Ich kann jeden verstehen, der sagt, dies ist überhaupt kein Rechtsstaat mehr.
Die Staatsführung schert sich nicht um die Einhaltung des Rechts.
Die Hälfte der Deutschen hat es satt, als Nazis abgestempelt zu werden.

Dies sind keine Zitate sogenannter Patriotischer Europäer oder anderer glaubensstarker "Alternativen". Sie stammen aus einem Buch von Rainer Wendt, Polizeihauptkommissar aus Duisburg. Seit 2007 ist er Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Sie ist im Deutschen Beamtenbund (DBB) angesiedelt, einer Organisation, in deren Bundesvorstand Herr Wendt ebenfalls sitzt. Ihre Hauptkennzeichen sind notorischer Alarmismus sowie ein allgegenwärtiger Vorsitzender.

Will man einen Sachbuch-Bestseller schreiben, muss man, so raten die Spürnasen der Verlage, eine "starke These" aufstellen und daran "entlangschreiben". Das heißt: Ereignisse zusammensuchen, die als Bestätigung des schon feststehenden Ergebnisses dienen. Auf seriöse Recherche oder gar Wissenschaft kommt es im Jahr der Gefühle nicht an. Wer behaupten möchte, das Überhandnehmen des chinesischen Schweißfußes sei verantwortlich für den Klimawandel, braucht keine Beweise, sondern drei Talkshows.

Der Titel des Wendt-Werkes lautet daher: Deutschland in Gefahr, der Untertitel: Wie ein schwacher Staat unsere Sicherheit aufs Spiel setzt. Damit sind schon zwei Schritte getan: Zunächst sind die Begriffe "Deutschland" und "Wir" zur Deckung gebracht, sodann Leser und Autor. Wer das Buch aufschlägt, marschiert also ab Seite 1, Seit an Seit mit Rainer Wendt, eingebettet im "Wir", und darf sich persönlich als Deutschland fühlen.

Der Inhalt des 188 Seiten starken Opus handelt von nicht weniger als den "Schicksalsfragen unserer Gesellschaft (und) des ganzen europäischen Kontinents". Von einem Staat im Zusammenbruch, dessen öffentliche Strukturen funktionslos und unglaubwürdig geworden sind, dessen Kernaufgaben nicht mehr wahrgenommen werden und dessen Bürger daher in Angst, Selbstjustiz und Verzweiflung leben. Gemeint ist nicht Somalia, sondern die Bundesrepublik Deutschland. Hier sieht Wendt: Zerfall, Korruption, Staatsferne, Versagen, Willkür. Daneben klar denkende Polizisten wie sich selbst und ein äußerst gereiztes Volk.

Die Frage, die sich hier stellt, lautet: Auf welchen Sumpf zielt das Gerede?

Fantasien vom Ende der Welt waren stets kollektiver Teil der Angst vor der Zukunft. Im 20. Jahrhundert haben wir gelernt: Für die Apokalypse brauchen wir keine Götter – wir machen sie selbst. Polizeien aller Zeiten sind mit der Zeit gegangen. Das tut auch Rainer Wendt. Sein Endzeitszenario besteht aus "Verteilungskämpfen". Diese finden nicht etwa zwischen armen und reichen Deutschen statt, auch nicht zwischen Morgan Stanley und Deutscher Bank, der Volkswagen AG und ihren Beschäftigten. Sondern zwischen "Uns" und den "Fremden" .

Man weiß bei der Lektüre nicht recht: Ist das Ehrlichkeit, Zynismus oder Verzerrung? Der Autor bleibt alle Antworten schuldig auf drei Fragen, die aus seiner Perspektive beantwortet werden müssten: Wer ist Wir ? Wer sind die Anderen? Und was ist zu verteilen : Glück? Glaube? Öl? Sand? Uran? Frauen? Schließlich: Auf welcher Verteilungsseite steht Rainer Wendt selbst?

Hier verknüpfen sich die Enden einer Endlosschleife, die aus wenig Fakten und umso mehr Bewertung besteht. Wir kennen das und haben es gerade wieder erleben müssen: Ein Mordanschlag wie auf dem Berliner Breitscheidplatz setzt ein Geschrei von Menschen in Gang, die eine Befriedigung darin zu empfinden scheinen, schon immer gewusst zu haben, dass die Fremden fremd und die Feinde feindselig sind. Ein Triumph des Scharfsinns! An jedem politisch motivierten Mord hat jemand ein klammheimliches Wohlgefallen.

"Wenn nichts geschieht, werden die Gefahren für unser Land täglich größer", prophezeit Wendt. Ist das eine seherische Offenbarung? Das mag jede(r) sehen, wie er oder sie will. Schriebe jemand: Wenn die Verteilungsmaßstäbe sich nicht ändern, werden die Gefahren immer größer – würde er dann Gewerkschaftsführer bei der Polizei? Oder landete er in einer "Gefährder"-Datei? Man weiß es nicht. Denn man weiß ja nicht, welche "Gefahren" gemeint sind: Steigt die Gefahr des Taschendiebstahls am Hauptbahnhof, die Gefahr des Terroranschlags auf ICE-Züge, die Gefahr eines rechtsradikalen Putsches?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Die bedrückenden Ereignisse der vergangenen Woche hat auch der Autor Wendt nicht vorhersehen und verarbeiten können. Sie müssen hier gleichwohl erwähnt werden. Einerseits, weil sie schon wieder als "Bestätigung" von Thesen missbraucht werden, die auch Wendt verbreitet. Andererseits, weil sie nahelegen, dass man sich bei der Polizei ein paar Gedanken über evidente eigene Defizite machen sollte, statt mit großer Geste anderen die Schuld zuzuschieben. Die Rechtsradikalen werden den Opportunisten nicht glauben, die nun überall zu Protokoll geben, sie verträten nun ausnahmsweise mal ein paar rechtsradikale Positionen, um den Neofaschisten die Wähler abzuringen.

Deutschland am Abgrund. Damit der Leser ihm in dieser Diagnose folgt, versucht Wendt, in sieben Kapiteln das Elend Deutschlands auszubreiten. Das geht so: Früher gab es anständige Politiker. Sie hatten Schlosser oder Steinmetz gelernt. Heute sind viele Abgeordnete "Langzeitarbeitslose", Menschen, vor denen man keinen Respekt haben kann, die "kreischend auf irgendwelchen Bahngleisen sitzen" und anschließend in Talkshows "herumgreinen", Drogenkonsumenten, Urlaubmacher, Privilegien-Abgreifer.