Jedes Jahr machen sich Millionen Menschen auf den Weg nach Lourdes, dem wohl berühmtesten Wallfahrtsort der Welt. Dagegen ist auch nichts zu sagen. Reisen ist schließlich immer etwas Schönes, und Lourdes liegt in einer prächtigen Gegend in den französischen Pyrenäen. Der Grund für diese spezielle Art von Massentourismus ist allerdings der Glaube, dass die Gottesmutter Maria dort seit dem 19. Jahrhundert immer wieder allerlei Wunder vollbringt. Mit ganz verschiedenen Krankheiten, von Gedächtnisschwäche bis Krebs, kommen die Pilger in die Grotte von Lourdes, um sich dort bei der Quelle mit wundertätigem Zauberwasser heilen zu lassen. Und genau an diesem Punkt wird ein Mythos zur Tatsachenbehauptung, ein subjektives Gefühl zur wissenschaftlich widerlegbaren Aussage und eine märchenhaft-mystische Erzählung zur knallharten Geschäftemacherei. Wer behauptet, dass man mit dem Wasser von Lourdes Krankheiten heilen kann, der darf sich auch nicht beklagen, wenn diese Behauptung genauer unter die Lupe genommen wird und im gebündelten Licht der Wissenschaft zu schmelzen beginnt.

Die Erfolgsquote der wunderheilenden Muttergottes lässt sich statistisch untersuchen. Man weiß, dass sich bestimmte Krankheiten ganz einfach von selbst zurückentwickeln können. Bei Krebs spricht man in diesem Fall von "spontaner Remission". Manche Patienten scheinen ganz zufällig und ohne erkennbare Ursache das Glück zu haben, dass sich ihr Tumor zurückentwickelt oder ganz verschwindet. Wie häufig das passiert, ist umstritten – die Fachliteratur geht von einer spontanen Remission unter hunderttausend Fällen aus, manche Studie hält die Rate der Zufallsheilungen sogar für deutlich höher.

Wenn Jahr für Jahr mehrere Millionen Menschen nach Lourdes fahren und man annimmt, dass zumindest fünf Prozent von ihnen die Pilgerreise wegen eines Krebsleidens auf sich nehmen, dann kann man eigentlich damit rechnen, mindestens alle ein bis zwei Jahre unter den Lourdes-Pilgern eine spontane Krebsheilung beobachten zu können.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 2 vom 5.1.2017. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Diese Zahl kann man mit der Liste der offiziell von der Kirche anerkannten Wunder von Lourdes vergleichen. Wenn man bedenkt, wie viele Leute nach Lourdes pilgern, ist diese Liste allerdings erstaunlich kurz. Außerdem stammen viele der offiziell bestätigten Wunder aus der Frühzeit des Wallfahrtsorts, als die medizinische Diagnostik noch nicht besonders hoch entwickelt war und man wohl so manche Lungenkrankheit etwas voreilig für lebensbedrohliche Tuberkulose hielt. Dementsprechend ging die Wunderkraft der Quelle mit der Zeit zurück – in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts kommt man nicht mal mehr auf eine Wunderheilung in zwei Jahren. Die Anzahl der Krebsheilungen von Lourdes ist noch viel geringer.

Der Astronom und Physiker Carl Sagan kam zu ähnlichen Zahlen und machte sich darüber lustig, dass die Rate von spontanen Remissionen unter den Pilgern von Lourdes geringer zu sein scheint als im Rest der Bevölkerung. Es gibt dort weniger Wunderheilungen, als man allein schon durch reinen Zufall erwarten würde. Aus statistischen Gründen sollte man auf eine Pilgerreise nach Lourdes daher besser verzichten, wenn man von Krebs geheilt werden möchte.

Zusätzlich müsste man in eine zuverlässige Kosten-Nutzen-Analyse miteinbeziehen, dass man sich bei der Pilgerreise auch mit allerlei bösen Krankheiten anstecken kann. Wer weiß, welche Krankheitserreger die anderen Pilger im Wasserbecken hinterlassen haben, in dem man fröhlich herumplanscht. Auch das Risiko, auf der Reise nach Lourdes einen schweren Verkehrsunfall zu haben, dürfte statistisch deutlich höher liegen als die Chance auf eine Wunderheilung.

Wenn man ausreichend viele kranke Leute an einem Ort versammelt, dann werden manche von ihnen auf unerklärliche Weise gesund. Das ist nicht überraschend, das ist eine statistische Notwendigkeit – genauso wie irgendjemand die richtigen Lottozahlen erraten wird, wenn ausreichend viele Leute mitspielen. Nur wird aus ein paar überraschenden Heilungen an einem Marien-Wallfahrtsort eine bejubelte Sensation; eine unerklärliche Heilung in der Krebsstation des Krankenhauses finden wir weitaus weniger erstaunlich. Sie verschwindet nämlich in der Menge der Heilungserfolge, die im Krankenhaus auf durchaus erklärbare, wissenschaftlich nachvollziehbare Weise zustande kommen. Das ist nicht fair. Eine Heilung ist immer etwas Wunderbares. Sie wird nicht weniger großartig, bloß weil man auf molekularbiologischer Ebene erklären kann, wodurch sie ausgelöst wurde. Wenn jemand durch bloßen Zufall gesund wird, aus Gründen, die wir nicht verstehen, dann spüren manche Leute ein mystisches Kribbeln im Bauch und errichten Gedenktafeln, Tempel oder Kapellen. Wenn hingegen jemand gesund wird, weil Generationen kluger Leute eifrig daran geforscht haben, eine wissenschaftlich fundierte Heilmethode zu entwickeln, dann finden wir das selbstverständlich, gewöhnlich und ein bisschen langweilig. Vielleicht kann die Wissenschaft von den Werbestrategien der Wundergläubigen noch etwas lernen. Warum gibt es keine Pilgerstätte, in der die wunderbare Wirkung der Strahlentherapie gewürdigt wird? Warum gibt es keine Kathedrale der orthopädischen Chirurgie? Warum feiern wir nicht einmal im Jahr das Hochfest des Antibiotikums?

Florian Aigner: Der Zufall, das Universum und du. Brandstätter Verlag, Wien 2016; 248 Seiten, 22,90 €