Wo Staat und große Unternehmen sich um die Heizung unserer Häuser kümmern, in der Fernwärmeversorgung also, da liefern sie Stoff für Utopien, für Machtspiele und Grabenkämpfe. 2017 wird das Jahr der Revolution in der Wärmepolitik, Umweltsenator Jens Kerstan plant eine "Wärmewende". Wer mitreden will, muss die wichtigsten Verschwörungstheorien kennen.

1. Die Anti-Moorburg-Verschwörung

© Anne Gerdes / ZEIT Grafik

Seit die CDU die Macht in Hamburg 2011 an die Sozialdemokraten abgab, behaupten die Christdemokraten, Rote und später die Rot-Grünen hätten ihr energiepolitisches Erbe veruntreut. Politisch gesehen ist Moorburg ein CDU-Kraftwerk, sonderlich stolz sind die Christdemokraten darauf nicht. Das Kraftwerk ist defizitär und offensichtlich überdimensioniert. Aber wenigstens eines hätten die Konservativen gerne erreicht: dass das alte, baufällige und, verglichen mit Moorburg, auch deutlich weniger effiziente Kohlekraftwerk in Wedel stillgelegt und an seiner Stelle Moorburg an das Fernwärmenetz angeschlossen würde.

Es kam anders. Das Hamburger Oberverwaltungsgericht verbot 2010 wegen Verstößen gegen das Planungsrecht den Bau der Fernwärmeleitung von Moorburg unter der Elbe hindurch nach Altona. SPD und Grüne griffen dieses Vorhaben seither nicht wieder auf – ein Umstand, der im konservativen Lager gewöhnlich etwas verkürzt dargestellt wird: Rote und Grüne weigerten sich aus ideologischen Gründen, die Wärme aus Moorburg zu nutzen.

Links der Mitte begegnet man solchen Vorhaltungen, wenn überhaupt, dann mit der schlichten Gleichung: Moorburg = Kohle = schmutzig.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Sonderlich plausibel ist diese Entgegnung nicht. Das Kraftwerk Moorburg, ob es einem gefällt oder nicht, ist in Betrieb. Damit stellt sich die Frage nach den ökologischen Vorzügen und Nachteilen eines Anschlusses an das Fernwärmenetz neu: Wie sehr würde es die Umwelt belasten, wenn zu der gewaltigen Menge des Klimagases CO₂ aus der Stromproduktion noch eine geringe CO₂-Menge käme, die nur entstünde, weil die sogenannte Wärmeauskopplung im Kraftwerk den Kohleverbrauch geringfügig erhöhen würde?

Die Antwort auf diese Frage hört man im Ökolager nicht gern: Nimmt man an, das Kraftwerk liefe sowieso, dann wäre die Wärmenutzung eine ziemlich saubere Sache. Genauer gesagt: Sie würde ungefähr so viel CO₂ erzeugen wie die Wärme aus einem modernen Gas-Heizkraftwerk – und wäre sehr viel billiger. Gemessen an der rückständigen und klimaschädlichen Wärmeerzeugung in den Kohlekraftwerken Wedel und Tiefstack wäre Fernwärme aus Moorburg demnach ein Fortschritt.

Damit ist die Debatte allerdings nicht zu Ende. Kann man denn annehmen, dass das Kraftwerk Moorburg auch in Zukunft in Betrieb bleibt? Sonst wäre es fahrlässig, die Fernwärmeversorgung der Stadt davon abhängig zu machen.

Politisch droht dem Kraftwerk keine Gefahr, von einem "Kohleausstiegsgesetz" träumen nur linke Klimaschützer. Aber wie steht es um die Kräfte des Strommarktes? Schon jetzt macht die Ökokonkurrenz dem Kohlekraftwerk zu schaffen. Ausgelastet ist es selten, gewöhnlich produziert es rund zwei Drittel der Strommenge, die es erzeugen könnte. In windigen Zeiten geht es sogar tagelang vom Netz. Die Ökostrombranche wächst weiter, gut möglich also, dass der Strom aus Moorburg in Zukunft immer seltener gebraucht wird.

Und dann? Ein riesiges Kohlekraftwerk, das in Betrieb bleiben muss, um Wärme zu erzeugen, während Windräder angehalten werden – ökologisch gesehen wäre das ein Albtraum. So sauber die Wärme aus Moorburg heute zu sein scheint, so schmutzig könnte sie in Zukunft also werden.

2. Die Moorburg-Verschwörung

Die Moorburg-Verschwörung ist eine Theorie jüngeren Datums. Sie kommt aus dem Umfeld der Linkspartei und besagt, dass die sogenannte Wärmewende der Grünen nichts anderes als ein Vorwand sei, um das Kraftwerk Moorburg hinter dem Rücken der Bürger doch noch an das Fernwärmenetz anzuschließen. Sozialdemokraten und Grüne hätten sich zu diesem Zweck mit Vattenfall zusammengetan. Umweltsenator Kerstan von den Grünen soll der Theorie zufolge eine Wärmeleitung unter der Elbe hindurch planen, vorgeblich, um Industrieabwärme aus Metall verarbeitenden Betrieben im Hafengebiet zu nutzen, tatsächlich aber, um der Wärme aus Moorburg den Weg ins Wärmenetz zu bahnen. Spätestens nach der nächsten Bürgerschaftswahl würden die grünen Ideen von der Industriewärmenutzung aufgegeben und das alte Ziel des Moorburg-Anschlusses doch erreicht.

Auf den zweiten Blick ist die Idee nicht so abwegig, wie sie zunächst zu sein scheint. Natürlich würden die Grünen niemals eine Politik verfolgen, die den eigenen Zielen so eklatant widerspricht – warum sollten sie? Aber die Zukunft ist offen, und eine künftige Landesregierung, über deren Zusammensetzung sich heute nicht viel sagen lässt, könnte tatsächlich auf die Idee kommen, eine Wärmeleitung anders zu nutzen als ursprünglich gedacht.

Allerdings wäre dagegen auch wenig einzuwenden. Zum einen hätten es die Bürger dann mit ihren Stimmen so entschieden. Zum anderen spricht unter Umweltgesichtspunkten ja wirklich viel dafür, die Wärme aus Moorburg zu nutzen – solange sie bei Bedarf auch wieder ersetzt werden kann.