Der Mann, den es erwischt hat, ist 47 Jahre alt. Wie er aussieht, kann ich nicht sagen. Er liegt auf einem OP-Tisch, Schlauch im Mund, Körper abgedeckt, Gesicht auch. Den Schädel haben sie in einem Metallgestänge fixiert, die Kopfhaut durchschnitten und nach oben geschoben, sodass sie aufklappte wie ein blutiger Mund, dann haben sie die Knochenplatte entfernt. Jetzt liegt es frei. Das Gehirn.

Hinter dem OP-Tisch sitzt der Neurochirurg Oliver Heese, Chefarzt an der Helios-Klinik Schwerin. Grüner Kittel, Unterarme abgestützt, in den Händen irgendwelche nadelartigen Instrumente, so schaut Heese durch ein Mikroskop, das von der Decke hängt, in den Temporallappen des Patienten. Ich darf an diesem Tag mitschauen.

Ich sehe etwas sehr Abstraktes, das mich an ein Bergwerk erinnert. Einen gigantischen Tagebau, beleuchtet in der Nacht. Die komplexeste Struktur des Universums. 100 Milliarden Neuronen, so viele, wie es Sterne in der Milchstraße gibt. Die Oberfläche pocht und blinkt, das sind die Adern. Steil geht es in die Tiefe, Zentimeter um Zentimeter gräbt sich Heese mit seinen Instrumenten hinab, denn die Materialmasse namens Gehirn, Ursprung von Gedanken und Gefühlen, attackiert sich manchmal selbst. Hirntumor.

Glasig-fleischig fühle sich der Tumor an, den er herausholen will, murmelt Heese, er könne da wirklich nur seinem Gefühl folgen, zu sehr bleibe der Tumor mit dem Gehirn verschmolzen. Der Tumor ist das Gehirn. Es hat ihn produziert, so wie andere Hirne die Relativitätstheorie hervorgebracht haben, die Zauberflöte oder die Pläne für eine Boeing 747. Ein Bürgerkrieg des Bewusstseins, den kein Arzt der Welt stoppen kann. Egal wie viel Gewebe Heese herausschneidet, am Ende wird der Feind gewinnen. Niemand überlebt einen bösartigen Hirntumor.

I. Pech in der Lotterie

Während ich zusehe, wie der Neurochirurg Schicht um Schicht ein Loch aushebt, das der Krebs wieder füllen wird, muss ich daran denken, was er mir über solche Tumore erzählt hat. Sie heißen Glioblastome, pro Jahr erkranken 5 von 100.000 Menschen daran. Genetische Einflüsse spielen keine Rolle, in unzähligen Studien wurden auch keine Umweltfaktoren gefunden. Dem Glioblastom ist es egal, wie viel Fleisch ein Mensch isst, wie oft er in der Sonne liegt, welche Gifte er einatmet. Hirntumore gibt es, weil es Gehirne gibt. Jedes Hirn braucht Zellen, die sich vermehren. Sie teilen und teilen sich, millionenfach, alles geht gut, und irgendwann passiert ein Fehler. Eine blöde Mutation, und der Krebs ist da.

"Das mag ich an diesem Tumor – er macht alle gleich", sagte Oliver Heese. Ein Multimillionär wird mit exakt derselben Wahrscheinlichkeit daran sterben wie der besoffene Obdachlose, den ich morgens auf dem Weg zur Arbeit sehe. Das Glioblastom ist ein Raubvogel, der über einer mittelgroßen Stadt kreist und sich jedes Jahr seine fünf Opfer holt.

Wenn Heese in seinem Chefarztzimmer Ich-habe-schlechte-Nachrichten-für-Sie-Gespräche führt, dann ist es ihm wichtig, die Rolle des Zufalls zu betonen. Er hat sich sogar einen Begriff ausgedacht: "negativer Lotteriegewinn". Heese hofft darauf, dass sich seine Patienten nicht mit der Frage nach dem Warum foltern, wenn er ihnen erklärt, dass sie schlicht sehr, sehr viel Pech hatten. Und er weiß: In den allermeisten Fällen hofft er umsonst.

