Das chinesische Restaurant im Berliner Westen, das Max Goldt als Treffpunkt vorgeschlagen hat, ist nicht nur für seine Küche, sondern auch für die ausgesuchte Weinkarte bekannt. Gerade ist sein neuer Band "Lippen abwischen und lächeln" erschienen. 500 Seiten, auf denen die schönsten seiner Kolumnen, Dialoge und Grotesken aus den letzten 15 Jahren versammelt sind. Eine Werkschau des brillanten Stilisten und "unaufdringlichsten Moralisten", wie Daniel Kehlmann ihn einmal genannt hat. Doch warum schreibt Goldt keine neuen Prosastücke mehr? Warum müssen seine Leser auf dem Trockenen sitzen? Goldt spricht, wie er auch seine Texte liest: Manchmal verstellt er die Stimme, oft ahmt er kleine Melodien nach. Er hat die seltene Gabe, alle seine Sätze auszuformulieren. Manchmal will man einen Satz schon verloren geben, merkt aber beim Abtippen des Interviews: Huch, er führt ihn ja, nach vielen Einschüben, grammatisch völlig korrekt zu Ende!

DIE ZEIT: Herr Goldt, in Ihren Texten und Comics tauchen immer wieder Journalisten mit blöden Fragen auf. Was haben Sie gegen Interviews?

Max Goldt: Es gibt zwei Formen des Gesprächs, die ich nicht schätze: die Diskussion und das Interview. Es gibt Interviewer, die rattern nur desinteressierte Fragen runter. Und wenn man nicht direkt darauf antwortet, dann sagen die: Sie antworten jetzt bitte schön auf meine Frage! Ein Interview sollte sich aber immer als Gespräch kleiden. Ja.

ZEIT: Haben Sie schlechte Erfahrungen gemacht?

Goldt: Ach, da haben doch alle schlechte Erfahrungen gemacht. Als ich noch Musiker war, da kamen diese Jugendzeitschriften und Studentenzeitschriften, das waren die Allerschlimmsten. Ich habe 1985-mal Leute von Tempo oder so in meine Wohnung eingeladen. Ich habe die bewirtet mit Kaffee und Kuchen, habe mir richtig Mühe gegeben, wahrscheinlich sogar selbst gebacken. Und hinterher stand da nur: "In seiner Wohnung stand ein Haufen dreckiges Geschirr herum." Ja, das Kaffeegeschirr stand herum!

ZEIT: Sonst war der Artikel sicher sehr positiv.

Goldt: Ja, der war sehr dumm.

ZEIT: Dumm?

Goldt: Herablassend. Das können Journalisten immer sehr gut. Hämisch und herablassend.

ZEIT: Es sind lange keine neuen Prosatexte mehr von Ihnen erschienen. Warum nicht? Warum veröffentlichen Sie fast nur noch Comics, zusammen mit dem Zeichner Stephan Katz?

Goldt: Das Arbeiten an den Comics finde ich schön, weil ich da etwas schreiben kann, was in einer Stunde oder zwei Stunden fertig ist. Man freut sich ja, wenn mal was fertig geworden ist. Macht ja keinen Spaß, zu schreiben. Aber es macht Spaß, etwas geschrieben zu haben. Man müsste jetzt über Schreibblockaden sprechen, und das möchte keiner hören. Aber ich weiß, was das ist.

ZEIT: Was ist eine Schreibblockade?

Goldt: Es wird immer missverstanden. Schreibblockade wird gedeutet als Ausgetrocknetsein. Dass man keine Einfälle mehr hätte. Aber ich habe mehr Einfälle denn je. Eine Schreibblockade ist eine Angststörung, Angst vor dem Scheitern. Angst vor der Mühe auch, weil die sich nicht lohnen könnte. Ich strotze vor Einfällen, aber ich habe Angst, sie aufzuschreiben. Nein: Angst, sie in Prosa umzusetzen. Ich bin im Übrigen ziemlich sicher, dass diese Blockade nicht ewig anhalten wird. Dass ich wieder Prosatexte schreiben werde.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

ZEIT: Diese Ängste hatten Sie früher nie?

Goldt: Ich habe die ersten Titanic-Kolumnen früher ziemlich runtergehauen, auch weil ich immer knapp vor Schluss geschrieben habe. Die waren dann halt so, wie sie waren. Manche toll und manche einfach fürchterlich, nur Geschwätz. Und ich war stets bemüht, den Anteil der zweiten Kategorie zu vermindern. Ich kann jetzt mit Ende 50 nicht mehr schreiben wie mit 30. So unbefangen ist man dann nicht mehr. Glücklicherweise! (kurze Pause) Aber auch schaderweise.

ZEIT: Schreibblockaden können sich aber auch wie eine existenzielle Bedrohung anfühlen, etwa wenn man mit dem Schreiben sein Geld verdient.

Goldt: Ich bin nicht angewiesen darauf, jedes Jahr ein neues Buch zu veröffentlichen. Selbst wenn ich meine Lesungen nicht machen würde, könnte ich drei, vier Jahre ohne Weiteres überleben. Wenn ich in den Miesen stünde, könnte ich die Angststörung sogar leichter überwinden, glaube ich. (denkt nach) "Schreibblockade", das hat ein unglaublich schlechtes Image, das klingt wie ein Luxusproblem. Ist es auch. Ich glaube, Schreibblockaden haben nur Leute, die keine finanziellen Sorgen haben. Oder? Ach, das ist auch wieder zu allgemein. Meine Schreibblockade beruht nicht auf meinem kleinen finanziellen Polster, sondern auf meinen monströsen Ansprüchen an mich selbst.

ZEIT: "Ein Schriftsteller ist jemand, dem das Schreiben schwerer fällt als anderen." Auf diesen Satz von Thomas Mann soll der Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff einmal geantwortet haben: "Dann soll er es doch bleiben lassen!" Ist Ihnen das auch schon einmal in den Sinn gekommen?

Goldt: Der mir glücklicherweise völlig unbekannte Philologe Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff hätte vielleicht lieber sein leichtfertiges Maul halten sollen. Bleiben lassen kommt für mich jedenfalls nicht infrage. Nein. Ich will das ja. Es stauen sich so viele Gedanken an, die der Prosaform bedürfen. Irgendwann müssen sie mal raus.

ZEIT: Wie fing das mit der Blockade an?