Waik Eduar bedauert, an jenem Sonntag nicht gestorben zu sein. Lieber wäre er auf der anderen Straßenseite gewesen, bei den anderen, als es passierte. Stattdessen war er wie fast jeden Tag in seinem kleinen Geschäft für Gesundheitsartikel in Kairo. Es war gegen zehn Uhr, er bediente gerade eine Kundin, als er die ohrenbetäubende Explosion hörte. Zuerst dachte er an eine Mehlexplosion in einer Bäckerei. Doch dann sah er, was sich nur hundert Meter vor seinem Geschäft ereignete. Menschen kam aus der Kirche, blutüberströmt, verstümmelt, einem war das Bein abgerissen. Anwohner eilten herbei, brachten die Verletzten mit ihren Autos in Krankenhäuser. Und mit einem Mal war der Terror in der größten Stadt der arabischen Welt angekommen.

Es war der blutigste Anschlag auf Kopten in der jüngeren Geschichte des Landes. Und mit ihm kamen jene Details und Geschichten, die im Nachrichtenfluss hinter bloßen Zahlen von Todesopfern verschwinden, die man sich aber in der Gemeinde erzählt: blutverschmierte Gesichter, der Junge, der der tödlichen Explosion entkam, weil er zur Toilette musste, das Mädchen, dessen Eltern starben, die Mutter, die beide Töchter verlor. Waik sagt, die Mutter könne sich keinen besseren Tod vorstellen als in der Kirche, beim Beten.

27 Menschen starben am 11. Dezember in Kairo, 47 wurden verletzt. Das jüngste Todesopfer: ein zehnjähriges Mädchen. Am Abend und nächsten Morgen versammelten sich Hunderte mit Kerzen, um für die Opfer zu beten. Anschlagsort war die Sankt-Peter-und-Paul-Kirche direkt neben der großen Markuskathedrale, dem Zentrum der koptischen Kirche und Sitz des koptischen Papstes. Präsident Abdel Fattah al-Sissi sagte einen Tag später, ein 22-jähriger Selbstmordattentäter habe den Anschlag ausgeführt. Vier Personen wurden festgenommen. Die Verdächtigen kommen aus Fayum und einem Kairoer Vorort – beides bekannte Bastionen der Muslimbrüder. Diese verurteilten die Tat offiziell. Der koptische Papst Tawadros II. rief kurz nach dem Terrorakt zu Einigkeit auf. Am darauffolgenden Dienstag beanspruchte die Terrororganisation "Islamischer Staat" das Attentat für sich.

Schon wenige Tage nach dem Angriff fällt am Anschlagsort kaum noch auf, dass es hier vor Kurzem ein Selbstmordattentat gegeben hat. Lose Ziegel liegen auf dem Dach eines Kirchenschiffes, zerborstenes Holz hängt in den Fensterhöhlen. Nur einige Sicherheitskräfte sind vor Ort. Es ist ruhig. Die Ladenbesitzer auf der anderen Straßenseite gehen ihren Geschäften nach. Ein paar Passanten stehen am Straßenrand und schauen zur Kirche hinüber.

Einer von ihnen ist Hani Yasa. Als er von dem Anschlag erfuhr, fiel ihm ein, dass ja auch der Sohn seines Freundes den Gottesdienst besuchen wollte. Und so eilte er zum Anschlagsort, rief gleichzeitig seinen Freund an, der erzählte, dass sein Sohn es nicht überlebt habe; und Hani dachte an Gott und das Schicksal und daran, dass auch er gerne bei dem Anschlag in der Kirche gestorben und vor Gott getreten wäre. Er sei jetzt hier, weil er zum koptischen Papst wolle, um ihn zu trösten, aber er werde nicht hineingelassen.

Dieser Artikel stammt aus Christ & Welt, den Extraseiten der ZEIT für Glaube, Geist und Gesellschaft.

