Wenn der AfD-Politiker Daniel Roi erklären will, warum die Leute in seinem Wahlkreis so wütend sind, fährt er nicht zum Flüchtlingsheim. Er fährt zum See. Das Wasser schimmert dunkel, am Ufer stehen Picknickbänke, auf den Parzellen der Dauercamper überwintern Paddelboote. Daneben wirbt der Wassersportclub: "Segeln muss nicht teuer sein."

Goitzsche heißt der See, er liegt am Rande von Bitterfeld-Wolfen, einer Stadt im Südosten Sachsen-Anhalts. In den Sommerferien breiten die Leute hier ihre Handtücher aus, baden, paddeln, fahren Wasserski.

Es ist ein Mittwoch im Dezember, Roi trägt den Kragen seines Wintermantels nach oben geklappt, den schwarzen Bart akkurat getrimmt. Er ist 29, einer der wenigen Jungen, die nicht nur hier geboren, sondern auch hier geblieben sind. Mit zehn Jahren trat er in die freiwillige Feuerwehr ein. Mit 18 gründete er seine erste Bürgerinitiative. Mit 25 wurde er Mitglied der AfD. Bei den Landtagswahlen im März 2016 bekam er 31 Prozent der Stimmen, so viele wie kein anderer Kandidat in seinem Wahlkreis. Das hat nicht nur, aber auch mit dem See zu tun.

Früher, als Roi ein Kind war und die Mauer noch stand, dröhnten hier die Bagger. Früher lag hier eines der größten Braunkohlereviere der DDR. Dann brach die DDR zusammen und mit ihr die Industrie, und aus dem Tagebau wurde ein Badesee. Böden wurden gereinigt, Krater geflutet, Böschungen bepflanzt. Spazierwege asphaltiert, Parkplätze gebaut. Mehr als 200 Millionen Euro gab der Staat dafür aus, Fördermittel vom Bund, vom Land, von der EU – Steuergeld. Vor drei Jahren aber verkaufte die Stadt Bitterfeld-Wolfen große Teile des Sees an eine private Firma, für nur 2,9 Millionen Euro. Die Firma heißt Blausee, sie hat sich auf die Privatisierung von Landschaften spezialisiert und dem Staat schon einige Seen abgekauft. Sie gehört den Erben des Pharmaunternehmers und Multimilliardärs Adolf Merckle.

"Die Gesellschaft hat dafür bezahlt, dass der See hübsch wird", sagt Roi. "Und wer profitiert davon?" Er zeigt auf ein abgezäuntes Stück Ufer. Dort, hinter mannshohem Schilfgras, liegen zwei Hausboote mit großen Dachterrassen, gebaut aus Glas und hellem Holz, mit exklusivem Zugang zum See. In einer Bootsgarage liegt aufgebockt eine verchromte Motorjacht. Am Zaun steht: "Privatgrundstück, Betreten verboten." Etwas weiter nördlich, auf einer lieblichen Halbinsel, planieren Raupen das Ufer. Dort wird ein Villenviertel gebaut, direkt am Wasser. "Milliardäre", sagt Roi. Er sagt es so, dass es wie ein Schimpfwort klingt.

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Nirgendwo erhielt die AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt so viele Stimmen wie in Bitterfeld-Wolfen. In den Tagen nach der Wahl kamen Reporter in die Stadt, aus Hamburg und Berlin, aus Großbritannien und den USA. Sie wollten wissen, warum so viele Leute hier der AfD ihre Stimme gegeben hatten. Sie filmten auf dem Marktplatz, sie zeigten Menschen, die graue Jogginghosen trugen und fettige Bratwurst aßen, die Flüchtlinge "Neger" nannten und Politiker "Verbrecher". Das war die Realität. Aber nur die halbe Wahrheit.

Längst stärkt sich die AfD nicht mehr nur am Hass auf die Fremden und an der Wut auf die Kanzlerin. Mehr als jede andere Partei profitiert sie vom Riss, der durch Deutschland geht: zwischen Arm und Reich, zwischen Stadt und Land, zwischen globalen Wirtschaftseliten und dem kleinen Mann aus der Provinz. AfD-Politiker wie Roi empören sich über die Aufnahme von Flüchtlingen genauso wie über die Steuervermeidungstricks großer Konzerne und die Privatisierung öffentlicher Güter, über Unternehmen, die vom deutschen Staat mit Millionen gefördert werden und ihre Fabriken ins Ausland verlagern.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017.

Einfaches Volk gegen globales Kapital – mit dieser Formel gewinnen die Rechten im vormals linken Arbeitermilieu Stimmen, überall in Europa. Im deindustrialisierten Norden Englands und im ländlichen Polen, im Osten Deutschlands und im Süden Frankreichs. Die Front-National-Chefin Marine Le Pen tritt als Kämpferin für die französische Arbeiterklasse auf. Der österreichische Beinahe-Präsident Norbert Hofer von der FPÖ gibt sich als Verteidiger der von Abstiegsängsten geplagten Arbeiterschaft. Und die AfD baut im Ruhrgebiet eine Arbeitnehmerorganisation auf, um SPD und Linken Wählerstimmen abzujagen, im einst roten Pott, im Milieu der Kohlekumpel und Stahlarbeiter.

In der Arbeiterstadt Bitterfeld ist das gar nicht mehr nötig. Die SPD kam hier bei der Landtagswahl auf acht Prozent der Stimmen. Die Linkspartei sackte ab auf 13 Prozent, was für ostdeutsche Verhältnisse ein desaströses Ergebnis ist. Und auch wenn bei der jüngsten Bürgermeisterwahl nicht die AfD gewann, sondern der von einem breiten Bündnis unterstützte Kandidat der CDU: Die Alternative für Deutschland könnte in Bitterfeld bei der Bundestagswahl im September die großen Parteien hinter sich lassen.