Das Labor 205 in Block 38 trägt einen befremdlich wirkenden Namen. "Zentrum für Forschung zur Symbiose von Mensch und Roboter" heißt dieser Ort, an dem sich Wissenschaftler über die Zukunft Gedanken machen. Dazu gehört: In Japans alternder Gesellschaft nimmt der Bedarf an Pflege derart schnell zu, dass bis 2025 voraussichtlich eine Million menschlicher Pflegekräfte fehlen werden. Die Mitarbeit von Robotern ist also nicht nur hilfreich, um Kosten zu senken, sondern auch, um den Fortbestand des Gesundheitswesens zu sichern.

Labor 205 gehört zur Technischen Universität Toyohashi, kurz TUT, einer der besten in Japan. Seit die Hochschule in den siebziger Jahren gegründet wurde, besteht ihr Anspruch darin, alle möglichen Bereiche des Lebens zu automatisieren. "Go to the future" prangt in großen Lettern am Haupteingang. In Labor 205 läuft Ryosuke Tasaki im Zickzack durch den Raum, in dem auch ein Roboter umherrollt. "Und jetzt!", ruft Tasaki, bevor er abrupt stehen bleibt. Mit leichter Verzögerung stoppt auch der Roboter, der ihn die ganze Zeit über anvisiert hat. Kein Zusammenprall. Nicht einmal über die herumliegenden Kabel ist der Roboter gestolpert. "Gib Terapio neuen Strom", weist Tasaki einen Helfer an.

Terapio ist die wohl spektakulärste Entwicklung der TUT. Der Roboter verspricht den Arbeitsalltag von Ärzten und Krankenpflegern nicht nur sicherer und körperlich weniger belastend zu gestalten. Er soll sogar das Zeitalter der teilautomatisierten Pflege in Krankenhäusern einleiten. Seit vier Jahren schon arbeitet der 33-jährige Jungprofessor Tasaki an dem brusthohen, grün-weißen Roboter, den man leicht mit einem Mülleimer verwechseln könnte.

Zwei Augen blicken von seinem Displaygesicht, das Terapio auf Kommando in eine Arbeitsoberfläche verwandelt. Professor Tasaki berührt den Bildschirm. Bisher war der Trackingmodus aktiv, der den Roboter dazu bringt, dem Chefarzt während der Visite zu folgen. Jetzt lädt er automatisch die Krankenakte eines neuen Versuchspatienten, damit der Arzt alle Informationen besitzt. Etliche Praxistests in zwei verschiedenen Kliniken hat Terapio schon hinter sich.

Nachdem Terapio die fiktiven Patienten mit einem "Hallo, wie geht es Ihnen?" begrüßt hat, zeigt er auf dem Display jetzt das EKG an, die Ergebnisse der Urinprobe und den Blutdruck. Eine Kamera ermöglicht es dem Roboter, Patienten anhand ihrer Gesichter wiederzuerkennen, sodass er direkt nach den passenden Akten suchen kann. Die Gespräche zwischen Patient und Personal nimmt Terapio per Mikrofon auf, und wenn der Arzt ein Fach im Robotergehäuse öffnet, findet er dort typische Werkzeuge wie Pinzette und Verbandszeug sowie eine Reihe von Medikamenten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Die Idee für diese Entwicklung kam Tasaki ein Jahr nach dem Erdbeben und dem Tsunami in Nordostjapan im März 2011. Die Katastrophe kostete fast 20.000 Menschen das Leben. Tasaki arbeitete zu dieser Zeit an einem autonomen, sich sehr geschmeidig bewegenden Elektrorollstuhl. Ein Krankenhaus aus Fukushima, das nach dem Tsunami nicht genügend Personal hatte, um die Verletzten zu versorgen, hatte davon gehört und bat Tasaki, als Nächstes einen Pflegeassistenten zu entwickeln, der die Ärzte bei ihren Visiten begleitet.