In dem Komplex, in den Hani an diesem Tag hineinwill, sitzt auch Pater Paulus, ein alter Mann mit grauem Rauschebart, das eine Auge schielt. Er ist der Sprecher der koptischen Kirche und des Papstes. Als der Anschlag passierte, konnte er das Donnern der Detonation auch in seinem Büro wenige hundert Meter von der Kirche entfernt hören. Er eilte in das Gebetshaus und sah das Chaos aus zersprengten Kirchenbänken und Blut und quälte sich mit der Suche nach einer Antwort auf die Frage, warum jemand die Kopten nur so hassen könne. Er kam zu dem Schluss, dass es vor allem die radikalen Ideen und extremistischen Reden sind, die zum Hass anstiften. Dadurch seien solche Attentate möglich, sagt er. Der Staat müsse notwendige Maßnahmen umsetzen, um diese fanatischen Ideologien zu bekämpfen. Pater Paulus wirkt milde, aber müde. Die Lage sei nicht außergewöhnlich in den Augen der Kirche. "Wir haben uns an diese radikalen Ideen gegen die Kopten gewöhnt." Mit Ehrgeiz und Ausdauer wolle man dem Terror entgegentreten.

Die Toten, so Pater Paulus, seien in diesem Kampf um Gerechtigkeit nicht nur Opfer, sondern Märtyrer. Der Anschlag habe die Kopten vereint. Es sei aber auch wichtig, dass sich Staat, Muslime und koptische Kirche vereinen, um humanitäre Moralvorstellungen und Werte in der ägyptischen Gesellschaft zu verankern. Der junge Täter mache ihn traurig. Er sei einer von vielen gewesen, die solche radikalen Ideen hätten. "Ich bitte um Vergebung für die Verbrecher."

Die Kirche liegt an der Ramses-Straße, benannt nach Ägyptens berühmtestem Pharao Ramses II. Unter seiner Regentschaft erlebte das Land eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte, Frieden herrschte. Das heutige Ägypten scheint sich zunehmend von diesem Ideal zu entfernen. Zu der schwelenden Wirtschaftskrise kommen immer wieder Angriffe durch Terrorgruppen, in den letzten Monaten jedoch ausschließlich gegen Sicherheitsbeamte. Weniger als 48 Stunden vor dem Anschlag auf die Kirche starben sechs Polizisten durch eine Bombe in einem Mülleimer im Stadtteil Gizeh. Der Anschlag auf eine zivile Minderheit könnte nun einen Wendepunkt bedeuten. Präsident Sissis Sicherheitsversprechen, mit dem er immer wieder seinen autoritären Regierungsstil rechtfertigt, bröckelt.

Wenige Stunden nach dem Anschlag am Sonntag versammelten sich mehrere hundert Demonstranten vor der Kirche und riefen "Das Volk will den Sturz des Regimes" – die Losung der Tahrir-Proteste von 2011. Als Innenminister Magdi Abdel Ghaffar den Anschlagsort am Nachmittag besuchte, sah er sich einem Schwall von Beschimpfungen und Rücktrittsforderungen ausgesetzt. Demonstranten hinderten ihn daran, die Kirche zu betreten. Christen werfen dem Regime vor, nicht genug für die Sicherheit getan zu haben. Tatsächlich bleibt die Frage offen, wie ein Selbstmordattentäter unbemerkt in eine Kirche direkt neben dem Zentrum des koptischen Papstes gelangen konnte.

Die Religion ist politisiert

Laut Angaben der Nachrichtenagentur Reuters sagten fünf Überlebende des Anschlags, es habe vor dem Gottesdienst keine regulären Sicherheitschecks gegeben. Dabei seien koptische Einrichtungen einfache Ziele für Terroristen, so Nahostexperte Stephan Roll von der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Gerade der Anschlag in Kairo hat einmal mehr gezeigt, dass sich der Staat hier viel zu wenig einbringt." Das habe auch damit zu tun, dass Sissis Überwachungsstaat vor allem damit beschäftigt sei, gegen eine kritische Zivilgesellschaft und die gewaltfreie politische Opposition vorzugehen.