"Für mich ist es umweltbedingt", sagt Heike Fuchs.

"Man macht sich so seine Gedanken", sagt Frank Becker. "Handystrahlung. Ich hab auf der Arbeit zu lange in mein altes Handy geredet."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 1 vom 29.12.2016.

Frank Becker. Der Mann, in dessen Kopf ich geschaut habe, hat einen Namen, und er hat ein Gesicht, ein sehr sympathisches und lebenskluges. Er ist ein Maschinenbauingenieur, der sich zum Chefplaner eines Zahnrad-Unternehmens in Brandenburg hocharbeitete. Vor fünf Jahren lernte er seine Heike kennen. Im vergangenen Frühjahr fingen sie an, ein Haus auszubauen, ein Gehäuse für ihre Liebe, Marmor, Fußbodenheizung, geplanter Einzug: rund um Weihnachten. An einem sonnigen Wochenende im Juli überfiel ihn der erste Kopfschmerz, und jetzt sitzt Becker im dämmrigen Krankenhauszimmer, Rollstuhl, Trainingsanzug, Resopaltisch, und das Karussell der Mutmaßungen dreht sich und dreht sich und will gar nicht mehr stillstehen. Nie geraucht, nie viel getrunken, immer gesund gewesen. Gibt es vielleicht doch schlechte Gene in der Familie? Was ist mit Lebensmittelzusätzen? Pestiziden? Lampen mit Quecksilber? Wo stand das nächste Atomkraftwerk?

"Das Handy könnte ich akzeptieren", überlegt Becker. "Einfach nur Zufall, das wäre schlimmer."

Ich finde, das ist ein sehr interessanter Satz. Frank Becker und Heike Fuchs sind schlaue Menschen, sie verdrängen nichts, sie wissen um das schwarze Loch, das sich vor ihnen auftut. Es dürstet sie jetzt nach Gründen, sie wollen verstehen, warum das Leben ihnen diesen Horror auf die Tagesordnung gesetzt hat. Und Oliver Heese liefert ihnen ja einen Grund: den Zufall. Einfach nur den Zufall. Klingt wie eine Kränkung, irgendwie. Fühlt sich falsch an.

Aber warum? Ist Heeses Erklärung zu simpel? Zu abstrakt? Welche Rolle spielen Zufälle in dieser Welt? Wenn sich sogar die komplexeste Struktur des Universums dem Zufall ergibt – kann es dann sein, dass der Mensch viel mehr von Zufällen gelenkt wird, als er sich klarmacht? An wie vielen Lotterien des Lebens nehme ich täglich teil, ohne es zu ahnen?

II. Jeder Mensch ein Sherlock Holmes

Im Foyer der Schweriner Klinik steht eine Kreidetafel, auf der jemand, rührend um Schönheit bemüht, die Geburten dieses Tages verzeichnet hat. Anastasia 4.05 Uhr, Chlara 4.36 Uhr ... Es gibt einen berühmten Psychologen namens Daniel Kahneman, der womöglich einmal vor einer ähnlichen Tafel stand. In seinem Buch Schnelles Denken, langsames Denken, einer Art Bibel der Sozialpsychologie, zeigt Kahneman anhand des Beispiels neugeborener Babys, wie schwer Menschen sich damit tun, den Zufall zu verstehen.

Nehmen wir, sagt Kahneman, sechs Säuglinge, die nacheinander zur Welt kommen. Schauen wir uns nur ihr Geschlecht an, J für Junge, M für Mädchen, wobei jedes Baby natürlich unabhängig vom nächsten geboren wird, der Zufall also die Reihenfolge bestimmt. Hier zwei mögliche Abfolgen:

M-M-M-M-M-M

J-M-J-J-M-J

Sind die beiden Reihenfolgen gleich wahrscheinlich? Die meisten Menschen antworten auf diese Frage intuitiv mit Nein. Sie sehen in der Nur-Mädchen-Reihe etwas Besonderes. Dabei ist die Wahrscheinlichkeit, dass die erste Folge herauskommt, keineswegs geringer als die Wahrscheinlichkeit von Folge zwei. Sondern exakt identisch.