Vor zwanzig Jahren ließ der Harvard-Professor Samuel Huntington ein Schreckgespenst los. Es hieß Clash of Civilizations, Kulturkampf total und global. Der Bestseller wurde in 39 Sprachen übersetzt. Der clash of civilizations wurde über Nacht Allgemeingut; er hat inzwischen eine halbe Million Einträge bei Google.

Das Werk war ein Frontalangriff auf den rosigen Zeitgeist der Neunziger. Der Kalte Krieg war vorbei, die Sowjetunion tot, der Sieg unser. Das "Ende der Geschichte" war angebrochen, nunmehr würden Demokratie, Marktwirtschaft und Frieden die Welt regieren.

Da betritt plötzlich dieser Huntington die Bühne und deklamiert auf 600 Seiten (deutsche Fassung): "Pustekuchen!" Kommunismus und Faschismus sind zwar entsorgt, die Sowjetunion hat sich zerlegt, aber die heile Welt ist eine Illusion. Die alten Schlachten zwischen den Mächten und Ideologien werden bloß abgelöst von Glaubens- und Kulturkämpfen – in planetarischem Ausmaß.

Fürderhin werden nicht mehr Staaten, sondern religionsgeprägte Zivilisationen aufeinander losgehen: die westliche, die konfuzianisch-chinesische, die islamische, die hinduistische, die slawisch-orthodoxe ... Die "Bruchlinien" zwischen den Kulturen werden die "politisch-ideologischen Demarkationslinien des Kalten Krieges ersetzen" und "Gewalt und Blutrunst" entfesseln.

Also sprach der gelehrte Prophet. Wie sieht Huntingtons welthistorische Deutung – sozusagen Oswald Spengler auf Englisch – heute, nach zwanzig Jahren, aus?

Auf den ersten Blick: grandios. Eine Kette des islamistischen Terrors zieht sich durch den Westen: Orlando in Florida, Charlie Hebdo und Bataclan in Paris, Nizza, zuletzt Berlin. Davor Madrid, London, Kopenhagen, Brüssel.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Der Meisterdenker scheint richtig geweissagt zu haben. Russland ist wieder auf dem Marsch, diesmal unter dem Banner des antiwestlichen Nationalismus und dem Drei-Balken-Kreuz der Orthodoxie. Die Serben haben katholische Kroaten und muslimische Bosnier abgeschlachtet. Seit 2015 tobt der Krieg zwischen dem katholischen und dem orthodoxen Teil der Ukraine – präzise an der "Bruchlinie", die Huntington in seiner Landkarte eingezeichnet hatte.

Das christliche Amerika hat seit dem "Clash" zwei Kriege gegen Muslime geführt – in Afghanistan und im Irak. Auf dem Subkontinent halten Hindus (Indien) und Muslime (Pakistan) Atombomben füreinander bereit. Der "Islamische Staat" mordet im Irak Christen und Jesiden.

In Europa hat der Islamo-Terror eine lange Schneise geschlagen: Madrid, London, Paris, Kopenhagen, Toulouse, Brüssel, Nizza ... Und doch hat Huntington in einem zentralen Punkt falsch geweissagt. Sein endlos zitierter Satz – "Der Islam hat blutige Grenzen" – stimmt bei näherem Hinsehen nicht. Denn die "blutigen Grenzen" verlaufen nicht zwischen Orient und Okzident, sondern quer durch die islamische Welt, die sich vom Hindukusch bis zum Atlasgebirge zieht.

Den blutigsten Kampf der Kulturen führt der Islam gegen sich selber. Allein die Statistiken widerlegen Huntington en masse. In sechs Kriegen gegen die Araber seit 1948 hat Israel knapp 13.000 Menschen verloren. Doch den längsten und grausamsten Krieg in Nahost haben zwei Staaten ausgefochten, die demselben Gott huldigen: der Irak und der Iran, acht Jahre lang, mit einer Million Toten.