Markt für Pflegeroboter wächst

In Labor 205 arbeiten heute fünf Studenten unter Tasakis Aufsicht an Terapio. Andere beschäftigen sich mit Geh-Assistenzrobotern, wieder andere entwickeln die selbstfahrenden Rollstühle weiter. "Wenn ich ein Krankenhausmanager wäre", sagt Tasaki und klopft kumpelhaft ans Gehäuse seiner Maschine, "würde ich als Erstes eine Liste machen: alle Arbeitsbereiche zwischen Menschen und Robotern aufteilen. Schweres Heben und das Speichern von Informationen sollte komplett Robotern überlassen werden. Menschen machen zu viele Fehler oder schaden sich sogar selbst. Die psychologischen Komponenten der Pflege sollten dagegen eher menschliche Pflegekräfte leisten."

Diese Vision deckt sich ziemlich genau mit den Zielvorgaben der japanischen Politik. Die Regierung in Tokio will, dass der Markt für Pflegeroboter wächst. Von vermutlich gut zehn Milliarden Yen (das entspricht etwas 81 Millionen Euro) im Jahr 2013 auf 260 Milliarden Yen im Jahr 2030. Mit staatlichen Fördermitteln werden Krankenbetten gebaut, die sich in einen Rollstuhl verwandeln können, und intelligente Stützen als Hilfe zum Aufstehen. Statt teure Therapiehunde auszubilden, gibt es bereits jetzt humanoide Therapieroboter, die Demenzpatienten bei Laune halten. Auch gegen die Einsamkeit im Alter wurden schon Zärtlichkeit spendende Maschinenmännchen entworfen. Japanische Informatiker und Ingenieure aus Europa schwärmen davon, dass hier in Japan nicht jede Forschungsidee durch ethische Fragen aufgehalten werde. Für originelle Projekte erhalte man schnell Fördermittel und könne sie ausprobieren.

Das macht Japan zur weltweit führenden Nation in der Assistenzrobotik. Die Verheißungen sind groß, aber die Liste der Niederlagen ist auch lang.

Ein Beispiel dafür ist Riba. Die Abkürzung steht für "Robot for Interactive Body Assistance", er ist ein Artverwandter von Terapio. Wissenschaftler des Forschungsinstituts Riken erhielten fünf Jahre lang Steuermittel für ihre Idee, einen Roboter zu bauen, der bettlägerige oder gelähmte Patienten heben kann. Weltweit berichteten Medien über die Maschine, die aussieht wie ein Teddybär. Schon deren Vorgängermodell Ri-Man wurde vom Time Magazine zu "einer der besten Erfindungen 2006" erklärt. Als sich jedoch auch der dritte Prototyp noch immer nicht flüssig genug für die kommerzielle Nutzung bewegen konnte – und zugleich die Fördermittel ausliefen –, war der Traum plötzlich vorbei. Trotz vielversprechender Testläufe rostet Riba jetzt in einem Labor vor sich hin. Eine große Vision, die nie Realität wurde. Diese Gefahr besteht auch für Terapio. Die Fertigstellung verzögert sich. "Eigentlich wollten wir Terapio von diesem Jahr an regulär in Krankenhäusern einsetzen", gesteht Tasaki. Doch beim letzten Test stellte sich heraus, dass einige Ärzte derart schnell über die Gänge rasen, dass der Roboter kaum hinterherkommt. Deswegen führt Tasaki jetzt Bewegungstests in Labor 205 durch.

Die finale Version von Terapio soll viel leistungsfähiger werden als anfangs geplant. Von Patienten genommene Blutproben, die bei Visiten in Terapios eimerartigem Körper abgelegt werden, soll er dann direkt auswerten können. Das lernt er derzeit. Dass der grün-weiße Helfer aber selbst Blut abnimmt, bleibt ein Traum. "Wir haben es versucht. Aber das ist schon rechtlich schwierig, weil Terapio dann quasi eine Krankenpflegerausbildung brauchte", sagt Tasaki. Doch auch darin sieht er wiederum einen Segen: "So kostet Terapio auch weniger Arbeitsplätze. Bei unseren Testläufen haben wir bemerkt, dass die menschlichen Pfleger ihn gar nicht bedrohlich fanden, sondern als Assistenten schätzten."