeit wird. Wenn sie in Fahrt ist, kann sie bei Anne Will auch mal eine Frauke Petry zum Verstummen bringen.

Es sind die Stimmen aus dem AfD-Lager, die zur Zerreißprobe führen. Kaddor hat sicherlich bessere Bücher geschrieben, die Thesen ziehen sich durch etliche Wiederholungsschleifen. Es geht um "Deutschomane", Fremdenhasser, die debattenbestimmend würden, eine Gesellschaft, die immer stärker auf ein völkisches Selbstbild zusteuere. Unter Argumente mischen sich Behauptungen. Darüber kann man streiten, aber nicht so. Kritiker werfen ihr vor, sie stilisiere sich als Opfer, übertreibe und instrumentalisiere die Kritik, um ihr Buch zu verkaufen. Das regt sie auf. "Es hat eine Enthemmung stattgefunden, die Deutschomanen glauben jetzt, alles sagen zu dürfen." Sie übertreibe nicht.

Fragt man Kaddor, worin denn die Bringschuld bestehe, die sie fordert, sagt sie: "Mehr Wertschätzung, mehr 'die gehören auch dazu'. Das neue deutsche Wir heißt ja nicht, dass das alte weggeschmissen wird. Es wird nur erweitert." Die verbale Ausgrenzung solle aufhören, es solle nicht mehr von "Deutschen oder Muslimen" die Rede sein. Es brauche Kriterien, wann Integration abgeschlossen sei. Ein wenig bleibt es vage. Sie will aber auch gar keine Rezepte liefern, es geht ihr darum, eine Debatte anzustoßen. Eine Debatte darüber, "was uns zusammenhält".

Kaddor hat darüber nachgedacht, nicht nur den Schuldienst zu quittieren, sondern alle öffentlichen Auftritte abzusagen. Aber dann hätten die Hetzer gewonnen. "Die wollen mich ja mundtot machen." Auf Facebook schreibt sie: "Ich werde nicht die Klappe halten. Es ist an der Zeit, gegen diese Stimmung im Land den Mund aufzumachen."

Einen Tag nach dem Treffen in Dinslaken schickt sie eine Mail mit der Bitte, möglichst wenig über ihre Familie zu schreiben, aus Sicherheitsgründen. Und sie leitet noch ein paar Botschaften weiter, die sie bekommen hat: "It’s time to liberate Europe! Go fuck yourself, shitskin!" Oder: "Hau ab nach Saudi-Arabien, wenn’s dir hier nicht passt!"

Den Gefallen wird Lamya Kaddor den Hetzern nicht tun.