Die Zukunft ist schwarz, zwei Zentimeter lang und kabellos. Sie kommt in einem weißen Pappkarton zu mir ins Büro – und sie birgt ein großes Versprechen: nie mehr über ein Display wischen, nie mehr eine Textnachricht oder eine E-Mail ins Smartphone tippen. Mit dem Sony Xperia Ear werde ich mit meinem Telefon verschmelzen. Fortan wird es auf leise gesprochene Kommandos und sanftes Kopfnicken reagieren, und ich werde mitleidig lächeln, wenn meine Kollegen im eisigen Winter ihre Finger aus den Handschuhen fummeln, um ihr Apple-Gerät zu bedienen. Denn bislang ist die Zukunft Android-Nutzern vorbehalten. Ha. Nimm das, iPhone!

Ich fühle mich wie ein Auserwählter, als ich das kleine Ding aus dem Karton hole. Die Installation ist extrem einfach. Ich brauche nur die entsprechende App herunterzuladen und die Drahtlosverbindung NFC einzuschalten, und schon erkennen sich Telefon und Ear. Das ist mein erstes Erfolgserlebnis in der Zukunft, aber ich komme nicht dazu, es gebührend auszukosten.

Denn kurz nachdem ich es wie ein Ohropax in mein Ohr gesteckt habe, vermeldet das Ear ungefragt Uhrzeit (15.03 Uhr), Datum (13. Dezember 2016) und den Akkustand meines Telefons (niedrig). Solche Informationen sind natürlich wichtig, wenn man auf der Höhe der Zeit sein will. Wo ist eigentlich mein Ladekabel?

Ich arbeite gerade an einem Text über die besonderen Gene des Seepferdchens, als sich die kühle, aber nicht unsympathische Stimme meiner Helferin schon wieder unvermittelt meldet: "Die neuesten Schlagzeilen. Ägypten: Muslimbrüder verüben Anschlag auf koptische Kirche. Trump (sie spricht seinen Namen deutsch aus, wie das Ausatmen einer Robbe) nominiert ExxonMobil-Chef als Außenminister." Sorry, Ear, das will ich gerade nicht wissen. Ich würde gerne bei meinen Seepferdchen bleiben und mich erst heute Abend wieder mit der Schlechtigkeit der Welt beschäftigen. Dann werde ich mich freuen, meine neue Assistentin mit der Suche nach den relevanten Nachrichten zu beauftragen. Doch keine Chance.

Als die dritte Schlagzeile ungebeten in mein Ohr donnert, beginne ich mich zu fragen, wer hier eigentlich der Chef ist: das Ear oder ich? Ich sage "Stopp". Das Ear reagiert nicht. Ich rufe "Stopp", und ein Kollege schaut besorgt in mein Büro. Das Ear aber redet einfach weiter. Man kann die Augen vor der Welt verschließen, aber nicht die Ohren. Und im linken Ohr steckt die kleine, hyperaktive Referentin. Inzwischen geht es um zwei Tennisstars, von denen ich noch nie etwas gehört habe.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Ist das die Zukunft? Dass die Welt ungefragt und ungefiltert auf einen einhämmert und man nicht einmal den Belanglosigkeiten mehr entkommt?

Irgendwann höre ich: "Es gibt keine weiteren Schlagzeilen." Das klingt erst mal tröstlich, ist aber ganz offensichtlich eine Lüge. Ich will nicht belogen werden, ich will mich bloß auf meine Seepferdchen konzentrieren! Aber das fällt mir, danke, Ear, jetzt ziemlich schwer. Ich google Trumps voraussichtliches Kabinett (gruselig) und suche nach Bildern von Ivanka Trump (hübsch, aber ist die Nase echt?). Ich schaue mir sogar Fotos ihres Apartments an. Der Stuhl vor der Couch gefällt mir ziemlich gut. Leider ist er, wie ich auf der Seite eines Möbelshops erfahre, viel zu teuer. Und so ist wieder eine Stunde rum.

Ich kann meiner Assistentin nicht vorwerfen, dass ich mich leicht ablenken lasse, aber ich frage mich schon, warum sie sich das Recht nimmt, ungefragt mit mir zu sprechen, während ich erst einen Knopf drücken muss, wenn ich ihr etwas sagen will.

Sogar eingehende WhatsApp-Nachrichten werden ungefragt vorgelesen: "Sie haben eine neue Nachricht von Kevin Justin: Uf", "Sie haben eine neue Nachricht von Kevin Justin: Haha", "Sie haben eine neue Nachricht von Kevin Justin: fjeden goiles Ding". Ich verstehe kein Wort. Das mag an Kevin liegen oder an mir. Vielleicht hätte ich mich dem Ear besser vorstellen sollen, vielleicht kann man irgendwo ein persönliches Profil erstellen, das es der Assistentin möglich macht, zu erkennen, was einem wann wichtig ist. Oder ich bin einfach zu doof.

Kurz vor Feierabend beschließe ich, dem Ear noch eine Chance zu geben, und bitte es, mir den Weg nach Hause zu zeigen. Es fragt höflich, welches Verkehrsmittel ich bevorzuge, weigert sich aber, mir eine Fahrradroute herauszusuchen. Ich soll Auto fahren oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Als ich die vorgeschlagene Strecke auf dem Display überprüfe, sehe ich: Das Ear will mich zur "Pflege zu Hause Küffel GmbH" schicken. Und langsam begreife ich, was das Problem zwischen uns ist. Das Ear hält mich für einen willenlosen Patienten. Wenn das die Zukunft ist, warte ich lieber noch ein bisschen.