Der Anschlag auf die Kirche im Herzen des koptischen Ägyptens markiert den traurigen Höhepunkt einer Geschichte von Benachteiligung und Übergriffen auf Kopten. Die religiöse Minderheit macht zirka zehn Prozent der ägyptischen Bevölkerung aus, ist in allen Bevölkerungsschichten vertreten. Doch Experten betrachten die allgemeine Situation der Christen kritisch. Mina Thabet sitzt in einem kargen Büro im zwölften Stock eines gesichtslosen Gebäudes mit Blick auf die Betonwüste Kairos. Er arbeitet für die Egyptian Commission for Rights and Freedoms, eine NGO, die über Minderheiten in Ägypten recherchiert. Erst vor wenigen Monaten ist er aus einer anderthalbmonatigen Haft entlassen worden. Die Anklage: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Immer wieder werden Menschenrechtsaktivisten in Ägypten verhaftet und Opfer von Schauprozessen.

Thabet sagt, die Situation der Christen in Ägypten sei seit der Revolution im Jahr 2011 schlechter geworden. Vor allem unter der Regierung der Muslimbrüder. Seit Präsident Sissi an die Macht kam, habe sich die Situation der Christen überhaupt nicht verbessert. Im Gegenteil: Die Egyptian Initiative for Personal Rights (EIPR) kommt zu dem Schluss, dass es in Sissis Amtszeit die meisten Angriffe auf Kirchen seit der Revolution gegeben habe. Allein in diesem Jahr seien es laut Thabet mindestens zehn Angriffe auf Christen gewesen, andere Aktivisten sprechen von mindestens 25. Vor allem in der oberägyptischen Provinz Minya häufen sich die Vorfälle. Dort machen Christen ein Drittel der Bevölkerung aus. Seit 2011 hat es allein hier laut EIPR 77 Angriffe gegeben. Erst im Juni erstach eine Gruppe von Muslimen einen Christen. Zuvor gab es Gerüchte, Christen wollten Gebäude in Kirchen verwandeln, woraufhin mehrere christliche Häuser angezündet wurden. Einen Monat später wurde eine 70-jährige Christin nackt durch ein Dorf geschleppt, weil ihr Sohn eine Affäre mit einer muslimischen Frau gehabt haben soll. Im November wurden in einer anderen oberägyptischen Gemeinde Häuser von Christen angezündet. Die kleine christliche Gemeinde hatte ein Gemeinschaftshaus errichtet, hinter dem Muslime einen heimlichen Kirchenbau vermutet hatten.

Übergriffe von Mobs kämen mehrfach vor, sagt Menschenrechtsaktivist Mina Thabet, Strafverfolgung gebe es kaum. Das Problem sei das Rechtssystem, ein Fehlen von Justiz. Die meisten Muslime lebten friedlich mit ihren christlichen Nachbarn zusammen, von einem Religionskrieg könne keine Rede sein, Übergriffe seien bisher eher Einzelfälle. Doch systemisch seien Christen Benachteiligungen ausgesetzt, so Thabet. Ein neues Gesetz etwa erschwere den Bau von Kirchen. Dabei wären solche Bauten dringend nötig: Im Schnitt müssen sich fünfmal so viele Kopten wie Muslime ein Gebetshaus teilen. Zudem werde das bestehende Blasphemiegesetz immer wieder gegen Christen angewandt. Anfang des Jahres wurden vier Teenager zu drei bis fünf Jahren Haft verurteilt, weil sie sich in einem Video über den IS und Muslime lustig gemacht hatten. Gleichzeitig gebe es keine Gesetze gegen die Diskriminierung von Minderheiten, sagt Thabet. Er fragt sich, wieso das Blasphemiegesetz weiter scharf gegen Kopten angewendet wird, obwohl sich Präsident Sissi regelmäßig als Freund der Kopten präsentiert. Es scheint, als wolle sich Sissi durch eine Aufrechterhaltung des Gesetzes den Rückhalt islamischer Traditionalisten sichern.

