Roboter überall. In der Fabrik, auf Baustellen, im Krankenhaus, im Seniorenheim: Wir Menschen haben neue Mitbewohner. Und sie sind irgendwie seltsam. Jedenfalls seltsamer als Toaster, Autos oder Computer.

Was ist los mit ihnen? Was wissen wir wirklich über sie? Eine Menge, sollte man meinen, schließlich haben Menschen sie konstruiert. Um dieses Wissen kümmert sich die Robotik: die Gesamtheit der Disziplinen, die zum Bau von Robotern nötig sind. Ein etablierter Forschungszweig, mitsamt internationalen Konferenzen und Fachzeitschriften, Lehrbüchern, Studiengängen sowie von der Industrie bezahlten Lehrstühlen.

Aber das genügt nicht. Wir sollten Roboter nicht nur bauen, sondern auch verstehen. Für die Tiere gibt es die allgemeine Zoologie, für den Menschen die Anthropologie – sollte nicht auch eine allgemeine Robotik eingeführt werden, die Auskunft darüber gibt, was die Besonderheiten des Roboters ausmacht und was er für die Menschen bedeutet?

Also, versuchen wir es. Skizzieren wir eine Art Anthropologie des Roboters.

Zunächst einmal muss sie definieren, was ein Roboter überhaupt ist. Früher war das mal schön säuberlich in einer Richtlinie des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) festgelegt. Sie stammte aus einer Zeit, als Roboter nichts anderes waren als programmierbare Arme mit mehreren Gelenken, festgeschraubt am Fabrikboden. Solche Roboter gibt es immer noch, wenngleich sie raffinierter geworden sind und, beispielsweise, mit ihrer Umwelt im Austausch stehen; manche arbeiten Hand in Hand mit Menschen. Doch weit darüber hinaus hat die Roboterfauna so viel Neues hervorgebracht, zu Lande, zu Wasser und in der Luft, in Produktion, Service, Freizeit und im Krieg, dass es keine Definition mehr gibt, die den Roboter allgemein und sinnvoll beschreibt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Was soll er schon sein: vielleicht ein künstlicher, programmierter Gegenstand, der auf Reize reagiert? Der plant? Aber was, wenn er ohne Programm auskommt und sein Funktionsprinzip in seinem Körperbau angelegt ist, wie es bei Nanorobotern der Fall ist, die keine digitalen Speicher benötigen? Oder soll man noch allgemeiner werden und von "autonomen Artefakten" reden? Und was heißt das überhaupt: autonom? Nichts und niemand ist zur Gänze autonom, aber jeder und alles besitzt etwas Autonomie. Könnte man nicht verschiedene Autonomiegrade definieren? Siehe da: Bereits das Nachdenken über den Roboterbegriff bringt Ideen, die zu einer allgemeinen Theorie des Roboters führen.

Auf ganz ähnliche Weise arbeitet sich die Anthropologie am Begriff des Menschen ab. Sie begreift ihn außerdem als etwas Gewordenes und etwas Werdendes; ihre Revolution war die Darwinsche. Gibt es da eine robotische Parallele? Durchaus. Zwar existieren Roboterpopulationen, die Reproduktion, Variation, Selektion und Vererbung kennen, bisher nur in Simulationen (was nicht so bleiben muss). Aber wenn wir den Menschen und seine Roboter als zusammenhängendes ökologisches System betrachten, dann ist es bislang eben der Mensch, der das selektierende Element darstellt. Er bringt die mannigfaltigen Robotervarianten hervor.