Vor der Feier kommt die Qual: "Unter Fluchen und Zähneknirschen setzte mein Vater meiner Mutter das Knie in das Kreuz und begann, an verschiedenen Fäden und Zügen zu ziehen, wodurch sich der Panzer, in den meine Mutter gezwängt war, immer weiter zusammenzog." An dieses Ritual erinnert sich am 15. Januar 1948 ein Autor der ZEIT in einem Artikel über die Wiederkehr des Korsetts. Fest verschnürt und der Ohnmacht nahe sei die Mutter dann an Vaters Seite auf ein "Vergnügen" gegangen. "So nannte man damals", fügt der Autor erläuternd hinzu, "was heute 'Ball' oder 'Party' heißt."

Er war damit, ohne es zu ahnen, auf der Höhe der Zeit. Nicht mit seinem nostalgischen Ergötzen am "atemberaubenden" Knebel-Leibchen – sondern mit dem Wort "Party". Das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache verzeichnet seinen Artikel (Wonne und Wahn der Wespentaille) als erste Fundstelle des Wortes im Deutschen; als eine der ersten literarischen Nennungen gilt dort Wolfgang Koeppens Roman Tauben im Gras von 1951. Von Mitte der fünfziger Jahre an verbreitete sich der Anglizismus dann als geläufige Bezeichnung für ein Fest.

Nur: Eine Party war nicht einfach ein Fest. Nicht nur das Wort war neu, sondern auch das, was es beschrieb. "Die Party ist ein Kind der allerneuesten Zeit", weiß die Benimmfibel Gute Manieren stets gefragt von 1962. Sie habe sich derart schnell eingebürgert und sei so beliebt geworden, dass man sich "hier mit ihr beschäftigen" müsse. Die Autoren räumen dies mit spürbarem Widerwillen ein.

Das neue Phänomen ist ihnen als Hüter der Etikette naturgemäß suspekt. Leichter, als zu fassen, was eine Party ausmacht, fällt es ihnen daher, aufzuzählen, was sie nicht ist: "Die landläufige Party ist keine Cocktailparty und kein Empfang, kein ›Glas Wein nach Tisch‹, kein Tanzabend und kein kaltes Buffet." Partys, heißt es weiter, können zu ziemlich jeder Abendzeit stattfinden, eine beliebige Zahl von Gästen versammeln, haben mal Musik und dann wieder nicht, kennen weder feste Kleider- noch Tischordnung, vielleicht noch nicht einmal Tische! Verbindlich lasse sich nur sagen, dass es auf einer Party "recht zwanglos" zugehe.

Offenbar hatte da etwas Einzug gehalten in die Bundesrepublik, was mit den bisherigen Vorstellungen geselligen Zusammenseins brach und was mit dem jahrtausendealten Menschheitsbrauch, Feste zu begehen, nur noch wenig zu tun hatte. In der Antike dienten Feste der Besänftigung der Götter. Im Mittelalter formierte sich auf ihnen die höfische Gesellschaft. In der Renaissance und der frühen Neuzeit grassierten tagelange "Tanzfieber", die Todesopfer unter den erschöpften Rasenden gefordert haben sollen. Die Party hingegen braucht keinen rituellen Grund, um zu steigen.

Ist die Zwanglosigkeit womöglich nicht nur ihr auffälligstes Merkmal, sondern ihr eigentlicher Zweck? Lässt sich an den Lockerungsübungen der Körper und Sitten eine allgemeine Liberalisierung der Nachkriegsgesellschaft ablesen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Vieles spricht dafür. So gab etwa die US-Illustrierte Cool. Magazine for Hipsters im März 1958 Tipps für die perfekte "platter party", die mit der etablierten Aufgabenteilung breche: Speisen und Getränke würden nicht von der Gastgeberin vorbereitet, sondern von den Gästen selbst mitgebracht. Dieses schnell konsumierbare "finger food" verteile man auf im Raum aufgestellte Schalen, aus denen man sich nach Bedarf bedienen könne.

Die Party forderte damit, um es in der Sprache der Kulturwissenschaften zu formulieren, konventionelle Konzepte der privaten Raumordnung heraus. Statt eines gemeinsamen Mittelpunktes verlange sie "freien Bewegungsraum", diagnostizierte ein deutscher Ratgeber. Möbel seien an die Wände zu rücken, um die Begegnung der Gäste zu ermöglichen, die sich zwanglos im Raum verteilen dürften, anstatt auf zugewiesenen Plätzen den Abend über auszuharren und sich mit vorab bestimmten Gesprächsnachbarn zur Rechten und zur Linken zu unterhalten oder darauf zu warten, dass die Gastgeber – womöglich auf eine diskrete Einflüsterung hin – fremde Gäste einander förmlich vorstellten. Auf einer Party bemühten sich die Gastgeber nicht einmal mehr darum, "Gespräche zwischen den Gästen in Gang zu bringen oder die Geladenen zu einem harmonischen Kreis in einer Sitzecke zusammenzubringen", bemerkte 1960 die Autorin des Büchleins Einmaleins des guten Tons mit Schaudern.