In Ägypten waren Religionsgemeinschaften immer schon politische Akteure – rund um die aus dem Militär stammenden Präsidenten. Ägyptens legendärer Präsident Gamal Abdel Nasser vertrat die Idee eines säkularen Staates, ließ den Muslimbrüdern nicht viel Spielraum und verfolgte ihre radikalen Auswüchse. Der ehemalige Präsident Anwar as-Sadat hingegen benutzte die Muslimbrüder als Unterstützer, um seine Macht zu festigen, ließ den Islam in das öffentliche Leben. In seiner Amtszeit konnte auch der islamische Extremismus gedeihen, was Sadat letztlich sein eigenes Leben kostete – er fiel einem islamistischen Attentat zum Opfer. Sein Nachfolger Husni Mubarak verbündete sich mit der koptischen Kirche. Gleichzeitig musste er sich auch immer wieder mit islamistischem Terror auseinandersetzen. Unter seiner Ägide wurden Islamisten zwar verfolgt, genossen im Falle der Salafisten jedoch erstaunliche Freiheiten, übten Einfluss auf Moscheen, stellten eigene Fernsehkanäle. Als Mubarak fiel, hatten Islamisten dann freie Hand. Die Zahl der Zerstörungen, der – teilweise tödlichen –Übergriffe auf Christen schnellte in die Höhe.

Nachdem Mubaraks Nachfolger Mohammed Mursi, ein Vertreter der Muslimbrüder, vom Militär 2013 gestürzt wurde, nahmen die Übergriffe deutlich zu – 88 Attacken im Monat nach seinem Sturz. "Das hing letztlich damit zusammen, dass sich der koptische Papst klar auf die Seite des Militärs gestellt hatte", sagt Nahostexperte Roll. Das Militär tötete damals innerhalb von zwei Monaten über tausend Muslimbrüder bei Massenerschießungen. So sind Christen nicht nur wegen ihrer Andersgläubigkeit Ziele, sondern auch, weil ihre Kirche seit Mubarak mit jenem Regime kollaboriert, das Islamisten verfolgt. Die Religion ist politisiert.

Neben den Attacken von Mobs sehen sich Christen immer wieder auch dem Risiko ausgesetzt, Opfer von islamistischem Terror zu werden. Am Neujahrstag 2011 starben bei einem Anschlag auf die Qidissine-Kirche in Alexandria 23 Menschen. Im Februar 2015 wurden 21 Kopten vom IS in Libyen entführt und enthauptet. Doch auch Gewalt vonseiten des Staates waren Kopten in der Vergangenheit mehrfach ausgeliefert. So wurden im Jahr 2011 bei Protesten vor dem Fernsehgebäude Maspero mindestens zwei Dutzend Christen von Sicherheitskräften getötet.

Präsident Sissi behauptet, unter seiner Herrschaft sei all das vorbei. Er stellt sich als Schutzpatron der Kopten dar, unternimmt viel, um dieses Bild von der Nähe zu den Kopten aufrechtzuerhalten. Letztes Jahr besuchte er eine Weihnachtsmesse, ließ sich filmen, fotografieren – nur um drei Minuten später wieder zu verschwinden. Doch das unausgesprochene Abkommen könnte aufweichen. Viele Christen hätten nach dem Anschlag Angst, sagt Menschenrechtsaktivist Thabet. Zu Beginn hätten sie das Sissi-Regime unterstützt, weil sie dachten, es könne sie vor solchen Anschlägen schützen. Doch weder dieses Versprechen noch eine Gleichberechtigung habe die Regierung gewährleisten können. Viele seien daher jetzt enttäuscht. "Wut steigt auf", sagt er.

Waik Eduar war nach dem Anschlag noch einige Zeit in seinem Geschäft. Irgendwann machte er den Laden zu, zog die Rollläden vor das Schaufenster und ging nach Hause. Gefühlt, sagt er, habe er nichts. Er, seine Freunde, die Nachbarschaft – sie haben sich an die Lage gewöhnt. Trauer, ja, aber die Gesamtstimmung sei wie immer. Er sagt: "Natürlich ist das nicht normal, aber was wollen wir machen?"

Das koptische Weihnachtsfest wird am 7. Januar gefeiert. Die verwüstete Kirche soll bis dahin wieder repariert und hergerichtet sein. Dann soll man nichts mehr sehen können von dem blutigsten Anschlag auf Ägyptens größte Minderheit. Das Risiko aber, als Christ in Ägypten Opfer zu werden, bleibt.