Wie schlecht muss es einem gehen, dass man sich mit schwangerer Frau und fünf Kindern im Alter zwischen einem und sechzehn Jahren auf den Weg macht in ein weit entferntes Land? Dass man das letzte Geld zusammenkratzt, um übers Meer zu kommen, und alles auf eine Karte setzt, als 40-Jähriger? Es könnte eine Geschichte von heute sein. Aber sie ereignet sich 1848, sie endet einigermaßen glücklich, mit vielen Nachkommen bis heute, und sie beginnt nicht in Syrien oder Afghanistan, sondern in Thüringen. Und den Namen der Familie kennen wir gut. Diese Bachs entstammten demselben Musikerclan wie der berühmte Komponist, dessen Weihnachtsoratorium jetzt wieder allenthalben Trost spendet.

Diese Dynastie brachte vor, neben und nach Johann Sebastian so viele Musiker hervor wie keine andere. Etwa, im selben Jahr 1685 geboren wie der Thomaskantor, den Erfurter Stadtmusiker Johann Christoph. Auf ihn gehen die sieben Andislebener Bachs zurück, von denen man heute wenig wüsste ohne die Erfurterin Helga Brück – eine Musikhistorikerin, die sich selbst "Hobbyforscherin" nannte und das gern belächelte Genre der Laienforschung auf ein Niveau katapultierte, das sie den Koryphäen unentbehrlich machte. Als Brück 2013 mit 85 Jahren starb, hatte sie die Nachkommen jener Flüchtlinge noch kennengelernt, deren Spuren sie einst freilegte.

Es half diesen sieben Bachs wenig, dass ihr Name um 1848 wieder einen besonderen Klang bekam. Die großen Passionen des gerade wiederentdeckten Thomaskantors machten die Runde, in Leipzig wurde eine Gesamtausgabe vorbereitet, ein Genie kam ans Licht. Im Dörfchen Andisleben waren die Bachs indessen auf den Hund gekommen, und darum stand nun der Bauer, Tagelöhner und Musiker Johann Karl Friedrich Bach mit seiner Familie im Hamburger Hafen, um sich nach den Vereinigten Staaten von Amerika einzuschiffen. Zu Hause fingen die Leute schon an, sich von Viehfutter und Unkraut zu ernähren.

Tausende verzweifelter Menschen verlassen den losen deutschen Staatenbund. Zwei Jahre in Folge hat es Missernten gegeben, seit 1844 grassiert die Kartoffelfäule, und was doch zu haben ist, ist zu teuer für Leute mit geringer Schulbildung. Zu denen zählt Karl Friedrich wie übrigens schon sein Vater Nikolaus, der seinerseits die Not nach Napoleons Feldzügen erlebte. Es ist schon vorher nicht sonderlich gut bestellt um die Nachfahren des angesehenen Erfurter Musikers Johann Christoph Bach. Ein Sohn wurde noch Kantor in Andisleben, ein Enkel wird bereits als Tagelöhner und Musikant genannt. Man betreibt zunehmend mehr Landwirtschaft als Musik – und kann davon nicht leben.

Wie ein Wüsthentier stürzt sich der Hunger über die deutschen Länder

1848 ist das Jahr, in dem die Franzosen ihren "Bürgerkönig" vertreiben und Marx’ Kommunistisches Manifest erscheint, es ist das Jahr einer scheiternden Revolution in Deutschland, wo 35 Millionen Menschen leben, viele davon unterhalb des Existenzminimums, bei steigenden Preisen. "Wie ein Wüstenthier stürzt sich der hohläugige, knochige Geselle, der Hunger, über die deutschen Länder und ergreift seine Beute", so liest man es in einer Flugschrift aus dieser Zeit. "Greift er die Fetten? Nein, dieses Raubtier hat ein anderes Gelüste als die übrigen: es sucht nur magere Beute." Darum sind die Bachs in Magdeburg auf das Dampfboot gestiegen, das nach Hamburg fährt.

Dort gehen sie, nach Zahlung von 200 Talern, an Bord des schottischen Zweimasters Saphiras. Mit von der Partie ist ein Bauer aus einem Dorf unweit von Andisleben, ohne den wir nichts von dieser Reise wüssten. Sie führt über Schottland, wo es ebenfalls viele Auswanderer gibt. Der Eigner der Brigg ist auf sie spezialisiert, wie viele in dieser Zeit, und der Kapitän meint es gut mit ihnen: "Wenn es einigermaßen die Witterung erlaubte, mußten sämmtliche Kinder aufs Verdeck, wo er ihnen Schaukeln aus Segeltauen machte und sie darauf selbst schaukelte", schreibt Heinrich Linse, der besagte Bauer, nach Hause. Außerdem erwähnt er eine Andacht "mit Instrumentalbegleitung von den beiden Bachs", auf Trompete und Horn.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Als Helga Brück diesen Brief findet, weiß sie sofort, dass "die beiden Bachs" auf dem Schiff nur zu jener Familie gehören können, deren Spur sich in Andisleben verloren hat. Als sich dann auch noch ein Amerikaner meldet, der die Vorfahren seiner Frau, einer geborenen Bach, bis zu einem gewissen Johann Karl Friedrich Bach, Jahrgang 1808, zurückverfolgen kann, weiß sie auch, wie es nach der Seereise weiter ging: sehr amerikanisch und sehr musikalisch.

Die 137 Passagiere haben mehr Glück als andere auf überfüllten und verdreckten Schiffen; wohlbehalten gehen sie nach rund 40 Tagen auf See nahe der kanadischen Grenze von Bord. Eine Obergrenze für Einwanderer gibt es nicht. Die Bachs reisen noch rund 2.000 Kilometer weiter, an den großen Seen entlang bis zum Städtchen Portage, 150 Kilometer westlich des Lake Michigan. Und dort wird am 19. September 1848 aus Johann Karl Friedrich Bach, dem Urenkel eines barocken Erfurter Stadtmusikers, Charles F. Bach, "Frederik" gerufen, ein Bürger der USA – einer jener "Forty-Eighters", die später zu den stärksten Unterstützern Abraham Lincolns zählen werden.